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Wie die Schweiz zum Kaffeeland wurde

Ein Kolonialwarenladen mit dem Chef, einer Angestellten und einem Kunden (historisch)
Geröstete Kaffeebohnen nahmen im Sortiment des Delikatessengeschäfts von Heinrich Schwarzenbach in Zürich eine zentrale Rolle ein. Die Fotografie entstand um 1920. schwarzenbach.ch

Nur Brasilien exportiert weltweit mehr Kaffee als die Schweiz. Wie konnte ein kleines Land, in dem das Klima den Anbau von Kaffee unmöglich macht, zum zweitgrössten Kaffee-Exporteur der Welt werden? Eine Geschichte, die auch dunkle Kapitel aufweist.

Die Schweiz hat wirtschaftlich etwas geschafft, das eigentlich jeder Logik widerspricht. Mit einem Exportwert von rund 3,3 Milliarden Franken in den letzten Jahren liegt das kleine Land beim Kaffeeexport nur gerade hinter Brasilien, aber vor Giganten wie Kolumbien, Äthiopien oder Vietnam – alles Länder, die Kaffee anbauen. Und die Bohnen liefern, die in der Schweiz geröstet werden.

Mit dieser Veredelung generiert die hiesige Industrie gute Margen: Gemäss dem Swiss Trade Monitor der Universität St. GallenExterner Link werden Kaffeebohnen (so genannter Green Coffee) für etwa fünf US-Dollar pro Kilogramm in die Schweiz importiert. Wenn sie die Schweizer Röstereien verlassen, beträgt ihr Wert pro Kilo 26,80 US-Dollar.

Diese enorme Wertsteigerung macht Kaffee heute zum wichtigsten landwirtschaftlichen Exportgut der Schweiz – mit einem Anteil von rund 33% liegt er noch vor den traditionellen Exportgütern Käse oder Schokolade.

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Zwar liegt die Schweiz bei den reinen Exportmengen etwas hinter Italien und Deutschland zurück, wie die niederländische Regierung in einer Analyse zum Marktpotenzial der Schweiz im KaffeesektorExterner Link schreibt.

Doch die Spezialisierung auf hochpreisige, portionierte Produkte erklärt, warum die Schweiz beim Wert der Exporte die Nase vor diesen beiden Ländern hat.

Angeliefert wird der grüne Kaffee laut der gleichen Quelle fast immer über den Rhein. Die Bohnen erreichen zunächst Seehäfen wie Antwerpen, Rotterdam oder Hamburg, werden dort umgeschlagen und dann per Binnenschiff rheinaufwärts nach Basel transportiert, wo sich viele der grossen Rohkaffeehandelsfirmen angesiedelt haben.

Das Wunder der «wesentlichen Umwandlung»

Doch warum darf der hierzulande nur geröstete Kaffee ein Schweizer Kreuz auf der Verpackung tragen? Das Geheimnis hinter dem Erfolg des Landes ist eine juristische Finesse namens «wesentliche Umwandlung» («substantial transformation»).

Nach internationalem Handelsrecht erhält ein Produkt den Ursprung des Landes, in dem es entscheidend verändert wurde.

Geröstete Kaffeebohnen
Der Röstgrad von frischen Kaffeebohnen macht aus, ob ein Kaffee schmeckt oder nicht. Keystone / Gaetan Bally

Im Fall von Kaffee haben die Zollbehörden weltweit entschieden, dass das Rösten von grünen Bohnen eine solche Umwandlung darstellt. Diese Spitzfindigkeit machte die Schweiz zu einem der weltgrössten Kaffeeländer.

Das «Coffee Valley» und Schweizer Präzision

Doch es sind nicht nur die Bohnen. Rund um den Genfersee und in der Ostschweiz haben sich Ökosysteme entwickelt, das oft als «Coffee Valley» bezeichnet werden. Hier sitzen nicht nur die Giganten wie Nestlé (mit Nescafé und Nespresso), sondern auch die Technologieführer der Branche.

Liegt die Schweiz beim Kaffee auf Platz zwei, so beherrscht sie den Markt der Kaffee-Vollautomaten unangefochten: Etwa 70% aller weltweit verkauften Maschinen stammen aus der Schweiz.

Das Dach einer Fabrik mit einem grossen Logo mit Schweizerkreuz, dahinter Berge
Das Logo des Kaffeemaschinenherstellers Thermoplan an dessen Hauptsitz und Produktionsstandort in Weggis, Kanton Luzern. Urs Flüeler / Keystone

Produziert werden sie von den Branchenführern Jura, Schaerer oder Thermoplan. Letztere etwa liefert alle Kaffeemaschinen für die Filialen der Starbucks-Kaffeekette.

