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Betagte proben den Aufstand

Das Senioren-Paar zelebriert den Ehekrach. (Bild: Theater am Neumarkt)

Betagte revoltieren, Bettlägrige pubertieren: Auf der Bühne stinkts nach Gammelfleisch und riechts nach Haschisch: Martin Suter zeigt Exzesse einer entgleisten Senioren-Szene.

Nicht alle mögen, aber viele lachen über die Provokationen des Autors. Dabei steuert die ganze Schweiz in Richtung Alters-Gesellschaft.

Wie im antiken Bühnen-Chor einer griechischen Tragödie tauchen sie ins Scheinwerferlicht, die betagten Heiminsassen in ihren Pyjamas: zittrig, aber unheimlich. Vom Pflegepersonal des Altersheims "Abendruh" unterdrückt, revoltieren sie. Sie nehmen das Personal als Geisel und zwingen es, auf einer Drehbühne Theater zu spielen - der Abwechslung willen.

Martin Suter, der das Stück "Mumien" für das Zürcher Theater am Neumarkt verfasst hat, lässt nichts aus, was aus der Tragik der weisshaarigen Betagten nicht klamaukhafte, komische und absurde Szenen eines seniorilen Abwehrkampfs gegen bestehende Pflege-Institutionen macht.

Das Publikum, meist selbst schon grau-, wenn auch nicht weisshaarig, amüsiert sich köstlich.

Pflege-Hormone kontra Alters-Pubertät

Ein bettlägriges Paar, das sogar seinen brutalen innerehelichen Kampf aufschiebt, um das junge, aber doofe Pflegepersonal zu peinigen. Dieses besteht aus einer strengen Pflegeschwester, einer naiven Therapeutin, einem freiwilligen, aber unbeholfenen Amateur-Helfer und einem Polizeidetektiv mit Sprachfehler.

Diese tragen unter sich unsinnige Balztänze aus, anstatt gegenüber den Alten etwas mehr Mitgefühl zu zeigen.

Besagtes Senioren-Päärchen auf der Bühne unternimmt auch Ausflüge in den Quartier-Supermarkt, um dort abgestandenes Gammelfleisch zurück in die Regale zu schmuggeln, oder verschmiert nachts Automaten.

Zwischen Gaudi, Sozialkritik und Alters-Vandalismus

Vieles vom auf der Bühne übertrieben Dargestellten hat auch in Wirklichkeit dem alternden Schweizer Bürger den Glauben in die Institutionen erschüttert: Leimspray-Attacken auf Billetautomaten, Gammelfleisch im Supermarkt (in Deutschland), Hasch-Dealen, Lahmlegen des Nord-Süd-Verkehrs der SBB – alles Schlagzeilen der letzten Monate.

Suter führt auf der Bühne vor Augen, was sich in der Realität der Schweizer Verhältnisse so noch gar nicht zugetragen hat: Die ausgestossenen Uralt-68er rächen sich an der Restgesellschaft der Noch-Nicht-Senioren und werden vor lauter Rache gar kriminell – wie unreife Heranwachsende.

Jung-Alt gegen Alt-Alt

"In der Schweiz haben die jung-alte Generation, die 'Grauhaarigen', und die Frührentner inzwischen gelernt, jugendlich zu bleiben. Sie identifizieren sich nicht mit den Alt-Alten, den 'weisshaarigen' Betagten über 80", sagt François Höpflinger, Altersforscher und Soziologie-Professor an der Uni Zürich, gegenüber swissinfo.

Dass man sich auf der Bühne über die 60- und 70-Jährigen lustig macht, sei nichts Neues, so Höpflinger: "Diese Art von Satire ist uralt." Der senile, aber verliebte Greis zum Beispiel geistert seit Jahrhunderten über die Komödien-Bühnen Europas. "Und die 68er-Generation in ihrem Spannungsfeld zwischen jung und alt hat es da besonders schwer", sagt der Alters-Forscher.

Typisch schweizerische Sensibilisierung

Dass hingegen zwischen den Alten und den Hochbetagten nochmals eine Generationen-Kluft steckt, ist neu. Und bei den Letzteren geht es oft um Themen wie Pflege-Bedürftigkeit und Sterben. "Da reagiert der Schweizer offenbar viel sensibler als andere", sagt Höpflinger.

So sei eine Komödie aus England, die sich auch darüber lustig macht, in der Schweiz nicht akzeptiert worden. "Humormässig liegt die Schweiz etwas an Europas Rand – mit südlichem Einschlag", schätzt Höpflinger. "Wo die Altersfrage religiös wird, hört hierzulande der Spass eher auf als in anderen Ländern."

Alte in der Schweiz: Ein altes Thema

Zur Korrektur des von den "Mumien" überzeichneten Bildes ist laut Höpflinger zu sagen, dass sich die Schweiz von der Ausrichtung der Pflegeheime und der Altersvorsorge her auf skandinavischem Niveau befindet.

Mit anderen Worten, die Infrastrukturen sind besser als im Rest Europas. Auch was die statistische Verteilung der Bevölkerungs-Jahrgänge betrifft, so der Altersforscher, weise die Schweiz inzwischen dank der starken Einwanderung wieder eine leicht bessere Altersstruktur auf als ihre Nachbarn.

swissinfo, Alexander Künzle

"Mumien"

Bühnenstück von Martin Suter, Regie Sandra Strunz. Mit dem Schauspieler-Ensemble des Theaters am Neumarkt, und Laiendarstellern für den Betagten-Chor.

In seiner zweiten Komödie beschäftigt sich Suter mit dem Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt.

Gewalt, Liebe und Identitätsfragen sind die Spannungspunkte, zwischen denen eine turbulente Handlung abläuft.

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Seniorenland Schweiz

Bald werden in zahlreichen europäischen Ländern die über 50-Jährigen die Bevölkerungs-Mehrheit ausmachen.

Die 55- bis 64-Jährigen werden bis 2025 auch in der Schweiz den grössten Anteil der Bevölkerung stellen.

Es ist die so genannte Generation der Babyboomer, die jetzt ins Alter kommt. Das sind die zwischen 1946 und 1964 Geborenen, die heute auf die 60 zugehen.

Die Babyboomer galten immer als verwöhnte Konsumenten, sie kennen weder Depression noch Krieg wie ihre Eltern noch die Probleme ihrer Kinder.

Die Infrastrukturen müssen ihnen angepasst werden, die privaten Güter und Dienstleistungen auch.

Anderseits ist absehbar, dass diese Generation als erste seit langem mit Rückschlägen bei den Leistungen der sozialen Sicherheit konfrontiert wird.

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Martin Suter

1948 geboren in Zürich geboren.
Suter zählt zu den erfolgreichsten Schweizer Autoren im deutschsprachigen Raum.
Ursprünglich Werbetexter, schreibt er seit 1991 Romane, die alle in den Bestseller-Listen figurierten: ("Small World", "Die dunkle Seite des Mondes", "Der Teufel von Mailand" u.a.).
Suter schreibt seit langem Kolumnen ("Business Class").
Er hat verschiedene Drehbücher für Filme verfasst ("Jenatsch", "Beresina" etc.).
Sein erstes Theaterstück heisst "Über den Dingen" und wurde im Theater am Neumarkt uraufgeführt.

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