Mehr Beteiligung, mehr Einfluss? Die ASO-Deutschland setzt auf neue Ideen
Die ASO-Deutschland hat ihre Konferenz online statt vor Ort abgehalten. Die Teilnahme ist im Vergleich zum Vorjahr stabil, die Diskussionen sind engagiert. Offen bleibt: Wie lässt sich die Beteiligung der Auslandschweizer:innen stärken und damit die Rolle der Auslandschweizer-Organisation (ASO) innerhalb der Diaspora?
Wer Online-Kurse oder Sitzungen via Zoom, Teams und Co. besucht, kennt die Tücken: Mikrofone, die ungewollt offen bleiben, Tonprobleme und das Wechseln in Breakout-Räume, das oft von der Frage «Klappt das jetzt?» begleitet wird.
Auch die Konferenz der ASO-Deutschland, die am Donnerstag online stattgefunden hat, blieb nicht ganz von technischen Herausforderungen verschont. Der Aufbruchstimmung der Teilnehmenden tat dies jedoch keinen Abbruch. Eine Grundstimmung, die bereits an der Konferenz im Vorjahr zu beobachten war.
«Letztes Jahr war ein Umbruch. Erstmals wurden die Auslandschweizerräte in Deutschland online und somit repräsentativ gewählt», sagt Sonja Lengning, Präsidentin von ASO-Deutschland, zu Beginn der Konferenz. Es wird nicht das einzige Mal an diesem Tag sein, dass die Repräsentativität des Auslandschweizerrats betont wird.
Zwischen Online und Präsenz
Dass sich die Teilnehmenden für die jährliche Konferenz nicht an einem bestimmten Ort in Deutschland treffen, sondern im virtuellen Raum, geht auf einen Beschluss während der Konferenz von 2024 in Lübeck zurück.
«Wir haben damals entschieden, uns abwechselnd ein Jahr persönlich und ein Jahr online zu treffen», sagt Lengning. Traditionsgemäss findet die Konferenz an Auffahrt statt. «Nächstes Jahr halten wir diese Tradition mit dem Austragungsort Stuttgart noch aufrecht.» Danach sei eine Verlegung in den Herbst vorgesehen.
Nachdem es letztes Jahr deutlich weniger Teilnehmer:innen gab als im Vorjahr, führte die Niederschwelligkeit einer Online-Konferenz zwar nicht zu mehr Teilnehmenden – mit 58 angemeldeten Personen konnte sich ihre Zahl jedoch halten. Von den insgesamt 36 Schweizer Vereinen in Deutschland waren an dieser Tagung des Dachverbands 16 vertreten.
«Es sind eigentlich immer die gleichen Personen und Vereine, die an den Konferenzen teilnehmen. Schade ist, dass nur die Hälfte der Vereine Präsenz zeigen. Dabei würde ihnen das mehr Einfluss geben», sagt Lengning.
Erfreut zeigt sie sich über die «grosse Teilnahme» von Vertreter:innen offizieller Stellen, etwa aus Konsulaten. «Diese Zusammenarbeit müssen wir intensivieren, denn auch sie verfügen über wertvolle Kontakte und Wissen rund um Auslandschweizer.»
Repräsentativität als politisches Kapital
Nicht als Teilnehmer, sondern als Gast von offizieller Seite ist am Donnerstagmorgen unter anderem Laurent Perriard zugeschaltet, der stellvertretende Direktor der Konsularischen Direktion. «Wir sind die Schaltstelle, eine Art Cockpit für die Auslandvertretung im konsularischen Bereich», sagt er. Dazu gehöre auch die Beziehung zu Auslandschweizer:innen.
Grundlage für die Zusammenarbeit ist das Auslandschweizergesetz, das seit zehn Jahren in Kraft ist und besagt, dass der Bund die Beziehungen zu jenen Organisationen pflegt, die Auslandschweizer:innen unterstützen. Namentlich wird die ASO genannt.
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Hier greift Perriard die politische Bedeutung der Repräsentativität des Auslandschweizerrats auf: «Je repräsentativer Sie sind, desto seriöser können Ihre Anliegen hier in Bern angenommen werden.»
