Nackt im Bild
Wie nackt ist nackt? Was ist ein Akt? Seit Anbeginn der Fotografie ist die Nacktheit ein Thema in der fotografischen Abbildung.
Das Photoforum PasquArt in Biel widmet dem Thema eine Ausstellung. Rund 100 Werke aus 140 Jahren dokumentieren das Nackte im Bild.
Gleich zu Beginn der Bieler-Ausstellung heisst es: «Achtung – Die Ausstellung zeigt einige Bilder, die ihr Schamgefühl verletzen könnten.» Und schon ist beim Betrachter, bei der Betrachterin eine Erwartung erweckt, die mitten in die Thematik und Problematik der Nackt-Fotografie führt.
Fragen über Fragen
Wo beginnt Schamgefühl? Was ist Pornografie, was ein künstlerischer Akt? Und wie verhält es sich, wenn Kinder nackt dargestellt werden? Behinderte, versehrte Körper, Tote?
Liegt es bloss im Auge des Einzelnen? Oder wie weit muss die Verantwortung, darf die Provokation des Fotografierenden gehen?
Fragen zum nackten Körper, die sich in der Kunst ganz allgemein stellen, treten in der Fotografie verstärkt zu Tage. Und mit den Fragen taucht auch die (Doppel)-Moral auf. Lustvolle Darstellung des Eros kontra schamvolle Zurschaustellung der zerbrechlichen Nacktheit. Wie auch immer, schauen wollen fast alle.
Der Blick ins Schlafzimmer, auf sonst verhüllte Körper, der Blick auf Details, der scheinbar alles zeigt und doch kein Geheimnis preisgibt, ist ein lebenslang neugieriger, unstillbarer. Oder ein unterdrückter.
Wenige Antworten
Die Schau im Photoforum mit ihren rund 100 ausgewählten Bildern wirft mehr Fragen auf, als dass sie Antworten liefert. Zu konzeptlos erscheint die Ausstellung, wenige Informationen lassen die Besucher teilweise ratlos zurück.
Klingende Namen aus der Geschichte der Fotografie hängen neben zeitgenössischen, unbekannteren. Ethnologische Bilder aus der Zeit, als nackte «Wilde» noch wie Grosswild abgeknipst wurden, kontrastieren mit aktuellen Reportagefotos. Verbunden einzig durch die Nacktheit der Sujets.
Foto-Perlen
Zum Glück sind die grossen Namen so gut, dass sie einen Besuch gleichwohl zum Genuss werden lassen. Die Bilder Man Ray’s (1890-1976) zum Beispiel, mit Meret Oppenheimer aus den frühen 30er Jahren. Klassiker ihres Genres, jung geblieben und noch immer mit jener Prise Verstörtheit durchdrungen, die irritiert.
Gertrude Fehr (1895-1996), deren Name im gleichen Atemzug wie Man Ray genannt werden muss. Die Deutsche, die 1939 in die Schweiz floh und in Lausanne eine private Fotoschule gründete, prägte als Fotografin wie als Lehrerin Generationen von Fotografen und Fotografinnen. Bekannt ist sie für ihre Solarisationen, herausragende Akte, Portraits und Fotomontagen.
Gleichfalls ausgestellt ist eine Schülerin Fehrs: Henriette Grindat (1923-1986). Aus der Serie «Yersin» 1972 sind Ausschnitte von Yersin zu sehen. Sein Ohr, das zur Skulptur wird, die in die Welt hinein hört. Sein Nacken, der Falten wirft, sein behaarter Bauch. Spielerische, zärtliche Momentaufnahmen.
«Nu – Nackt» – zu wenig Begleitinformation
Weiter zu sehen sind der NZZ-Journalist und Fotograf Oswald Iten mit Werken aus Afrika und Brasilien. Hugo Jaeggi mit Bildern von Christoph Eggli. Eggli in Strapsen, mit einer Prostituierten, mit lackierten Fingernägeln, seinen geschunden, behinderten Körper lustvoll in Szene setzend.
Bilder von fast fünfzig Fotografinnen und Fotografen haben Eric Gentil und Heini Stucki für die Ausstellung zusammengestellt. Trouvaillen, Klassiker, Entdeckungen, Raritäten aus den reichen Archivbeständen schweizerischer Fotogeschichte.
Unter dem Begriff «Nu – Nackt » ist vieles versammelt, nicht alles ist gut. Mehr Information, Kurzbiografien, ein Verzeichnis und mehr Struktur hätten der Ausstellung keinen Abbruch getan.
swissinfo, Brigitta Javurek, Biel
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