Bilder im Gedächtnis
Das Fotomuseum Winterthur zeigt in der Ausstellung "Die Lager - Bildgedächtnis der Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslager (1933-1999)" Bilder, die unausweichlich zum Nachdenken zwingen und Spuren hinterlassen. Die Ausstellung ist noch bis zum 3. Juni zu sehen.
Wer sie einmal gesehen hat, die Bilder der Nazi-Greuel wird sie mit Sicherheit nie mehr vergessen. Eingebrannt sind Berge aus Leibern, die hohlwangigen Gesichter, die Kinderaugen, rauchende Schlote, gespeichert im Gedächtnis, im Gedenken an das, was Menschen an Menschen vermögen. Und keine Erlösung in Sicht.
Die Verbreitung der Bilder
Die ersten Lager wurden im Sommer 1944 und Anfang 1945 entdeckt. Majdanek, Struthof, Auschwitz. Die Oberkommandos der alliierten Streitkräfte beschlossen, die Gräuel publik zu machen. Zuerst wurden die Lager den in der Umgebung stationierten Soldaten gezeigt, sie sollten sehen, wogegen oder wofür sie kämpften.
Dann wurde die deutsche Zivilbevölkerung gezwungen zu sehen. Das konnte nicht endlos so weitergehen und trotzdem sollten die Spuren der Grausamkeit nicht verwischt werden. Die Fotografie wurde zum Beweis der Nazi-Verbrechen herangezogen, eine «Pädagogik des Grauens» sollte das Böse sichtbar machen. Jetzt tauchten Fotos in Tageszeitungen, Magazinen, auf Titelblättern auf. Die Welt war nicht mehr dieselbe.
Historische Analyse
Der Pariser Fotohistoriker Clément Chéroux und Pierre Bonhomme haben zusammen diese Ausstellung, die zuvor in Frankreich zu sehen war, gestaltet. Ausgangslage zur Ausstellung war der Auftrag, archivierte Bilder aus den Lagern, sowie Bilder aus Schenkungen einer historischen Analyse zu unterziehen.
Die Schwierigkeiten waren gross. Das Bildmaterial war ein grosses Durcheinander. Propagandamaterial der Nazis, vermischt mit Aufnahmen aus der Befreiung der Lager, neben zeitgenössischen Bildern aus den Lagern, die heute Gedenkstätten sind. Wer hatte dieses Foto gemacht, wo wurde es gemacht, in welcher Zeit?
Drei Teile
Die Ausstellung gliedert sich in drei Teile, ebenso das dazugehörige Buch
«Die Periode der Lager (1933-1945)». Der erste Teil führt die unterschiedliche Beschaffenheit der Lagerwelt vor, zeigt Konzentrations- und Vernichtungslager, die verschiedensten Kategorien der Häftlinge: Juden, Zigeuner, Regimegegner, Wiederstandskämpfer, Kriminelle, Asoziale, Homosexuelle …
«Die Stunde der Befreiung (1945)», so heisst der zweite Teil. Fotos, die bei der Befreiung der Lager gemacht wurden. Von der französischen, englischen, amerikanischen, sowjetischen Armee, durch die Presse, von Amateuren.
«Die Zeit der Erinnerung (1945-1999)», heisst Teil Drei. Dieser Teil präsentiert Arbeiten zeitgenössischer Fotografen zur Erinnerung an die Vernichtung.
Und der Bezug zur Schweiz? Dazu Urs Stahel, Direktor des Museums: «Die Schweiz ist Teil von Europa, damals und heute. Also hat die Ausstellung zum einen wohl die gleiche Bedeutung, hier wie in Paris. Zum anderen findet man in der Schweiz ungewohnt häufig die Tendenz, die Augen abzuwenden, so wie die junge Frau auf dem Bild der Einladungskarte. Ich denke es ist wichtig, die Ausstellung hier zu zeigen.»
Die Ausstellung will informieren nicht schockieren
Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Zurück bleiben Dokumente, Bilder, Worte, Sammlungen. So ungeheuerlich, so schrecklich, so unsäglich das Material dieser Ausstellung ist, das Problem der «Vorzeigbarkeit» kann nicht verdecken, dass diese Bilder existieren und uns erinnern an das, was menschenmöglich ist.
Die gezeigten Bilder sind zum Teil schwer auszuhalten. Hier hat das Museum vorbildlich gehandelt. Nochmals der Direktor Urs Stahel: «Wir haben versucht, die Ausstellung so sorgfältig wie möglich zu machen, Schock war nie unser Ziel, dennoch sind schreckliche Bilder in der Ausstellung. Während der ganzen Ausstellung wird deshalb eine Mediatorin anwesend sein, die auf Fragen eingehen kann, die auch die Besucher beruhigen kann.»
Brigitta Javurek, Zürich
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