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Gefährliche Verunreinigungen: Je komplexer die Babymilch, desto grösser das Risiko

Ein Baby erhält Muttermilch in einem Schoppen
Es gibt Berichte über Spitalaufenthalte von Säuglingen, die mit der zurückgerufenen Babynahrung gefüttert wurden. Copyright 2022 The Associated Press. All Rights Reserved

Ein kontaminierter Zusatzstoff, der natürlicherweise in der Muttermilch vorkommt, ist für den jüngsten weltweiten Rückruf von Säuglingsnahrung verantwortlich.

Die beispiellose internationale Rückrufwelle von Säuglingsnahrung aus der Produktion von Lebensmittelkonzernen wie Nestlé, Danone und Lactalis hat bei Eltern die Alarmglocken läuten lassen.

Grund für die Rückrufe ist der Nachweis von Cereulid, einem Toxin, das vom Bakterium Bacillus cereusproduziert wird. Die Aufnahme von Cereulid kann zu Erbrechen und Magenkrämpfen führen.

Rund 60 Länder sind betroffen, schätzungsweise 100 Kinder in Europa (allein in der Schweiz bis zu 36) zeigten Symptome, die auf eine Cereulid-Vergiftung hindeuten. Nachgewiesen wurde das Toxin in Arachidonsäureöl (ARA-Öl), einem häufig verwendeten Zusatzstoff in Säuglingsnahrung.

Das französische Landwirtschaftsministerium hat das chinesische Unternehmen Cabio Biotech als Lieferant des verunreinigten ARA-Öls identifiziert, das von mehreren Herstellern von Säuglingsnahrung verwendet wird.

Am 9. Februar gab das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen bekannt, dass Chargen von Säuglingsnahrung der Marken Beba, Alfamino, Bimbosan, Aptamil und Babybio betroffen sind. Sie werden von Nestlé, Hochdorf Swiss Nutrition, Rossmann, Danone und der Supermarktkette Migros verkauft.

Laut Nestlé werden die Kosten des weltweiten Rückrufs weniger als 0,5% des Umsatzes ausmachen. Analystinnen und Analysten der US-Investmentbank Jefferies prognostizieren jedoch eine Höhe von 1,3% des Umsatzes (rund 1,2 Milliarden Franken bzw. 1,54 Milliarden US-Dollar), während Barclays die Kosten auf 0,8% bis 1,5% schätzt. Seit Bekanntwerden der Rückrufe verlor die Nestlé-Aktie zeitweise bis zu 4,6% an Wert.

Hintergrund des Rückrufs ist, dass Hersteller Säuglingsnahrung zusätzliche Inhaltsstoffe zufügen, um sie der Muttermilch ähnlicher zu machen.

Internationale Richtlinien und Gesundheitsbehörden wie die US-amerikanische Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde (FDA) listen mittlerweile rund 30 vorgeschriebene Inhaltstoffe für Säuglingsnahrung auf.

Wird es für Unternehmen mit zunehmend komplexen Lieferketten schwieriger, die Sicherheit ihrer Produkte zu gewährleisten?

Was ist ARA und warum wird es Säuglingsnahrung zugesetzt?

ARA kommt natürlicherweise in Muttermilch vor. In industriell hergestellter Säuglingsnahrung wird eine synthetisch produzierte Variante eingesetzt, die mithilfe eines Bodenpilzes gewonnen wird.

Die langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäure (eine Omega-6-Fettsäure) spielt eine wichtige Rolle in der Gehirnentwicklung von Säuglingen und wird in Säuglingsnahrungen üblicherweise mit Docosahexaensäure (DHA) kombiniert, die aus Fischöl hergestellt wird.

Frühere Studien haben gezeigt, dass gestillte Säuglinge höhere ARA- und DHA-Werte im Blut aufweisen als jene, die mit Säuglingsnahrung ernährt werden. Der Grund war, dass Säuglingsnahrung früher weder ARA noch DHA enthielt.

Sie wurde zwar mit den beiden essentiellen Fettsäuren Linolsäure und α-Linolensäure angereichert, die der Körper anschliessend in ARA beziehungsweise DHA umwandelt.

Diese Umwandlung verläuft bei Säuglingen jedoch nicht optimal. Aus diesem Grund fügen Hersteller von Säuglingsnahrung in den USA seit 2001 und in Europa bereits deutlich früher ARA und DHA hinzu.

