Oberengadin in Gefahr
Massive Bautätigkeit bedroht das Oberengadin. Besonders problematisch sind die vielen Zweitwohnungen.
Das Oberengadin «baut sich zu Tode», warnen die Stiftung für Landschaftsschutz und der Heimatschutz. Nun muss die Landesregierung aktiv werden.
Das Oberengadin ist eine Landschaft von nationaler, ja europäischer Bedeutung, hiess es an einer Medienkonferenz am Donnerstag in Bern. Heute platze das Tal jedoch baulich aus allen Nähten und und gilt als akut bedroht. Hauptgrund: der grassierende Zweitwohnungsbau.
Hors saison eine Geisterstadt
Pro Jahr entstehen rund 400 neue Ferienwohnungen, die zehn bis elf Monate pro Jahr leer stehen, sagte Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz. Das Oberengadin werde zur Geisterstadt, in der fremdes Kapital parkiert liegt. Es sei 5 vor 12, auch für den Tourismus, der von der Landschaft als Kapital lebe.
«Der Bau der Ferienwohnungen im Verlauf der letzten Jahre war für die Landschaft desaströs», erklärt Rodewald gegenüber swissinfo. «Die lokalen Gemeinden brauchen Hilfe, und wir wollen sie ihnen geben.»
«Piz Matratz», der Bettenberg
Die Situation wiege derart schwer, dass sich der Bundesrat darum kümmern müsse. Denn die Exekutive habe die Macht, Projekte zu stoppen, die auf lokaler oder kantonaler Ebene bereits bewilligt worden seien, unterstrich Rodewald.
Caspar Hürlimann, Präsident des Heimatschutzes, erklärte, in der Hochsaison wachse das Oberengadin jeweils zur sechstgrössten Schweizer Stadt zusammen. Die Menschen im Oberengadin und ihr Tourismus seien auf dem besten Weg, den Ast abzusägen, auf dem sie sässen.
Der Bettenberg – im Engadin ironisch «Piz Matratz» – genannt, nimmt ständig zu. Zwischen 1970 und 2002 habe sich die Bettenzahl von 19’484 auf 65’672 mehr als verdreifacht, fügte Hürlimann, an.
Richtplan im Visier
Um der zunehmenden Verbauung einen Riegel zu schieben, sei nun die Landesregierung gefragt, die nach den Sommerferien über den Richtplan des Kantons Graubünden entscheiden müsse.
Der Richtplan erwecke den Eindruck, dass die Siedlungsentwicklung gegenüber bisher noch gefördert werden solle, sagte Rodewald. Ein Richtplan legt fest, wo welche Art Entwicklung möglich ist (Bau-, Industrie-, Wohnzone etc.).
Beschränkungen des Zweitwohnungsbaus seien sicher unerlässlich, sagte alt Bundesrat Rudolf Friedrich. Die bestehenden Bauzonen dürften nicht erweitert und noch intensiver genutzt werden.
Auch sollte die Talstrasse nicht zur Transitachse München-Mailand aufgewertet werden. Dem Verschleiss der Landschaft müsse Einhalt geboten werden, fasste Friedrich die Forderungen der beiden Organisationen zusammen.
Förderstiftung geplant
Die St. Galler FDP-Ständerätin Erika Forster erinnerte daran, dass Bund, Kanton, Region und die Gemeinde Sils sowie die Schutzverbände schon in den 70er Jahren mit einer Sammelaktion 12,6 Mio. Franken zum Schutz der Oberengadiner Seenplatte zusammengebracht hätten, womit 59 Hektaren gesichert worden seien.
Dennoch habe die Siedlungsentwicklung ausserhalb von Sils in den letzten zwölf Jahren um 68 Hektaren zugenommen. Daher brauche es nach 20 Jahren eine neue Gemeinschaftsaktion zum Schutz des Oberengadins.
Um dieses Ziel zu erreichen, soll nach den Sommerferien die Stiftung «Terrafina Oberengadin» gegründet werden. Diese soll sich nicht nur für den Schutz der Landschaft einsetzen, sondern auch für das wirtschaftliche Gedeihen des Tals.
«Nichts wäre für das Oberengadin unheilvoller als das Ausbleiben der Gäste», so Friedrich weiter. Genau dazu komme es aber, wenn der überbordende Zweitwohnungsbau und der Strassenverkehr nicht eingedämmt würden.
swissinfo und Agenturen
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