Fünf Grafiken zu globalen Ernährungskrisen
Der jüngste Ernährungsbericht der UNO zeichnet ein besorgniserregendes Bild: Der Hunger nimmt zu, verfestigt sich und betrifft immer mehr Länder. Das steckt dahinter.
1. Akute Ernährungsunsicherheit hat sich in zehn Jahren verdoppelt
Die Zahl der von akuter Ernährungsunsicherheit betroffenen Menschen hat sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt: von 105 Millionen in 48 Ländern im Jahr 2016 auf 266 Millionen in 74 Ländern im Jahr 2025.
Dieser Anstieg ist hauptsächlich auf die Zunahme von Konflikten und die Verlängerung humanitärer Krisen auf der Welt zurückzuführen.
Diese Zahlen umfassen Menschen, die mit hohen Niveaus akuter Ernährungsunsicherheit konfrontiert sind, entsprechend den Phasen 3 bis 5 der IPC-Skala (siehe Infobox).
Sie stammen aus der neusten Ausgabe des Global Report on Food CrisesExterner Link (GRFC), der am 24. April von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und dem Welternährungsprogramm (WFP) veröffentlicht wurde.
«Akute Ernährungsunsicherheit verbessert sich nicht. Sie verfestigt sich, konzentriert sich und wird vorhersehbarer», sagte Beth Bechdol auf einer Pressekonferenz im Palais des Nations in Genf.
Die stellvertretende Generaldirektorin der FAO zeichnete ein düsteres Bild und fügte hinzu: «Rund 370 Millionen Menschen befinden sich in einer Stresssituation [IPC-Phase 2] – also nur einen Schock davon entfernt, in eine Krise zu geraten. Wenn es uns nicht gelingt, sie frühzeitig zu unterstützen, werden sie die nächste Welle von Menschen in Not bilden.»
Das Integrierte Klassifikationsrahmenwerk für Ernährungssicherheit (IPC) ist eine Skala, mit der sich der Schweregrad und das Ausmass der Ernährungsunsicherheit weltweit klassifizieren lassen. Es wird von der UNO, Expertinnen und Experten sowie NGOs und Staaten erarbeitet.
Phase 1: Normalität/Minimal: Die Haushalte decken ihren Grundbedarf, ohne auf untypische und nicht nachhaltige Strategien zur Nahrungsmittelbeschaffung und Einkommenserzielung zurückzugreifen.
Phase 2: Stress: Es besteht ein minimal adäquater Nahrungskonsum, jedoch greifen die Haushalte auf Strategien zurück, um ihre Ausgaben für Nicht-Nahrungsmittel decken zu können.
Phase 3: Krise: Es gibt Konsumdefizite, die sich in hoher Mangelernährung widerspiegeln. In dieser Phase befinden sich auch Haushalte, die ihren Grundbedarf nur knapp decken, indem sie wichtige Mittel veräussern oder Krisenstrategien anwenden.
Phase 4: Notfall: Es gibt erhebliche Nahrungsmitteldefizite, die zu sehr hoher Mangelernährung und übermässiger Sterblichkeit führen. Im Notfall befinden sich auch Haushalte, die ihre Defizite durch Notfallstrategien und die Veräusserung ihres Vermögens verringern.
Phase 5: Katastrophe/Hungersnot: Trotz maximaler Anwendung von Anpassungsstrategien herrscht extremer Mangel an Nahrungsmitteln und/oder Mitteln zur Deckung anderer Grundbedürfnisse. Kritische Niveaus von Auszehrung, Todesfällen, Verarmung und Mangelernährung sind offensichtlich. Für eine Hungersnot muss eine Region kritische Niveaus von Mangelernährung und Sterblichkeit aufweisen.
Quelle: IPCExterner Link
Als Schauplätze der grössten Krisen stechen vier Länder hervor: Afghanistan, Sudan, Südsudan und Jemen. Sie sind von Konflikten verwüstet und konzentrieren die höchste Anzahl und den höchsten Anteil an hungernden Menschen.
Die Autorinnen und Autoren des Berichts warnen zudem vor Mangelernährung, die besonders für Kinder und schwangere Frauen gefährlich ist. So litten im Jahr 2025 rund 35,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren in 23 Ländern an akuter Mangelernährung. Knapp zehn Millionen wiesen eine schwere Auszehrung auf.
