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«Ade merci, Schweiz»: Auswandern mit der Liebe – wenn eine Karriere den Weg vorgibt

Die Podcast-Hosts Camille Kündig (links) und Claire Micallef (mitte) sprechen mit der Expertin Heike Geiling über das Leben als mitziehende Partnerin oder mitziehender Partner im Ausland.
Die Podcast-Hosts Camille Kündig (links) und Claire Micallef (Mitte) sprechen mit der interkulturellen Trainerin Heike Geiling über das Leben als mitziehende:r Partner:in im Ausland. Swissinfo

Wenn der Partner oder die Partnerin einen Job im Ausland annimmt, wandert oft die ganze Familie mit aus. Doch was bedeutet das für jene Person, die mitzieht – und dafür das eigene Leben in der Schweiz zurücklässt? In dieser Folge von «Ade merci, Schweiz» sprechen wir über Karrierebrüche, finanzielle Abhängigkeit und die Kunst, sich immer wieder neu zu erfinden.  

«Sich immer wieder neu zu erfinden – das gehört zum Leben als Begleitperson», sagt Katja Aegerter. Sie weiss, wovon sie spricht: Zusammen mit ihrem Mann, der beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA tätig ist, und ihren beiden Kindern lebte sie bereits in Nordmazedonien, Kirgistan und den USA. 

In der neuen Folge von «Ade merci, Schweiz» erzählt sie, was es bedeutet, als Partnerin mitzugehen und dabei die eigene berufliche Laufbahn immer wieder neu zu denken.  

Im Swissinfo-Studio in Bern zu Gast ist Heike Geiling, interkulturelle Trainerin und Coach. Auch sie folgte ihrem Mann respektive seiner Karriere als sogenannte «Trailing Spouse»Externer Link ins Ausland.

Hören Sie sich die zweite Podcast-Folge der zweiten Staffel von «Ade merci, Schweiz» an:

Externer Inhalt

0:00 Einführung

5:03 Arbeiten erlaubt oder nicht?  

08:22 Studium, soziales Engagement, Selbständigkeit: sich immer wieder neu erfinden  

10:34 Eigener Traum oder Aufopferung?  

13:36 Let’s talk about Money: Pensionskasse und Packages 

21;00 Lücken im Lebenslauf – zu bunter Werdegang für die Schweiz? 

26:08 Integration, Freundeskreis und Expat-Bubbles 

30:05 Experiment gescheitert – Was tun? 

34:43 Vorschau 

Der Begriff «Trailing Spouse» beschreibt mitausreisende Partner:innen, also jene Personen, die aufgrund der Karriere des Partners oder der Partnerin mit ins Ausland ziehen. Schon im englischen Wort «trailing», also hinterherziehend, steckt eine gewisse Schieflage. Sie kann zu schwierigen Fragen führen: Wer folgt hier eigentlich wem? Wer entscheidet? Und wer gibt wieviel auf? 

Für Katja Aegerter war der erste Schritt ins Ausland alles andere als eine Opfergeschichte. Als ihr Mann eine Stelle in Washington fand, sei das eine gemeinsame Entscheidung gewesen. Vielleicht sogar stärker von ihr selbst getragen. Sie wollte damals wieder weg aus der Schweiz. Ihren Job in der Schweiz aufzugeben, fiel ihr deshalb nicht besonders schwer. Schwieriger wurde es später, als Aufenthalte in Ländern folgten, in denen sie nicht ohne Weiteres arbeiten durfte. 

Die Zeit als Chance nutzen

In Kirgistan etwa konnte sie zunächst keiner bezahlten Arbeit nachgehen. Sie nutzte die Zeit für ein Fernstudium in Psychologie, arbeitete später ehrenamtlich und fand schliesslich eine Stelle bei der Botschaft. In Nordmazedonien begann sie ein Doktorat, profitierte dabei auch davon, dass während der Pandemie vieles online möglich wurde. Aus der Übersetzerin wurde Schritt für Schritt eine qualifizierte Psychologin.  

Aktiv bleiben – das zieht sich als roter Faden durch ihre Geschichte. Nicht, weil alles geplant gewesen wäre. Sondern weil sie wusste: Wer irgendwann in die Schweiz zurückkehrt, hat es einfacher, wenn unterwegs etwas Eigenes entstanden ist.  

Im Audio- und Video-Podcast «Ade merci, Schweiz» erhalten Sie authentische Einblicke in das Leben und die Erfahrungen von Auslandschweizer:innen. Gemeinsam mit Fachleuten beleuchten wir Herausforderungen und Höhepunkte rund ums Auswandern und Leben im Ausland, vom Auswandern mit Kindern bis hin zum Ankommen in einer neuen Sprache und Kultur. Den Podcast «Ade merci, Schweiz» gibt es auch auf Französisch.

Genau das empfiehlt Heike Geiling. Viele mitreisende Partner:innen, die überwiegende Mehrheit von ihnen sind Frauen, unterschätzten, wie schnell die Zeit vergehe. Zuerst müsse man ankommen, sich orientieren, die Kinder einschulen, ein Zuhause aufbauen. Dann vergingen 100 Tage, dann nochmals 50. Und plötzlich seien zwei oder drei Jahre fast vorbei. 

