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UBS möglicherweise von Zwangsarbeiter- Forderung betroffen

Ein ehemaliger Zwangsarbeiter in einem Zementwerk in Oberschlesien hat Entschädigungsansprüche aus dem Bankenvergleich angemeldet. Der Schweizerische Bankverein, der Ende 1997 mit der Bankgesellschaft zur UBS fusionierte, war an der Fabrik beteiligt.

Ein UBS- Sprecher bestätigte am Dienstag (08.08.) auf Anfrage eine Meldung des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel», wonach eine erste Forderung eines ehemaligen Zwangsarbeiters bei dem für den Bankenvergleich zuständigen New Yorker Richter Edward Korman eingegangen sei.

Er wies aber Darstellungen zurück, wonach die UBS respektive der Bankverein im Krieg Zwangsarbeiter beschäftigt habe. Das fragliche Portland- Zementwerk Golleschau im polnischen Posen / Oberschlesien gehörte in den Dreissiger Jahren der Continentalen Gesellschaft für Bank- und Industriewerte (Contvalor).

An dieser 1930 auf Initiative der österreichischen Creditanstalt gegründeten Finanzbeteiligungs- Gesellschaft beteiligten sich laut Angaben des UBS-Sprechers auch der SBV sowie andere europäische Banken.

Sie übernahm nach dem Börsencrash von 1929 Beteiligungen an Industrieunternehmen und Banken. Durch den Zusammenbruch der Creditanstalt 1931 erhielt der Bankverein eine Mehrheitsbeteiligung an der Holding.

SS- Kontrolle der Zementfabrik

Nach dem deutschen Einmarsch in Polen 1939 kam das Golleschauer Portland Zementwerk unter die kommissarische Verwaltung der SS, die Industrieunternehmen im ganzen Deutschen Reich managte und Zwangsarbeiter einsetzte. In Berlin aufgefundene Dokumente lassen darauf schliessen, dass auch in jenem Zementwerk etwa 400 Zwangsarbeiter eingesetzt wurden.

Da die Contvalor den Einfluss auf die Führung des Zementwerkes verloren hatte, verhandelte ihr Verwaltungsrat, in dem sich auch Bankverein-Vertreter befanden, 1941-1943 mit der SS über den Verkauf der Fabrik an ein anderes unter SS-Führung stehendes Werk.

Laut «Spiegel» kam der Verkauf nicht zu stande. Der UBS-Sprecher kennt den genauen Ausgang der Verhandlungen nicht. Ein Streitpunkt sei die von Schweizer Seite gestellte Forderung nach Bezahlungen in Schweizer Franken gewesen. 1969 wurde die Contvalor liquidiert.

Bankenvergleich oder Zwangsarbeiterstiftung

Kann der ehemalige Golleschauer Zwangsarbeiter seine Forderungen glaubhaft machen, so könnte er nach den Worten des UBS-Sprechers entweder durch die deutsche Stiftung für Zwangsarbeiter entschädigt werden, oder aber aus dem 1,25 Mrd. Dollar schweren Schweizer Bankenvergleich – je nachdem, ob die Kausalkette auf eine Verantwortung des Bankvereins schliessen lässt oder nicht.

Der für den Bankenvergleich zuständige Richter Edward Korman hatte Ende Juli Schweizer Unternehmen aufgefordert, seinem Gericht binnen Monatsfrist Unterlagen über mögliche Vestrickungen in die Beschäftigung von NS-Zwangsarbeitern zu übermitteln. Ansonsten wären sie vom Vergleich ausgeschlossen und nicht gegen mögliche Klagen geschützt.

swissinfo und Agenturen

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