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Kleine Köpfe – grosse Schritte

Projektleiter David Lordkipadnize mit dem Schädel in Dmanisi, Georgien. Projektleiter David Lordkipadnize mit dem Schädel in Dmanisi, Georgien.

Neue Fossilfunde zeigen, dass es vor Millionen von Jahren zum Auswandern weder viel Hirn noch grosse Muskelkraft brauchte.

Ein internationales Forscherteam, zu dem auch Schweizer gehören, hat im georgischen Dmanisi einen sensationellen Fund gemacht. Es handelt sich um den Schädel eines frühen Menschen mit kleinem Körperbau.

Die Grösse des Schädels könnte ein Anzeichen dafür sein, dass die Ausprägung des typisch grossen Menschenhirns erst nach der Verbreitung des Menschen auf der ganzen Welt aufgetreten ist.

Diese Vermutung wurde am Freitag im Magazin «Science» veröffentlicht. Unter den Experten befinden sich auch zwei Forscher der Universität Zürich, Spezialisten auf dem Gebiet der computerunterstützten Schädelrekonstruktion.

Gefunden wurde der Schädel in einer Schicht vulkanischer Asche unter den Ruinen einer mittelalterlichen Siedlung. Die Fundstelle befindet sich nahe der Grenze zu Armenien, rund 80 km entfernt von der georgischen Hauptstadt Tiflis.

Wie zwei andere Fundstücke, die an derselben Stelle entdeckt wurden, wird das Alter des Schädels auf rund 1,75 Mio. Jahre geschätzt. Seine Grösse jedoch ist im Vergleich zu anderen Schädeln aus dieser Zeit wesentlich kleiner.

«Primitivster Humanoide»

«Dies ist ein wichtiger Fund. Es ist der früheste Beweis für eine menschliche Existenz ausserhalb von Afrika, und es ist der primitivste je gefundene Schädel in ganz Eurasien», meint Projektleiter David Lordkipanidze, Direktor des Georgischen Staatsmuseums in Tiflis gegenüber swissinfo.

Mit seinen rund 600 Kubikzentimetern Inhalt ist das Hirn ungefähr halb so gross wie das eines heutigen Menschen. Homo Erectus und Homo Ergaster, in Afrika gefundene Menschentypen, hatten schon eine wesentlich grössere Hirnmasse.

«Dieses Individuum mit seinem kleinem Hirn zeigt frappante Ähnlichkeit mit Homo Habilis, Fossilien, die in Ostafrika gefunden wurden. Diese sind die ersten, welche wir heute unserer Gattung ‚Homo‘ zuordnen», sagt Reid Ferring, Geografieprofessor an der texanischen Universität Denton.

«Wir müssen nun herausfinden, in welchen Verhältnissen diese Individuen lebten, wie und warum sie dorthin kamen. Weiter, ob die Umwelt eine Rolle als Barriere oder Beschleuniger der Einwanderung in diese Region vor ungefähr 1,8 Mio. Jahren spielte.»

«Wenn wir drei verschiedene Arten Menschen zur gleichen Zeit in Afrika hatten, und drei verschiedene Arten Menschen in Eurasien, könnte dies ein Muster aufzeigen, dessen wir uns noch gar nicht bewusst waren.»

Anspruchsvolle Technologie

Viele Wissenschafter glauben, dass der voll ausgebildete Homo Erectus der erste war, welcher Afrika in Richtung Eurasien verliess. Er hatte schon einige anspruchsvolle Werkzeuge erfunden, wie zum Beispiel die Hand-Axt.

Die Funde von Dmanisi widersprechen nun dieser These. Sie sprechen dafür, dass frühe Menschen Afrika schon Hunderttausende von Jahren früher verlassen hatten, als bisher angenommen.

Die simplen Fund-Gegenstände widerlegen ferner die Idee, dass zum Auswandern schon eine ausgeprägte Technologie nötig war. Nach traditioneller Meinung wäre dazu auch eine erhöhte Intelligenz nötig gewesen. Eine Meinung, die möglicherweise revidiert werden muss.

Grosses Hirn

«Warum sich das menschliche Hirn immer weiter entwickelte, sich diese Entwicklung in den letzten 100’000 Jahren gar noch verstärkte, ist ein komplettes Rätsel», meint Christoph Zollikofer gegenüber swissinfo. Er ist Spezialist für computerunterstützte Paläoanthropologie an der Universität Zürich.

Zollikofer und seine Kollegin Marcia Ponce de Leon studieren Fossilien mit modernster Technologie. Mit ihrer eigens entwickelten Software können sie fehlende Teile früher Menschen auf dem Bildschirm rekonstruieren und die innere Struktur von Knochenmassen studieren.

«Dies ist der kompletteste menschliche Schädel mit Unterkiefer aus dieser Zeit, der je gefunden wurde», meint Zollikofer. «Wir sehen hier anatomische Details, die nie jemand zuvor gesehen hat.»

«Wir hoffen, noch mehr Knochen dieses Individuums an der Fundstelle zu finden, denn diese Fossilien sind extrem gut erhalten. Ich denke, Dmanisi wird zum Pompeii der Paläoanthropologie.»

Vincent Landon
Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub

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