Sowohl ARA als auch DHA sind im Codex Alimentarius, einem internationalen Regelwerk zur Harmonisierung von Lebensmittelsicherheitsvorschriften weltweit, als optionale Zutaten für Säuglingsnahrung aufgeführt.

Die Europäische Union hat die Zugabe von DHA in Säuglingsnahrung ab Februar 2020 jedoch verpflichtend gemacht, während die Zugabe von ARA weiterhin optional ist. Dies gilt auch für die Schweiz.

Wie wurde die Verunreinigung der Säuglingsnahrung festgestellt?

Der Lebensmittelkonzern Nestlé behauptet, als erster Hersteller die Kontamination festgestellt und die Information veröffentlicht zu haben. Anfang November 2025 seien bei Routinekontrollen nach der Installation neuer Anlagen im niederländischen Werk sehr geringe Mengen Cereulid in Proben nachgewiesen worden.

Das Unternehmen gab an, die Produktion umgehend eingestellt und Proben zur eingehenden Laboranalyse eingeschickt zu haben. Die Anfang Dezember 2025 vorgelegten Testergebnisse bestätigten Spuren von Cereulid in Chargen von Säuglingsnahrung.

Kurz vor Weihnachten gelang es Nestlé, das Cereulid mit einer ARA-haltigen Ölmischung in Verbindung zu bringen, die in mehreren Werken des Unternehmens zur Herstellung von Säuglingsnahrung verwendet wurde.

Da viele Hersteller ARA vom selben Lieferanten bezogen, informierte Nestlé die übrige Branche am 30. Dezember 2025 über entsprechende Verbände. Inzwischen hat Nestlé die Beschaffung von ARA von dem in Wuhan ansässigen Biotechnologieunternehmen Cabio Biotech eingestellt.

«Unsere Lieferanten werden kontinuierlich von unabhängigen Drittstellen geprüft und zertifiziert, die ihre Herstellungsverfahren und ihre Managementsysteme für Lebensmittelsicherheit bewerten. Auf Ebene der einzelnen Inhaltstoffe führen wir bei Nestlé zudem spezifische Laboranalysen durch, um sicherzustellen, dass die Zutaten den in der Verordnung festgelegten Standards entsprechen», erklärte eine Sprecherin von Nestlé gegenüber Swissinfo.

Die europäische Verbraucherschutzorganisation Foodwatch widerspricht Nestlés Darstellung des Sachverhalts. In einer Ende Januar eingereichten Strafanzeige wirft die Nichtregierungsorganisation den Unternehmen und Behörden vor, die Öffentlichkeit zu spät gewarnt und erst Wochen später grossflächige Rückrufaktionen veranlasst zu haben.

Wie viele Fabriken und Länder sind betroffen?

Laut Nestlé wurden mindestens 25 Chargen Säuglingsnahrung aus 16 europäischen Ländern zurückgerufen. Danone rief eine in Thailand produzierte Charge zurück und Lactalis sechs in Frankreich hergestellte Chargen. Insgesamt sind schätzungsweise Konsument:innen in rund 60 Ländern von dem Rückruf betroffen.

Wer stellt noch ARA-Öl für Säuglingsnahrung her und sind deren Produkte von der Verunreinigung betroffen?

Das schweizerisch-niederländische Unternehmen Dsm-Firmenich besass ein Quasi-Monopol auf ARA für Säuglingsnahrung, bis Cabio Biotech die weltweite Nachfrage decken konnte. Der Auslauf der wichtigsten Patente von Dsm-Firmenich für ARA im Jahr 2023 ermöglichte es Cabio Biotech, internationale Marktanteile zu gewinnen.

Auf Anfrage erklärte Dsm-Firmenich, dass sein ARA nicht kontaminiert sei.

«Wir sind uns dieses Problems bewusst, allerdings sind unsere Produkte davon nicht betroffen. Wir besitzen und kontrollieren die gesamte Produktionskette unserer mikrobiellen Produkte ARASCO®- und life’s®ARA – von der Fermentation bis zum fertigen Öl», erklärte ein Sprecher gegenüber Swissinfo.