Finanzen und Vorsorge gemeinsam planen

Darum sei Vorbereitung zentral: Darf ich im Zielland arbeiten? Gibt es eine Arbeitserlaubnis, vielleicht nur für eine bestimmte Anzahl Stunden? Kann ich online arbeiten? Eine Weiterbildung beginnen? Ein eigenes Business aufbauen? Oder geht es in dieser Phase bewusst darum, für die Kinder da zu sein? 

Auch das Thema Finanzen müsse früh auf den Tisch, sagt Geiling. Besonders die Altersvorsorge werde oft vergessen. In der Privatwirtschaft zahle während eines Auslandsaufenthalts häufig niemand in die Pensionskasse der mitreisenden Person ein. Wer nicht arbeitet, sammelt Lücken – und diese können später teuer werden. Paare müssten deshalb vor der Abreise klären, wie sie diese Lücken auffangen. 

Wer sich in eine beim EDA angestellte Person verliebt, hat Glück: Da Begleitpersonen der versetzbaren Angestellten im Ausland oft nicht arbeiten können, beteiligt sich der Bund mit bis zu 7’400 Franken pro Jahr an einer privaten Vorsorgelösung (Säule 3b) für die Lebenspartnerin oder den Lebenspartner der angestellten Person.

Manche Unternehmen stellen mitreisenden Partner:innen Geld für Weiterbildung, Coaching oder Zertifizierungen zur Verfügung, manchmal mehrere tausend Franken pro Jahr. Diese sogenannten «Spouse Packages» seien nicht nur symbolisch wichtig, sagt Geiling. Es gebe der mitreisenden Person ein Stück Unabhängigkeit zurück.

«Ade merci, Schweiz» gibt es auch als Video-Podcast. Schauen Sie sich die Folge an: 

Mit dem Umzug ins Ausland würden sich traditionelle Rollenbilder teilweise wieder verstärken. Während die Karriere eines Partners im Mittelpunkt stehe, stellten viele Frauen ihre eigenen beruflichen Ziele zurück. Statt sich um die eigene berufliche Zukunft zu kümmern, gehe es zunächst darum, den Familienalltag zu organisieren, ein Zuhause aufzubauen und allen anderen das Ankommen zu erleichtern, so Geiling. 

Umso wichtiger sei es, sich früh zu überlegen, welche eigenen Ziele man während des Auslandsaufenthalts verfolgen wolle – sei es durch Weiterbildung, freiwilliges Engagement oder eine berufliche Tätigkeit. 

«Chrüsimüsi»-Lebenslauf

Die beruflichen Folgen des Alltags als «Trailing Spouse» zeigen sich oft erst bei der Rückkehr. Katja Aegerter merkte erst in der Schweiz, wie schwierig ihr «Chrüsimüsi»-Lebenslauf zu erklären war: viele Stationen, Lücken, freiwilliges Engagement ohne Nachweise und Jobs im Ausland ohne Arbeitszeugnisse. Nach Jahren der Weiterbildung und Anpassung schrieb sie Bewerbungen – und wurde zu keinem einzigen Vorstellungsgespräch eingeladen. 

«Ich dachte, jetzt komme ich zurück, und alle reissen sich um mich», sagt sie. So kam es nicht. Stattdessen erfand sie sich neu. Heute baut sie ihre Selbstständigkeit aus und eröffnet eine eigene Praxis. 

Doch beim Auswandern geht es nicht nur um Arbeit. Es geht auch um Freundschaften, Zugehörigkeit – und nicht selten auch um Einsamkeit. Im Ausland sei es für sie oft einfacher gewesen, Anschluss zu finden, erzählt Aegerter. In Kirgistan sei die Expat-Gemeinschaft klein gewesen, aber eng. Man habe einander schnell geholfen – vom ersten Einkauf auf dem Basar bis zu Schul-Events und Community-Barbecues. 

Die Rückkehr in die Schweiz empfand sie dagegen als schwieriger. Ein Paradox, das auch Heike Geiling kennt: Wer die Sprache spricht und scheinbar nicht auf eine Expat-Bubble angewiesen ist, kann sich trotzdem einsam fühlen. Gerade weil es weniger Strukturen gibt, die Menschen zusammenbringen. 

Wichtig sei dabei das Umfeld, sagt Geiling. Umgibt man sich mit Menschen, die nur jammern? Oder mit solchen, die etwas anpacken, sich weiterbilden, Neues ausprobieren? «Es ist wie überall im Leben. Jede, die nach oben geht, zieht zehn andere mit», sagt Geiling. 

Am Ende zeigt diese Folge von «Ade merci, Schweiz»: Mitzugehen kann Abenteuer sein, Neustart und Liebesbeweis. Es kann aber auch Karrierebruch, finanzielle Abhängigkeit und Identitätskrise bedeutet. Letztere Punkte bergen Frustrationspotenzial. Was also hilft, damit der Auslandsaufenthalt nicht zum blossen Absitzen wird? 

Entscheidend ist, dass die mitziehende Person nicht nur als Anhängsel betrachtet wird, sondern ihre eigenen Ziele weiterverfolgen kann und nicht aus den Augen verliert. 

Editiert von Balz Riegedinger

Welche Songs verbinden Sie mit der Schweiz? Wir sammeln Lieder von Ihnen und unseren Gästen, die an die Schweiz erinnern und fügen sie in unsere «Heimweh-Playlist»Externer Link ein.

Fehlt Ihr Song? Schicken Sie ihn uns via swissabroad@swissinfo.ch.

Externer Inhalt

Lust auf mehr? Hier finden Sie alle Folgen von «Ade merci, Schweiz»:

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