WHO wirft Tabakkonzernen Untergraben ihrer Programme vor
Die Aktivitäten der WHO zur Tabakkontrolle sind von der Tabakindustrie jahrelang unterwandert worden. Zu diesem Schluss kam ein Expertenkomitee unter Leitung von Thomas Zeltner, Direktor des schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit.
Das Ausmass der Aktivitäten von Seiten der Tabakindustrie gegen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sei schockierend, sagte BAG-Direktor Zeltner am Mittwoch (02.08.) an einer Medienorientierung in Genf.
Die von ihm geleitete Expertengruppe untersuchte Dokumente der Tabakkonzerne, die im Prozess des US-Staates Minnesota gegen den Industriezweig veröffentlicht wurden.
«Die eigenen Akten der Tabakunternehmen zeigen, dass sie die WHO, eine internationale Gesundheitsbehörde, als einer ihrer grössten Feinde betrachteten», schreiben die Wissenschaftler in ihrem 248-seitigen Bericht.
Unterwanderung der UNO
Die Firmen hätten eigene Vertreter in WHO-Gremien untergebracht und UNO-Delegierte aus Entwicklungsländern beeinflusst, gegen die Anti-Raucher-Programme der WHO zu stimmen. Dies stelle die Integrität der WHO-Entscheidungen in Frage, bilanziert die Studie.
Die Tabakkonzerne hätten ausserdem andere UNO-Organisationen benutzt, um sich Informationen über die WHO zu beschaffen.
Die Überprüfung der Dokumente habe ferner ergeben, dass die Unternehmen sich hinter angeblich unabhängigen Institutionen versteckt hätten. So hätten sie heimlich scheinbar unabhängige Wissenschaftler für Studien und Vorträge bezahlt.
Tabakindustrie bedauert
Solche Taktiken setze die Tabakindustrie heute nicht mehr ein, sagte ein Sprecher von Philip Morris der «Washington Post». Die betreffenden Dokumente seien das Ergebnis einer langen Auseinandersetzung gewesen.
Auch eine Sprecherin von British American Tobacco betonte, ihr Unternehmen versuche, das Verhältnis zur WHO zu entspannen. «Wir können wirklich nicht verstehen, was dieser Bericht zu erreichen hofft», sagte sie.
Nach Schätzungen der WHO sterben jährlich mehr als vier Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens. In 30 Jahren könnten es zehn Millionen Opfer pro Jahr sein, weil der Konsum in Ländern wie China stark zunehme.
swissinfo und Agenturen
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