«Diese Kinder sind im Verhältnis zu ihrer Körpergrösse zu dünn. Ihr Immunsystem ist so geschwächt, dass gewöhnliche Kinderkrankheiten für sie tödlich sein können, und ihr Sterberisiko ist zwölfmal höher als das von gut ernährten Kindern», sagte Ricardo Pires, stellvertretender Sprecher des UNO-Kinderhilfswerks Unicef.
Im vergangenen Jahr litten 9,2 Millionen schwangere oder stillende Frauen an akuter Mangelernährung, wodurch sich die Erkrankungs- und Sterblichkeitsrisiken für ihre Kinder erhöhten.
2. Die Fälle von Nahrungsmittelkatastrophen haben sich in zehn Jahren verneunfacht
Ein weiterer beunruhigender Trend ist, dass die Fälle von Nahrungsmittelkatastrophen in zehn Jahren exponentiell zugenommen haben: Zwischen 2016 und 2025 hat sich die Zahl der Menschen am Rand einer Hungersnot (IPC 5) von 155’000 Personen in zwei Ländern auf 1,4 Millionen in sechs Ländern verneunfacht.
Zum ersten Mal seit zehn Jahren wurden im vergangenen Jahr zwei Hungersnöte bestätigt: in Gaza und im Sudan, wo diese in einigen Regionen andauert.
«Dies zeugt von einer starken Verschärfung der extremsten Formen von Hunger und Mangelernährung, die hauptsächlich auf Konflikte und Einschränkungen des humanitären Zugangs zurückzuführen sind und durch Zwangsvertreibungen verschlimmert werden», erklärten die Autorinnen und Autoren des BerichtsExterner Link.
Auch die Notfälle (IPC 4) nehmen zu: Im Jahr 2025 waren 39 Millionen Menschen in 31 Ländern betroffen, im Vorjahr waren es 35 Millionen in 36 Ländern. Als Ursache werden laut Bechdol «erhebliche Anstiege in Ländern wie Afghanistan, der Demokratischen Republik Kongo, Myanmar, Gaza und dem Jemen» genannt.
3. Konflikte sind die Hauptursache für Hunger
Krieg ist nach wie vor die Hauptursache für Hunger in der Welt – noch vor extremen Klimaereignissen und wirtschaftlichen Schocks, die sich oft gegenseitig verstärken.
«Hunger wird zunehmend als Kriegswaffe eingesetzt», stellte UNO-Generalsekretär António Guterres fest und verwies auf die Hungersnöte in Gaza und im Sudan.
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Der Konflikt im Nahen Osten könnte die Ernährungskrisen verschärfen, wenngleich die Autorinnen und Autoren des Berichts der Ansicht sind, dass es hierfür noch zu früh ist.
Sie nennen unter anderem Risiken im Zusammenhang mit steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen, Störungen bei Importen sowie eingeschränktem Zugang zu landwirtschaftlichen Betriebsmitteln, darunter Düngemittel.
4. Anhaltende Krisen verdichten die Ernährungsunsicherheit auf betroffene Regionen
In den letzten zehn Jahren lebte fast die Hälfte aller hungernden Menschen in nur sechs Ländern: Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, Nigeria, Sudan, Syrien und Jemen.
«Ernährungsunsicherheit verwurzelt sich zunehmend», sagte Jean-Martin Bauer, Direktor für Ernährungssicherheit beim WFP. «Von den 47 im Bericht analysierten Ländern tauchen 33 jedes Jahr wieder auf.» Diese Länder in anhaltenden Krisen vereinen rund 80% der von Hunger betroffenen Menschen.
«Wenn wir nicht früher und anders handeln, werden sich diese Krisen weiter verschärfen und wiederholen», warnte Bechdol.
5. Humanitäre Mittel und Entwicklungsfinanzierungen gehen zurück
Trotz der Zunahme von Krisen sind die für humanitäre Hilfe und Entwicklung im Ernährungsbereich bereitgestellten Mittel rückläufig. Sie haben 2025 ihren niedrigsten Stand seit 2016/17 erreicht.
Dieser Rückgang wirkt sich auch auf die Datenlage aus. In diesem Jahr konnten weniger Länder im Bericht erfasst werden, da die Ressourcen begrenzt sind.
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Ohne ausreichende Finanzierung, Daten und Zugang könne das humanitäre System «nicht auf dieses vorhersehbare und vermeidbare Problem des Hungers reagieren», sagte Bauer.
Editiert von Virginie Mangin/ptur, Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub
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