Dies betreffe nicht nur Entscheide im Entlastungspaket 27, die die Auslandschweizergemeinschaft direkt betroffen hätten, sondern auch Themen wie Bankverbindungen, Krankenversicherungen oder Stimmrecht.
Ohne Repräsentativität wäre der Auslandschweizerrat einfach eine Versammlung von Leuten, sagt Perriard. Doch es geht auch um Geld: «Wir als Bund erlauben uns, gewisse Rahmen zu setzen, wenn wir das relativ grosszügig finanzieren», sagte er über die Bundesgelder für die ASOExterner Link. Eine Leistungsvereinbarung sieht vor, dass die Vorbereitung und Begleitung einer repräsentativen Wahl der Auslandschweizerdelegierten zu den Aufgaben der ASO gehört.
90% sollen direkt gewählt werden
Für Filippo Lombardi, Präsident der ASO International, haben die Direktwahlen eben diesen repräsentativen Charakter gestärkt. Er erinnert mit einem Lachen daran, dass Deutschland vor einigen Jahren just jenes Land gewesen sei, das am meisten Schwierigkeiten mit der Idee des neuen Systems hatte.
Nach den Wahlen ist bekanntlich vor den Wahlen. So habe sich die ASO das Ziel gesetzt, dass im nächsten Wahljahr 2029 «möglicherweise 90% der Delegierten» direkt gewählt werden.
Neben seiner demokratischen Bedeutung unterstreicht Lombardi die Chance dieses Wahlsystems, die Beziehungen unter den Auslandschweizer:innen zu stärken. Gleichzeitig würden auch die Vereine und nationalen Dachorganisationen mehr Gewicht erhalten, ist er überzeugt: «Jemand muss die Wahlen organisieren, die Kandidierenden suchen und den Rahmen für Debatten geben.»
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Ideen für mehr Beteiligung
Beziehungen unter Auslandschweizer:innen und vor allem deren Partizipation sollen auch am Kongress selbst gefördert werden. Dazu sammeln die Teilnehmenden an einem kurzen Workshop in Gruppen Inputs und Ideen für die Zukunft der ASO-Deutschland. Es ist Zeit für die virtuellen Räume inklusiv der Frage: «Ist das jetzt, weil wir in diesen Breakout-Sessions sind?»
Doch auch dies wird gemeistert, Ideen können zusammengetragen werden. Ein wichtiges Anliegen: die Einbindung junger Menschen. «Vor allem für junge Leute sollte man alternative Wege für den Austausch suchen, etwa via Instagram oder Whatsapp-Gruppen», sagt Teilnehmer Bernhard Lüscher stellvertretend für seine Gruppe.
Auslandschweizerrätin Sarah Straubhaar hebt die Mehrsprachigkeit der Schweiz hervor: «Es gibt auch französisch- oder italienischsprechende Schweizer, die in Deutschland wohnen. Es bedeutet zwar Arbeit, aber wir könnten Informationen in diese Sprachen übersetzen.»
Gleich zwei Teilnehmende kommen auf die Beziehung zwischen der Schweiz und der EU im Zusammenhang mit den Bilateralen III zu sprechen, jenem ausgehandelten Abkommenspaket, das die Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU in mehreren Bereichen regelt. «Auslandschweizer müssen sich mehr um die Information und die Verbindung zur EU kümmern», sagt Lüscher. Ein Durchfallen der Bilateralen III an der Urne wäre kein guter Zustand für Schweizer im Ausland. «Als Auslandschweizer haben wir auch eine Verantwortung.»
Im März tauschten sich die Delegierten des Auslandschweizerrats mit den Mitgliedern der Parlamentarischen Gruppe «Auslandschweizer» unter anderem zu den Bilateralen III aus:
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Konkreter wird es beim Vorschlag für ein Tool, das die Gastfreundschaft fördern soll. Ähnlich dem Konzept des Couchsurfings soll eine Liste von Schweizer:innen in Deutschland entstehen, die reisende Auslandschweizer:innen aus anderen Ländern für ein oder zwei Nächte bei sich aufnehmen.
«Das kann den Zusammenhalt stärken, was ein wichtiges Element ist. Wir sollen einander unterstützen und solidarisch sein», sagt Lengning.
Ob solche Ideen über den guten Willen hinaus umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.
Editiert von Balz Rigendinger
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