Angst vor voreiligen Reaktionen
US-Präsident George W. Bush will hart gegen die Drahtzieher des Terrors durchgreifen. Als Hauptverdächtigen für die Terroranschläge in New York und Washington nannte Bush den in Afghanistan vermuteten Terroristen Osama Bin Laden. Europa mahnt die USA zur Besonnenheit und warnt vor einem Krieg der Zivilisationen.
Fünf Tage nach dem Terroranschlag in New York sind erst 92 Todesopfer namentlich identifiziert. Die ohne Unterbrechung arbeitenden Einsatzkräfte konnten bis Sonntagmorgen 159 Tote aus den Trümmern des eingestürzten World Trade Centers bergen. Die überwiegende Zahl der Opfer liegt noch in den Schuttbergen begraben: 4’972 Menschen werden nach dem Terroranschlag vom vergangenen Dienstag vermisst.
Dennoch sollen die Amerikaner mit Beginn der neuen Woche zu ihrem gewohnten Alltag zurückkehren. Präsident George W. Bush bereitet einen entsprechenden Aufruf an die Bevölkerung für Sonntag vor.
Die Bürger sollten ihr normales Leben wieder aufnehmen und so den Terroristen trotzen, hiess es in Washington. Auch der New Yorker Aktienhandel soll am Montag nach der längsten Zwangspause seit dem Ersten Weltkrieg wieder aufgenommen werden.
«Wir sind im Krieg»
Begleitet wird der Weg in die Normalität allerdings von den andauernden Folgen des Terrorakts und den Vorbereitungen auf eine militärische Vergeltung. «Wir sind im Krieg», sagte Bush am Samstag.
Die Verantwortlichen für die Terrorangriffe vom vergangenen Dienstag hätten ihre eigene Vernichtung gewählt. «Wir werden sie in ihren Löchern ausräuchern», fügte Bush hinzu.
Warnung vor Fixierung auf Bin Laden
Der Chef der europäischen Polizeibehörde Europol, Jürgen Storbeck, hat vor einer voreiligen Festlegung auf den moslemischen Extremisten Osama bin Laden als Verantwortlichen für die Terroranschläge in den USA gewarnt.
In einem Interview mit der britischen Zeitung «Daily Telegraph» sagte Storbeck: «Bin Laden ist nicht automatisch Führer jeder terroristischen Tat, die im Namen des Islam begangen wird.» Storbeck forderte weit reichende Ermittlungen, um falsche Beschuldigungen zu vermeiden.
Krieg der Zivilisationen vermeiden
Der deutsche Aussenminister Joschka Fischer hat vor unüberlegtem Vorgehen gewarnt. «Man darf am Ende mit den Reaktionen nicht mehr Instabilität schaffen, als dies davor der Fall war», sagte er am Samstag im ZDF.
Es dürfe auch nicht zu einer Feindschaft der Kulturen und Religionen kommen, denn damit würde man «Wasser auf die Mühlen» der Attentäter lenken. Es müsse unbedingt vermieden werden, dass es zu einem Konflikt des Westens mit dem Islam komme.
Bin Laden bestreitet Täterschaft
Osama Bin Laden hat am Sonntag erneut jede Verantwortung für die Terrorangriffe von sich gewiesen. «Die USA zeigen mit dem Finger auf mich, aber ich erkläre hiermit kategorisch, dass ich es nicht getan habe», versicherte Bin Laden in einer Erklärung, die von der den Taliban nahestehenden privaten Agentur AIP in Islamabad veröffentlicht wurde.
Er selbst habe nicht die Mittel zu derartigen Angriffen, da Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar nicht «will, dass ich an solchen Aktivitäten teilnehme».
Kabul in Angst
In der afghanischen Hauptstadt Kabul ist die Angst vor einem Krieg mit Händen greifbar. Wer noch irgendeinen wertvollen Besitz hat, versucht, die Habe in Lebensmittel zu tauschen und dann so schnell wie möglich die Stadt zu verlassen. Vor den Geschäften bildeten sich am Wochenende lange Warteschlangen. Der Führer des Taliban-Regimes, Mullah Mohammad Omar, aber rief die Bevölkerung auf, standhaft zu bleiben und ihren Glauben nicht zu verraten.
Das Taliban-Regime drohte jedem Land, das die USA bei einem Angriff auf Afghanistan unterstützt, mit Krieg. Der Botschafter der Miliz in Pakistan, Abdul Salam Saif, sagte mit Hinblick auf Pakistan, jedes benachbarte oder in der Region angesiedelte Land, das den USA helfe, setzte sich einer besonderen Gefahr aus.
swissinfo und Agenturen
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