Wenn die Suche nach den Schweizer Vorfahren zu einem Hexenprozess führt
Tammy Mackenzie reiste aus Kanada in die Schweiz, um zu sehen, woher ihre Grossmutter mütterlicherseits ausgewandert war. Beim Spaziergang durch Glarus erklärt sie, mit welchen Schweizer Werten sie aufgewachsen ist, und trifft unerwartet auf Verwandte.
Tammy Mackenzie steht vor einer drei Meter hohen Ahnentafel im Anna-Göldi-Museum in Glarus, wo eine Ausstellung an die Geschichte der «letzten Hexe Europas» erinnert. Ihr Blick wandert von ihrem Handy zum Baum und zurück zum Handy, wo sie durch Bilder wischt und zoomt.
«Da ist sie!», sagt sie und zeigt irgendwo auf die Spitze des Baums. «Eva Tschudi, das ist sie, das ist meine Vorfahrin!»
Tammy ist 49 Jahre alt und wurde in Kanada geboren, doch ihre Wurzeln sind schweizerisch. So schweizerisch, dass ihre Vorfahren möglicherweise eine Rolle in einem bedeutenden historischen Ereignis gespielt haben: der Hinrichtung von Anna Göldi, die 1782 von ihrem Arbeitgeber Johann Jakob Tschudi der Hexerei beschuldigt wurde.
Tammy stiess durch ihr Interesse an Hexerei zufällig auf Göldis Geschichte und war schockiert zu entdecken, dass ihre Vorfahren möglicherweise an der Anklage beteiligt waren, die zur Enthauptung der jungen Frau führte.
Familiengeschichte berührt
Vor den genealogischen Beweisen stehend, die sie wie viele andere in Glarus mit der Familie Tschudi verbindet, spürt Tammy die Scham über die Beteiligung ihrer Vorfahren an dem Verbrechen.
«Sie waren eine privilegierte Familie, die diese Anklage gegen eine Person erheben konnte, die kein Privileg hatte. Göldi war eine Frau ohne Ehemann und ohne Macht. Und ich erbe das, diese Linien von Macht und Privileg durch meine Familie», sagt Tammy, berührt von der Ausstellung. «Ich erbe auch die Welt, in der so etwas Frauen passiert. Als Feministin, als Frau im romantischen Leben, ist dies immer noch Teil der Dynamik.»
2023 gründete Tammy das Aula Fellowship mit, einer Denkfabrik, die sich für inklusive KI einsetzt. Sie erklärt, dass ihr Engagement aus den Werten stammt, die ihre Familie an sie weitergegeben hat. «Meine Mutter und meine Grossmutter sind Menschen, die mir von klein auf Feminismus als etwas beigebracht haben, das mit Gerechtigkeit zu tun hat. Menschen sollten einander lieben und respektieren.»
Sie betont, dass sie, ihre Geschwister und Verwandten mit schweizerischen Werten zu guten Menschen erzogen worden sind: Standhaftigkeit, Respekt, Selbstbeherrschung, Mitgefühl für andere und die Fähigkeit, diplomatisch zu sein, das Recht auf Selbstbestimmung sowie hohe Erwartungen an Kinder.
«Swissness» in Kanada
Diese Werte waren nicht das einzig Schweizerische in Tammys Erziehung. Sie beschreibt, wie das Haus ihrer Grosseltern eine ausgeprägte «Swissness» hatte, mit viel Handarbeit aus Wolle, massiven Eichenmöbeln, Spitzenvorhängen und einer grossen Kuhglocke, die vom Dachbalken hing. «Draussen gab es handgefertigte Holzläden, Dachvorsprünge und Blumenkästen», erinnert sie sich.
«Wir wurden dazu erzogen, aus Glarus zu sein, somit ist mein Akzent auch glarnerisch. Ich spreche kein Hochdeutsch», sagt Tammy. Schweizerdeutsch hat sie von ihrer Mutter gelernt. Diese spricht es immer noch mit ihren Brüdern.
Gelegentlich besuchte Tammy Sprachkurse, die von der protestantischen Kirche in der Stadt Mount Royal angeboten wurden und der sie mit ihren Cousins und Cousinen angehört. Als Kinder besassen sie ihre Schweizer Blusen und Röcke, sie hörten Geschichten von Wilhelm Tell und den Habsburgern und lernten Schweizer Lieder sowie den Umgang mit Gewehren. Jedes Jahr zu Ostern wurden Eier getütschtExterner Link.
Während ihres Aufenthalts in Glarus besuchte Tammy das Landesarchiv, wo sie genealogische Informationen durchforstete, um ihre umfangreiche Excel-Tabelle zu ergänzen. Diese hatte sie mit Familienunterlagen und Internetrecherchen erstellt.
«Bevor sie starb, teilte meine Grossmutter die Familiengenealogie mit mir. Also habe ich Aufzeichnungen, die wirklich weit zurückreichen: Sie kannte sechs Generationen. Ich habe ihr Fotoalbum mit zahlreichen Todesanzeigen von Familienmitgliedern, die Leute aus der Schweiz ihr geschickt haben», sagt sie.