Sind Kinder durch den Verzehr von verunreinigter Säuglingsnahrung erkrankt?

In Frankreich und Spanien gab es Berichte über Spitalaufenthalte von Kindern, die mit der zurückgerufenen Säuglingsnahrung gefüttert wurden.

Auch in der Schweiz, Grossbritannien und den Niederlanden wird ein möglicher Zusammenhang zwischen mit Cereulid verunreinigter Säuglingsnahrung und Krankheitssymptomen untersucht, die in den letzten Wochen bei Säuglingen aufgetreten sind.

Bisher konnte nur in Belgien Cereulid in Stuhlproben von kranken Säuglingen nachgewiesen werden.

Wurden Unternehmen zur Rechenschaft gezogen und die Lebensmittelsicherheitsvorschriften verschärft?

Am 13. Februar gab die Pariser Staatsanwaltschaft bekannt, dass sie wegen der Cereulid-Verunreinigung ein Ermittlungsverfahren gegen die fünf Unternehmen Nestlé, Lactalis, Danone, Babybio und La Marque en Moins eingeleitet hat.

Die Anklage wegen «Täuschung der Konsumentinnen und Konsumenten über gesundheitsgefährdende Waren» wird mit einer Geldstrafe von 3,75 Millionen Euro geahndet.

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Nach dem Rückruf veröffentlichte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) am 2. Februar einen neuen Höchstwert für die sichere tägliche Aufnahmemenge von Cereulid.

Sie legte die «akute Referenzdosis» für Säuglinge unter 16 Wochen auf 0,014 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag fest. Frankreich hat seine Gesetzgebung bereits an diesen Grenzwert angepasst.

Am 12. Februar verkündete die chinesische staatliche Marktregulierungsbehörde eine Richtlinie, die Hersteller von Säuglingsnahrung dazu verpflichtet, ihre Produkte auf Cereulid zu testen.

Am 5. Februar riefen die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit zur Einreichung von Fachwissen und Daten zur Risikobewertung von Säuglingsnahrung auf. Anhand dieser Risikobewertung soll der Codex-Alimentarius-Standard für Säuglingsnahrung in Pulverform aktualisiert werden.

Machen Ergänzungsmittel zur Nachahmung von Muttermilch Säuglingsnahrung anfälliger für Verunreinigungen?

Nicht wirklich, sagen Expertinnen und Experten.

«Eine komplexere Mischung birgt naturgemäss das Risiko von Verunreinigungen oder Fehlern. Diese Einschränkung muss gegen die Frage abgewogen werden, ob ein Inhaltstoff für eine gesunde Entwicklung von Säuglingen unerlässlich ist», sagt Tom Brenna, Professor für Pädiatrie, Chemie und Humanernährung an der Universität von Texas in Austin.

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Ihm zufolge wird ARA-Öl seit über 25 Jahren zu Säuglingsnahrung hinzugefügt, ohne dass dies bisher zu nennenswerten Problemen geführt hätte. Da Muttermilch einen konstanten Anteil an ARA enthält, wäre es laut Brenna ein Fehler, in Säuglingsnahrung darauf zu verzichten.

«Wir müssen bedenken, dass die vor den 1990er-Jahren verwendeten Rezepturen – denen ARA und DHA fehlten – eine beispiellose Abweichung von dem biologischen Ernährungsstandard darstellten, der vor der Industrialisierung Jahrtausende lang die Regel war», sagt Brenna.

Trotz des Rückrufs aufgrund der Cereulid-Verunreinigung glaubt der Wissenschaftler nicht, dass das von der Industrie befolgte Lebensmittelsicherheitssystem versagt hat.

«Unternehmen sind auf Zulieferer für Inhaltstoffe angewiesen, doch der Goldstandard – und die Erwartung – ist, dass sie ihre eigenen Produktionsanlagen regelmässig auf Verunreinigungen testen», sagt er.

«Ich habe allen Grund zur Annahme, dass dieses Protokoll eingehalten wird; die Seltenheit von Kontaminationsvorfällen in Verbindung mit der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit, die den auftretenden Vorfällen zuteilwird, deutet darauf hin, dass das Kontrollsystem funktioniert.»

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Editiert von Virginie Mangin /dos, Übertragung aus dem Englischen mithilfe von KI-Tools: Petra Krimphove/raf

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