Presseschau vom 20.09.2003
Vom heissen Rentensommer in den noch heisseren Rentenherbst. Die Debatte um Rentenklau, Mindestzinssätze bei der Altersversorgung im Spiegel der Schweizer Presse.
«Rentner müssen Sanierung mittragen», titelt der TAGES ANZEIGER.
Nachdem der Bundesrat vor einer Woche den Mindestzinssatz bei Renten auf 2,25% gesenkt hat, ist auch diese Zahl nicht mehr heilig. Der TAGIwirft der Landesregierung vor: «Sie drückt sich derzeit um eine klare Haltung, ob der Mindestzinssatz überhaupt noch Sinn macht».
Dem TAGI fällt es schwer sich über den eingeschränkten Rentenbezug der Rentnerinnen und Rentner aufzuregen: «Die Kassen haben in den guten Jahren die anfallenden Börsengewinne einigermassen auf Aktive und Rentner verteilt. Deshalb wäre es im Sinne von Opfersymmetrie angemessen, wenn die Rentner in den schlechten Jahren mit den Arbeitenden ein wenig Solidarität zeigen würden».
Auch für die BERNER ZEITUNG sind die bundesrätlichen Vorschläge «Zündstoff für die Rentendebatte», da das bundesrätliche Sanierungspaket für Pensionskassen den Rentenstreit weiter anheize.
Die Aufweichung des Mindestzinssatzes gehe sogar der CVP und FDP zu weit.
Der BUND kann sich nicht eines leicht vorwurfsvollen Tones enthalten: «Trotz geringerer Dringlichkeit hält der Bundesrat an seinem Massnahmen-Mix (…) fest.»
Andere Wege gefunden
Die Pensionskassen seien bei der Bewältigung ihrer Finanzprobleme schon viel weiter als der Bundesrat, meint der BUND: «Wie das so genannte Winterthur-Modell zeigt, haben die meisten Versicherer jedoch andere Wege gefunden, die Risiken einseitig auf die Versicherten abzuwälzen: Sie senken die Renten im überobligatorischen Teil und haben die Risikoprämien massiv erhöht.»
Die «Notbremse ziehen, um Kollaps zu vermeiden», verlangt die BASLER ZEITUNG.
Aber auch sie setzt bei der Aufweichung des Mindestzinssatzes dicke Fragezeichen: «Was haben sich der Bundespräsident und seine Regierungskollegen vor zehn Tagen wohl dabei gedacht, einen tieferen Mindestzinssatz zu beschliessen – und nun die Fluchtmöglichkeit nachzureichen, den BVG-Versicherten in Problemlagen selbst dieses Minimum nicht mehr gutschreiben zu müssen?»
«Länger chrampfen und weniger verdienen»
In einem Streitgespräch lässt der BLICK Avenir Suisse Direktor und «Chefideologe der Schweizer Wirtschaft», Thomas Held und Paul Rechsteiner, Präsident des schweizerischen Gewerkschaftsbundes aufeinander los.
Die beiden stellen sich der brisanten Frage: «Länger chrampfen und weniger verdienen – ist das nötig?» Dabei fordert Held Lohnkürzungen für altere Büezer, denn «wenn der Gipfel der Leistungsfähigkeit überschritten ist, sollte auch der Lohn wieder runter.»
Für den BLICK ist es zudem kalt geworden in der Schweiz: «Die Löcher in den Pensionskassen, die rasant ansteigende Zahl der Invaliden, die Perspektiven der AHV – sie haben dazu geführt, dass sich der Verteilungskampf zwischen Jung und Alt, Arm und Reich massiv verschärft hat.»
swissinfo, Etienne Strebel
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