Tammy schlenderte bei ihrem Besuch durch die Stadt Glarus und suchte nach den Orten, wo ihre Grossmutter Margrit Beglinger in ihrer Jugend posiert hatte. «Unsere Familie war 1975 zum letzten Mal in Glarus», sagt sie. «Meine Mutter und mein Vater kamen mit meinen Grosseltern und ein paar Onkeln. Ich war auch dort: Mama war mit mir schwanger. Mein Onkel sagt, ich war dort, aber hatte eine schreckliche Aussicht.» Tammy lacht. Mit Stolz macht die Kanadierin Fotos von Gebäuden, die die Namen Beglinger und Leuzinger tragen.
1926 in Glarus geboren, heiratete Margrit Beglinger Fernand Théodore Amstutz und zog in den Kanton Waadt, wo sie drei Kinder hatte. Eines davon war Marguerite, Tammys Mutter. 1957, schwanger mit ihrem vierten Kind, zog Margrit Amstutz mit ihrer Familie nach Kanada.
«Das Konsulat für Kanada zeigte ihnen schöne Videos und sagte: ‹Kommt nach Kanada!› Es gab überhaupt keinen Winter in den kanadischen Videos. In Wirklichkeit gibt es sechs Monate Winter, aber meine Grosseltern machte das nichts aus», sagt Tammy.
«Sie kamen gut zurecht, hatten ein schönes Haus und sechs Kinder. Zuerst war mein Grossvater Mechaniker und besass die erste Texaco-Tankstelle, dann unterrichtete er am College. Meine Grossmutter zog die Kinder auf und führte später eine erfolgreiche Blumengärtnerei: Sie hatten einen kleinen Hof und einige Hektar Wald.»
Auswanderung ist auch in Tammys Familie väterlicherseits ein Thema: Ihre Urgrosseltern Alphonse Mackenzie – in Schottland geboren, aber in der Schweiz in einer religiösen Kommune, die Waisenkinder aufnahm, aufgewachsen – und Jeanne Marulaz zogen nach dem Ersten Weltkrieg von der Schweiz nach Frankreich. Dort wurde Alexandre Mackenzie – Tammys Grossvater, der in Chexbres im Kanton Waadt geboren wurde – französischer Staatsbürger. Er heiratete später, hatte Kinder und zog ebenfalls nach Kanada, wo sein Sohn John Mackenzie Tammys Mutter Marguerite Amstutz kennenlernte.
Eine ungeplante Begegnung
Was Tammy von der Reise in die Schweiz nicht erwartet hatte, war, einige ihrer Verwandten persönlich zu treffen. Doch in einem Ort wie Glarus, wo die Leute sich auf der Strasse grüssen und jede jeden kennt, war es nur eine Frage der Zeit.
Während Tammy den Eingang des Bären fotografierte, des kleinen Restaurants, das ihren Verwandten gehörte hatte, sah ein Angestellter nach ihr. In einem zögerlichen Schweizerdeutsch versuchte die Kanadierin zu erklären, dass sie mit der Familie Beglinger-Leuzinger verwandt sei und in der Stadt war, um deren Spuren zu verfolgen.
Es stellte sich heraus, dass die Familie Leuzinger immer noch im Haus hinter dem Bären wohnte. Einen Moment später stand Tammy vor einer Tür, hinter der die Tochter der Cousine ihrer Mutter wohnte.
«Mein Mann rief mir zu, dass meine Cousine aus Kanada hier sei», sagt Maya Leuzinger. «Ich dachte: ‹Verwandte vielleicht, aber sicher keine Cousine›. Wir haben sie hereingebeten, und sie wusste alles über uns: dass ich eine Schwester namens Erna habe, eine namens Heidi, unsere Geburtsjahre, und dass Köbi mein Vater ist.»
Tammys Glarner Dialekt ist etwas eingerostet, und sie versteht ältere Familienmitglieder leichter als die neue Generation. Aber dank eines Simultanübersetzers auf dem Handy und der Hilfe von Mayas Ehemann Fritz begannen die beiden, Erinnerungen auszutauschen und familiäre Bindungen zu bestätigen.
Tammy kehrte mit ihrem Handy voller fotografischer Beweise nach Hause zurück. Diese Bilder werden ihr helfen, die Lücken in ihrem Stammbaum zu füllen. Sie freut sich, dass sie die schweizerischen und kanadischen Seiten des Baums verbinden kann, und hat Maya, Erna und ihre Familien eingeladen, Montréal zu besuchen.
«Wir werden versuchen, im Juni ein virtuelles Familientreffen zu organisieren. Ich ermutige alle Familienmitglieder, Besuche zu planen, und mehrere haben bereits ihre Häuser angeboten», sagt Tammy. «Wir suchen nach weiteren Familienmitgliedern und würden uns freuen, von ihnen zu hören. Das letzte Mal, als die Glarner Familie Kanada besuchte, war Mitte der 1980er-Jahre. Heute gibt es 57 von uns drüben in Kanada.»
Editiert von Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Englischen: Janine Gloor
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