Geschmäcker sind verschieden
Die von Stararchitekt Mario Botta entworfene neue Busstation im Herzen Luganos spaltet die öffentliche Meinung. Der umstrittene Verkehrsknotenpunkt wird am Wochenende eingeweiht.
Die Zeit ist reif: Am kommenden Samstag darf der Tessiner Bau- und Verkehrsminister Marco Borradori (Lega) seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen und das Einweihungsband durchschneiden. Auch Architekt Mario Botta wird dabei sein, flankiert von Luganos übermächtigem Stadtvater Giorgio Giudici, wenn der neue Busbahnhof der Öffentlichkeit übergeben wird.
Alle städtischen Buslinien fliessen hier neuerdings zusammen; Botta hat diesen zentralen Umsteige- und Warteplatz an der Piazza Ex-Scuole – einst stand hier eine Schule – mit einer 70 Meter langen, hell verkleideten Metallkonstruktion überdacht. Der Schlitz im Dach wird durch Streben überbrückt, die überdimensionalen Lego-Steinen ähneln.
Warten ohne zu frieren
Eine Reihe von Kiosken, die die Plattform vom benachbarten Parkplatz abtrennt, muss noch gebaut werden. An diesen darf künftig während des Wartens eingekauft werden. Der Verkehrsknotenpunkt wird nachts nicht beleuchtet, sondern selbst zur Leuchte. Wie eine Laterne verfärbt sich die Plattform violett, «um den Wartenden «, so Botta, «im Winter Wärme zu geben».
Der Clou: Die Farben wechseln mit den Jahreszeiten. Blau im Frühjahr, weiss im Sommer, rötlich im Herbst. Die Schaltung der Lampen im Inneren der Verkleidung machts möglich. Schon lange vor dem Festakt am Samstag hat sich die öffentliche Meinung mit dem neuen urbanistischen Bauwerk auseinandergesetzt. Vor allem kritisch. Viele Luganesi sind regelrecht entsetzt.
Gigantomanie ?
Unzählige Leserbriefe gingen in den Lokalredaktionen ein. Von Verschandelung der Stadt war die Rede. Die Plattform verstelle die Sicht auf die Häuserfassaden rund um den Platz und sei vollkommen überdimensional für ein Städtchen wie Lugano. Auch die Bauvergabe an Botta ohne Wettbewerb gefiel nicht allen. Tatsächlich wurde die Öffentlichkeit erst informiert, als die Baufirmen die gigantischen Metallstreben bereits montierten.
Die Vorbehalte sind nicht überall gut angekommen. «Wer kritisiert, sollte vorher erst mal nachdenken», ereiferte sich Sindaco Giudici beim entsprechenden Medientermin. Und auch Botta hat sich mit den Attacken schwer getan, obwohl er «konstruktive Kritik befürwortet», wie er gegenüber Swissinfo betonte.
Hätte es eine Ausschreibung gegeben, ist er sicher, hätte er dieses urbanistische Zeichen nie setzen können. Im streitsüchtigen Tessin sei es fast unmöglich geworden, zukunftsgerichtete Projekte zu verwirklichen. Bottas Trost: «Es gab Kritik, aber ich habe auch sehr viele positive Zuschriften erhalten».
Die Plattform ist als Verkehrsknotenpunkt die neue Drehscheibe in Lugano und verlagert das Epizentrum der Stadt vom See in Richtung Norden. Alle Stadtbusse kommen seit Anfang Januar dort vorbei, die Linienführung durch die Agglomerations-Gemeinden wurde gleichzeitig verbessert, die Frequenzen erhöht, die Anzahl der Haltestellen von 170 auf 190 aufgestockt.
Aufwertung des Öffentlichen Verkehrs
Der ÖV – stets ein Stiefkind im Autokanton Tessin – erhält damit einen erheblichen positiven Schub. Quer zu dieser Förderung steht allerdings, dass die erst kürzlich installierten neuen Billetautomaten kein Retourgeld geben. Nur abgezählte Beträge sind einzuwerfen, was nicht wenige Benutzerinnen und Benutzer bei Fahrpreisen von einem Franken zehn und einem Franken neunzig verärgert hat.
Mehrfahr- und Cash-Karten
Die Stadtbetriebe -inzwischen eine Aktiengesellschaft – verteidigen sich: Sie wollen die Benutzer zum Verkauf von Mehrfahrkarten und dem Benutzen der Cash-Karte zwingen.
Die Verbesserung des ÖV-Angebots im Stadtbereich Lugano ist Teil des Verkehrsplans Luganese, der eine Reihe wichtiger Strassenprojekte vorsieht. «Der ÖV bleibt nur ein ergänzendes Angebot zum Individualverkehr», erklärte Giudici unmissverständlich und verteidigte zugleich die Wichtigkeit von Parkplätzen im Zentrum.
Kernelement im Verkehrsplan ist der Bau des Tunnels Vedeggio-Cassarate, der nahe des Fussballstadions Cornaredo in der Stadt mündet und etliche Quartiere vom überbordenden Privatverkehr entlasten soll. «Wir hätten diesen Tunnel gerne heute schon eröffnet», waren sich Giudici und Borradori einig.
Der Freisinnige Stadtpräsident muss aber noch ein paar Jahre warten, bis sich sein Traum erfüllt haben wird. In der Zeitschrift «Arcobaleno» des Tarifverbundes Tessin und Misox lässt er sich so zitieren: «Auf neuen Strassen zu fahren, wird stets mein Traum bleiben.»
Gerhard Lob, Lugano
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