Beim Thema PFAS wird im Kanton St. Gallen die Schuldfrage gestellt
Die Rückstände von PFAS aus Klärschlamm haben schwerwiegende Konsequenzen für viele Landwirte. Besonders betroffen sind einige Regionen im Kanton St. Gallen und in Appenzell Ausserrhoden. Aber wie war das damals mit dem Klärschlamm? Und wer trägt die Verantwortung für die Ewigkeitschemikalie im Boden?
(Keystone-SDA) Die von PFAS-Rückständen im Boden betroffenen Bauernfamilien seien «Opfer, nicht Täter», sagte der SVP-Parlamentarier Ruedi Thomann, Präsident des kantonalen Bauernverbands, Mitte Juni im St. Galler Kantonsrat. Er stellte klar: «Jahrelang wurde ihnen von kantonalen Betriebsberatern geraten, Klärschlamm als idealen Dünger einzusetzen.» Der Bauernverband sei der Meinung, dass sich die Regierung bei den Bauern «für die falsche Beratung» entschuldigen solle.
In der Session reagierte Gesundheitschef Bruno Damann (Mitte) mit einem Statement im Namen der Regierung. Unter anderem sagte er, die Rolle, die die einzelnen Beteiligten gespielt hätten, sei «sehr vielschichtig». Und: Die Landwirtschaftsbetriebe als Opfer und die kantonale Düngerberatung als Täter zu sehen, «greift zu kurz».
Das Düngen mit Klärschlamm ist seit 2006 verboten. Auf den Feldern wurde das Nebenprodukt aus der Wasserreinigung in den 1970er bis in die 1990er Jahre verteilt. PFAS war damals noch kein Thema. Die allermeisten Landwirtinnen und Landwirte, die sich nun mit der Belastung der Böden durch die Ewigkeitschemikalie konfrontiert sehen, düngten nie mit Klärschlamm. Sie haben das Problem geerbt.
Aber wie war das damals? War der Dünger aus Klärschlamm begehrt? Oder wurden die Landwirte unter Druck gesetzt, das Material den Kläranlagen abzunehmen? Was sind überhaupt die Quellen für die Informationen von Kanton und Bauernverband?
Keine Belege für Zwang
Die Fragen der Nachrichtenagentur Keystone-SDA richten sich unter anderem an Ruedi Thomann. Er verweist auf «viele Gespräche mit Zeitzeugen», die der St. Galler Bauernverband geführt habe. Der aktuelle Kenntnisstand sei folgender: «Es gibt keine Belege für einen eigentlichen Zwang».
Allerdings sei die Verwendung von Klärschlamm über viele Jahre von Fachstellen und Beratern aktiv unterstützt und als fachlich sinnvoll dargestellt worden. Dies gelte für die Zeit von Mitte der 1980er- bis einschliesslich der 1990er-Jahre.
Ein Archivdokument des Kantons zeige, dass 1992 ein «Kantonales Konzept für die Landwirtschaftliche Verwertung von Klärschlamm» ausgearbeitet wurde. Dies deute darauf hin, dass die landwirtschaftliche Nutzung «nicht nur geduldet, sondern planerisch gefördert und organisiert wurde».
Bei möglichen finanziellen Anreizen für die Landwirte sei die Quellenlage weniger eindeutig. Kläranlagen hätten gegen Ende der Nutzung zunehmend Schwierigkeiten gehabt, Abnehmer für den Klärschlamm zu finden. «Teilweise sollen Bauern deshalb sogar bezahlt worden sein oder den Schlamm kostenlos inklusive Transport und Ausbringung erhalten haben», sagt der Präsident des St. Galler Bauernverbandes.
Eine Frage des Vertrauens
Viele Behörden, Berater und Fachleute hätten Klärschlamm als Dünger und Quelle wertvoller Nährstoffe angesehen. Die Zustimmung der Bauern sei oft weniger der Ausdruck besonderer Begeisterung gewesen, «als vielmehr von Vertrauen in die damaligen Empfehlungen».
Gleichzeitig habe es auch Landwirte gegeben, «die skeptisch waren», so Thomann. Sie hätten sich wegen der Qualität des Materials gesorgt oder hätten Befürchtungen wegen Schwermetallen oder unbekannten Stoffen gehabt. «Dazu kamen betriebliche Überzeugungen oder schlicht die Einschätzung, dass andere Düngemethoden vorzuziehen seien.»
Wie ist der Wissensstand des Kantons zur damaligen Praxis? «Aufgrund unserer begrenzten Ressourcen können wir uns nicht auf die Vergangenheit ausrichten, sondern konzentrieren uns auf die Lösungssuche für die Zukunft», antwortete Regierungsrat Beat Tinner (FDP) auf eine entsprechende Anfrage. Seinerzeit seien beim Kanton zwei Berater angestellt gewesen, «die für die Landwirte berechnet hatten, wie viel Klärschlamm zugeführt werden kann, um nährstoffmässig an ein Optimum zu kommen».
Zweifel bei Politikern und Landwirten
Nachforschungen zum damaligen Kenntnisstand hat der Landwirt und Ausserrhoder SP-Kantonsrat Silvan Graf angestellt. Gegenüber der Wochenzeitung WoZ verwies er etwa auf einen Zeitungsartikel von 1974, in dem der Chemiker und Kantonsrat Werner Schefer vor Rückständen im Klärschlamm gewarnt habe.
Grafs Recherchen führten auch zu einem Parlamentsprotokoll von Dezember 1978, gemäss dem ein Kantonsrat von der «Belastung des Klärschlamms mit Chemikalien, Schwermetallen und anderen Abfallstoffen unserer Industrie- und Wohlfahrtsgesellschaft» sprach. Er warnte auch davor, dass bei nicht richtig behandeltem Klärschlamm die Gefahr bestehe, dass Futter mit Salmonellen verseucht werde.
Gegenüber Keystone-SDA sagte Graf, ein Grossteil der Bauern in der Region habe damals Klärschlamm ausgebracht. «Das wurde vom Kanton und den Gemeinden gepusht». Wie weit dieser Druck ging, sei schwierig zu belegen. Es gebe die Geschichte, dass in Ausserrhoden eine finanzielle Abstrafung von Landwirten, die keinen Klärschlamm abnehmen wollten, geprüft worden sei. Dies lasse sich aber bisher nicht verifizieren.
Es habe damals Bedenken gegeben, dass Klärschlamm Rückstände von Chemikalien, Krankheitserregern oder von Antibiotika enthalten könnte, erklärte der Kantonsrat. Deshalb hätten wohl unter anderem seine Vorfahren auf Klärschlamm als Dünger verzichtet.
Für diese Einschätzung gibt es inzwischen eine teilweise Bestätigung. Graf liess für seinen Hof bei Heiden unter anderem das Quellwasser testen. Das Resultat: Nur die Wasserproben von zusätzlich gepachteten Land seien belastet. Nun laufen weitere Abklärungen. Das Ergebnis zur Milch ist unklar. Das Thema PFAS wird ihn und viele andere Landwirte noch lange beschäftigen.