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Talente springen ab: In Zürich beklagen selbst Firmen die Wohnungsnot

Schlange von Wohnungssuchenden
Die Wohnungsnot in Zürich hält schon lange an und eine Entspannung ist nicht in Sicht: Schlange von Wohnungssuchenden bei der Besichtigung einer Musterwohnung im Jahr 2016. Keystone / Walter Bieri

Weil sie keine Bleibe finden, laufen den Zürcher Firmen die Bewerber davon. Die Wohnungsnot steht auf dem Sorgenbarometer der Unternehmen auf Platz 1 – in Metropolen ein global zunehmendes Phänomen.

Licht und Schatten liegen in Zürich nah beieinander. Während die grösste Stadt der Schweiz in internationalen Rankings oft als eine der lebenswertesten auf dem Planeten bewertet wird, wandelt sie sich immer mehr zu einem Privatclub, dessen Mitgliedschaft sich viele nicht mehr leisten können.

Die hohen Mietkosten und tiefen Leerstände sind berüchtigt. Laut der städtischen Bevölkerungsumfrage aus dem letzten Jahr ist Wohnen die grösste Sorge der Zürcherinnen und Zürcher. Nun schlagen auch die Arbeitgeber Alarm.

In der jüngsten Firmenbefragung Externer Linkfiel die Einschätzung der Attraktivität Zürichs so negativ aus wie noch nie. Ein wesentlicher Treiber dabei: die Wohnungssituation. Sie bekam von den Unternehmen eine 2,4 von 6 – die schlechteste Note überhaupt seit Einführung der Befragung im Jahr 2008.

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Wohnungsnot als Wachstumsbremse

In Zürich akzentuiert sich damit eine Entwicklung, die andere Standorte schon länger beschäftigt. Im Frühling 2024 warnte die spanische ZentralbankExterner Link, die hohen Mieten in Zentren wie Madrid und Barcelona verhinderten, dass Arbeitskräfte dorthin ziehen können. Dies führe zu einem Mangel an Fachkräften in diesen Regionen und bremse das Wachstum.

In einer Umfrage der Londoner Handelskammer gaben 2023 50 Prozent der Unternehmen an, die hohen Häuser- und Mietpreise hätten einen negativen Einfluss auf die Rekrutierung neuen Personals. Fast 60 Prozent forderten, bezahlbaren Wohnraum zu einer Top-Priorität der kommunalen Politik zu machen.

Welche Mittel helfen gegen die Wohnungsnot? Ein internationaler Blick auf politische Ansätze und ihre Wirkung:

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Lokales Gewerbe doppelt betroffen

In Zürich sagt Nicole Barandun, die Präsidentin des lokalen Gewerbeverbands: Der Mangel an günstigem Wohnraum betreffe die Unternehmen doppelt. Einerseits fände eine Verdrängung statt, viele Mitarbeitende könnten sich Wohnraum nur noch in der Agglomeration leisten und würden zum Pendeln gezwungen. Andererseits steige der Druck auf die Umnutzung von Gewerbeflächen für Wohnbauten, was zu einer Verknappung und steigenden Preisen führe.

In der Firmenbefragung wurden die Mietkosten für Büro-, Produktions- und Ladenflächen durchgehend mit einer Note unter 3 bewertet. Auch in der offenen Frage nach Schwächen des Standorts nannten die Unternehmen «Immobilien» am häufigsten (30 Prozent), noch vor dem Verkehr (23 Prozent) und dem generell hohen Preisniveau (22 Prozent).

«Für Büros und Dienstleistungsbranchen und für den hohen Anteil an Arztpraxen und Medizinaldienstleistern mag Zürich weiterhin sehr attraktiv sein», sagt Barandun. «Für Bau, Handwerk, Produktion und Gewerbe ist das Bild deutlich trüber.»

Grosskonzerne merken wenig

An anderes Bild zeichnen die grossen internationalen Konzerne. So räumen etwa Google und der Sportartikelhersteller On auf Nachfrage ein, dass der Immobilienmarkt angespannt sei. Sie fangen das aber mit Unterstützungsleistungen bei der Umsiedlung sowie mit dem Standort entsprechenden, hohen Löhnen auf.

Der Technologiekonzern ABB schreibt auf Anfrage: «Derzeit spüren wir bei der Rekrutierung von Talenten für diesen Standort keine negativen Auswirkungen.» Am Hauptsitz in Zürich gebe es kaum Junior-Stellen. Zudem biete ABB Homeoffice-Möglichkeiten an. «Es hat sich gezeigt, dass sich unsere Mitarbeitenden bei der Wohnortwahl nicht auf Zürich beschränken.»

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Zürich greift zur Millionen-Bazooka

Die Wohnungsnot bleibt in Zürich derweil ganz oben auf der politischen Agenda. Das hat die Stadtregierung im Januar an einer Pressekonferenz erneut bekräftigtExterner Link. Die sozialdemokratische Zürcher Stadtpräsidentin Corinne MauchExterner Link beklagte vor den Medien, das Wohnangebot wachse einseitig im oberen Segment.

Die Stadt will deshalb noch stärker als bisher in den Wohnungsmarkt eingreifen: Jährlich sollen bis zu 600 Millionen Franken für den Kauf von Land und Immobilien investiert werden – über doppelt so viel wie bisher.

Unverändertes Ziel ist, dass ein Drittel der Wohnungen in Zürich gemeinnützig vermietet werden. Aktuell liegt dieser Anteil bei 27 Prozent.

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Editiert von Balz Rigendinger

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