Hinter dem Erfolg der Maschinenhersteller stehen auch Schweizer Zulieferer, die hochspezialisierte Bauteile herstellen. Solche Präzisionskomponenten aus Kunststoff müssen dem extremen Druck von bis zu 20 Bar und Temperaturen von 100°C standhalten, was für einen feinen Kaffee nötig ist.

In diesem Artikel haben wir die Geschichte der Schweizer Kaffeemaschinen aufgearbeitet:

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Rohstoffhandelsplatz Schweiz

Dass die Schweiz zum globalen Hub für Kaffee wurde, liegt auch an ihrer Rolle als Rohstoffhandelsplatz. Laut Swiss Trade Monitor wird geschätzt, dass 60% bis 70% des weltweiten Rohkaffeehandels über Schweizer Schreibtische abgewickelt werden.

Die über 40 Mitglieder der Swiss Coffee Trade Association kontrollieren mehr als die Hälfte des weltweit gehandelten Rohkaffees.

Verschiedenfarbige, gestapelte, längliche Kaffeekapsel-Kartonschachteln mit einem N beschriftet
Kaffee in allen möglichen Variationen: Das Regal eines Nespresso-Shops in Winterthur, Kanton Zürich. Gaetan Bally / Keystone

Kapselkaffee als Booster

Die starke Zunahme der Exportzahlen ab den frühen 2000er-Jahren ist vor allem auf den Erfolg des Kapselsystems zurückzuführen. So produziert Marktführer Nespresso seine Kapseln für den weltweiten Markt ausschliesslich in drei Fabriken in der Schweiz.

Die Schweiz ist zudem eine bedeutende Exporteurin von Instantkaffee und anderen hochverarbeiteten Spezialitäten, die weltweit in Premiumsegmenten positioniert sind.

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Die Schattenseiten des Kaffeegeschäfts

Wenn die Erfolge der Schweiz als Kaffeeland hervorgehoben werden, darf aber nicht vergessen gehen, dass dieses Geschäft historisch aus dem Kolonialismus hervorgegangen ist. Zwar besass die Schweiz nie eigene Kolonien, doch namhafte Schweizer besassen Plantagen.

So war etwa die Familie Escher im Besitz einer Kaffeeplantage auf Kuba, «wo von Hunden bewachte Sklaven 14 Stunden pro Tag zu arbeiten hatten», wie die Schweizer Revue schreibtExterner Link. Alfred Escher gilt als einer der Architekten der modernen SchweizExterner Link.

Schweizer Familien hätten aber nicht nur Plantagen besessen, sondern seien auch stark in der Logistik involviert gewesen, beim Transport von Sklaven und Kaffee.

«Ein Dreiecksgeschäft», nannte es Dominik Flammer, Ernährungsforscher, Autor und Kurator des Culinarium Alpinum in Stans, in einem Podcast zum Thema.

Ein Aufseher beobachtet Arbeiterinnen beim Auspflanzen von Kaffeesetzlingen (historisch)
Ein Aufseher beobachtet Arbeiterinnen beim Auspflanzen von Kaffeesetzlingen auf der indonesischen Insel Sumatra, aufgenommen zwischen 1926 und 1932. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Heute kämpft die Branche weiterhin mit ihrem Image. Noch immer herrschen ökologische und soziale Missstände in den Anbauländern. Nachdem die Europäische Union (EU) eine Verordnung über entwaldungsfreie Erzeugnisse in Kraft gesetzt hat, wurde die Schweizer Plattform für nachhaltigen KaffeeExterner Link ins Leben gerufen.

Durch gezielte Projekte sollen die Lebensbedingungen von Kleinbäuerinnen und -bauern verbessert und die Lieferketten transparenter gestaltet werden. Die Branche orientiert sich dabei an bereits existierenden Modellen aus dem Kakaosektor.

Trotz einer staatlichen Anschubfinanzierung für das Vorhaben zweifeln Kritikerinnen und Kritiker allerdings am ErfolgExterner Link, da das Modell auf Freiwilligkeit statt auf verbindlichen gesetzlichen Verpflichtungen basiert.

Der Blick auf die Schweizer Kaffeeindustrie und die Geschichte des Kaffees in der Schweiz zeigt auch die globalen Verflechtungen dieses Geschäfts, die bis in die Gegenwart hinein Wirkung zeigen und weiterhin Anlass für Kritik geben. Das letzte Kapitel der Schweizer Kaffee-Saga ist also noch lange nicht geschrieben.

Editiert von Balz Rigendinger

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Debatte
Gastgeber/Gastgeberin Zeno Zoccatelli

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