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Schweizer Schulhäuser für Rumänien

Der neue Mehrzwecksaal – Anlass zur Freude (Bild: Daniel Rytz) swissinfo.ch

Als die Gemeinde Posieux bei Freiburg 2001 ihr ausgedientes Schulhaus per Inserat verschenken wollte, zögerte der Rumänien-Verein nicht lange und sagte zu.

Aus einem schweizerischen Entsorgungsfall wurde so «das schönste Schulhaus in ganz Rumänien», wie eine rumänische Zeitung schrieb. Nun wurde weiter gebaut.

Komplett zerlegt wurde das Gebäude mit vier Sattelschleppern nach Rumänien transportiert und letzten Sommer im Dorf Simeria wieder aufgebaut. Dort dient es nun als Steinerschule für rumänische Kinder.

In der gleichen Gemeinde wurde nun Ende Mai – wieder mit Schweizer Unterstützung – ein Mehrzwecksaal für eine heilpädagogische Schule fertiggestellt.

Zurück geht dieses Schweizer Engagement auf das Jahr 1990, als der damals 75-jährige Anthroposoph Hans Spalinger innert Wochen nach dem Regimewechsel nach Rumänien reiste.

In Simeria gründete er eine heilpädagogische Sonderschule. Dies war dringend nötig, weil während dem Ceausescu-Regime behinderte Kinder als «unwertes Leben» versteckt und vernachlässigt wurden.

Viel Aufbauarbeit nötig

Bilder von verwahrlosten Menschen, die unter unvorstellbaren Bedingungen eingesperrt wurden, gingen damals um die Welt. Nach einem ersten medialen Aufschrei des Entsetzens war klar, dass viel Aufbauarbeit nötig sein würde.

1991 wurde in Simeria eine vom rumänischen Staat anerkannte Stiftung gegründet. Es folgte eine kontinuierliche Entwicklung auf verschiedenen Ebenen. Aus der Schweiz wurden regelmässig Hilfsgütertransporte durchgeführt.

Die benötigte Infrastruktur musste zugekauft, in Stand gesetzt oder neu errichtet werden. Zudem wurde das Schulpersonal ausgebildet. Für die nötigen Investitionen kam der schweizerische Rumänien-Verein auf.

Finanziert wurden die Projekte durch private Spenderinnen und Spender sowie Stiftungen. Seit 1991 kamen so drei Millionen Franken zusammen. Der rumänische Staat seinerseits zeichnet für die Besoldung des Personals verantwortlich und übernimmt die Kosten für Verpflegung und Energie.

Schwierige Lebensbedingungen

Simeria liegt in Transsilvanien, zwischen den West- und Südkarpaten Rumäniens. Die Lebensumstände sind, wie im ganzen Land, schwierig. Die Mehrzahl der Bevölkerung muss mit sehr wenig Geld auskommen. Eine Lehrkraft verdient zum Beispiel monatlich ungefähr 200 Franken.

Unter diesen wirtschaftlichen Umständen ist die Situation für Behinderte besonders schwierig. Sie werden für viele Familien zu einer schier untragbaren Last.

In den vergangenen zwölf Jahren entstanden in Simeria Schulräume für 120 Kinder und geschützte Werkstätten für 50 Erwachsene.

Die meisten werden täglich mit Bussen, darunter ausrangierte Postautos aus dem Engadin, vom Elternhaus abgeholt. Andere wohnen in Gruppen in der Nähe der Schule, wo sie von Lehrern und Eltern betreut werden.

Lebenstüchtigkeit als Ziel

Dank der Früherfassung und einer anschliessenden heilpädagogischen Betreuung gewinnen die Behinderten grösstmögliche Selbstständigkeit.

«In den ersten vier Jahren lernen Behinderte 80 Prozent ihrer Lebenstüchtigkeit», so Andreas Wyss vom Rumänien-Verein.

Besonders die motorische Entwicklung, die gesunde Kinder ohne Hilfe durchmachen, könne so dank fachgerechter Unterstützung gefördert werden.

Unterrichtet wird in Simeria gemäss den Grundsätzen der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie. Auf dem betriebseigenen Bauernhof wird nach biologischen Grundsätzen gewirtschaftet. In der Kantine wird täglich eine warme Mahlzeit angeboten – für viele ist es die Einzige.

Ein Traum geht in Erfüllung

Mit der Eröffnung eines Mehrzwecksaals ging Ende Mai ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Nur 14 Monate nach Baubeginn konnte das elegante Bauwerk dem rumänischen Verein übergeben werden.

Dies trotz der zuweilen schwierigen Arbeitsbedingungen: Zum einen sind die Winter in Rumänien lang und sehr kalt.

Zum andern gab es «unendlich viele kleinere und grössere Probleme, die alle irgendwie gelöst werden mussten», wie Andreas Wyss erklärt.

Entstanden ist ein vielseitig einsetzbarer Raum mit einer Fläche von 500 Quadratmetern.

Darin integriert ist eine professionelle Gebrauchtküche, die aus der Schweiz stammt. Bereits bestehen zahlreiche Ideen, wie der neue Raum genutzt werden soll.

Eigenregie gefragt

Die Entscheidung liegt nun allein in den Händen der rumänischen Stiftung. Damit verbunden ist aber auch die Übernahme der Verantwortung. Ab jetzt soll der laufende Betrieb ohne Hilfe aus dem Ausland aufrechterhalten werden.

Adrian Pinta, Präsident der Geschäftsleitung der Stiftung, betont denn auch, dass man ihnen «gelernt hat zu Fischen, und nicht nur Fisch zu essen».

Unter Pintas Führung hat sich Simeria in den letzten Jahren zum eigentlichen Zentrum der Heilpädagogik in Rumänien entwickelt. Bereits wurden zahlreiche weitere Projekte initiiert.

swissinfo, Daniel Rytz, Simeria

Seit 1991 flossen 3 Millionen Franken in ein heil- und sozialpädagogisches Hilfsprojekt in Rumänien
In Simeria werden 170 behinderte Menschen unterschiedlichen Alters betreut
Mit dem neu eröffneten Mehrzwecksaal wurde ein weiteres Bauprojekt erfolgreich abgeschlossen

Seit 1991 betreut der schweizerische Rumänien-Verein in Simeria zahlreiche sozial- und heilpädagogische Hilfsprojekte.

Ein neu errichteter Mehrzwecksaal bildet den vorläufigen Schlusspunkt einer erfolgreichen, länderübergreifenden Zusammenarbeit.

Der Rumänien-Verein (Verein zur Förderung der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie in Rumänien) wurde 1990 in der Schweiz gegründet.

Der Initiator Hans Spalinger verstarb 2000 im Alter von 85 Jahren.

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