Die queere Community in der Schweiz fürchtet einen Backlash
Die Kampagne gegen die LGBTIQ+-Community in den USA bleibt in der Schweiz nicht folgenlos – auch nicht in der Forschung, wie Tabea Hässler von der Universität Zürich sagt. Ein Gespräch über Diskriminierung, Selbstverletzungen und Kinderschutz.
Swissinfo: Ihr Bericht untersucht einmal jährlich die Lebensbedingungen und Zukunftserwartungen von LGBTIQ+-Personen in der Schweiz. Was sind die prägnantesten Veränderungen im Vergleich zu den letzten Jahren?
Tabea Hässler: Wir sehen, dass körperliche Gewalt zugenommen hat, wenn auch auf tiefem Niveau, und dass eine grosse Gruppe ein schlechtes Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum hat. Zum ersten Mal haben viele die Besorgnis ausgedrückt, dass es einen Backlash gibt – dass die rechtlichen Errungenschaften und die gesellschaftliche Akzeptanz wieder wegbrechen könnten.
Zum sechsten Mal bietet das Schweizer LBGTIQ+ Panel Einblick ins Leben queerer Personen. Die Forschenden, Tabea Hässler und Léïla Eisner vom Psychologischen Institut der Universität Zürich, wollen mit den Längsschnittdaten Entwicklungen in der Schweiz sichtbar machen.
Für die aktuelle Ausgabe haben 6177 Personen den Online-Fragebogen ausgefüllt, davon 5’422 LGBTIQ+-Personen.
Im laufenden Jahr planen Hässler und Eisner eine internationale Vergleichsstudie, an der sich über 70 Länder beteiligen wollen. Im Sommer treffen sich Forschende aus der ganzen Welt, um in Zürich einen Fragebogen zu entwickeln, der auf alle globalen Verhältnisse passt – darunter auch Vertreter:innen von Ländern wie Ghana, Uganda, Russland, Ungarn oder den USA, wo die queere Community unter grossem Druck steht.
Aufhorchen lässt das Resultat, dass sich bei den Jugendlichen jede zweite trans, non-binäre und intergeschlechtliche Person in der Schweiz selbst Verletzungen zufügt. Wie kommt es dazu?
Die Forschung zeigt, dass die fehlende Sichtbarkeit von Vorbildern, persönlich erlebte Diskriminierung sowie die erlebte Diskriminierung von anderen zur Selbststigmatisierung führen.
Viele trans und non-binäre Personen hadern mit ihrer Geschlechtsidentität, sie haben den Eindruck, sich verstecken zu müssen, um Ausgrenzung zu vermeiden. Das wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus.
Selbstverletzendes Verhalten ist dann ein fehlgeleitetes Coping, um mit dem Stress umzugehen. Deshalb braucht es für queere Jugendliche Ansprechpersonen, Vorbilder und die Vermittlung von Vielfalt, besonders in den Schulen.
Wenn sich queere Jugendliche durch ihre Schule, Familie und Freund:innen unterstützt fühlen, wirkt sich das positive auf ihre Gesundheit aus.
Unternimmt die Schweiz im Jugendschutz zu wenig?
Es gibt grosse Unterschiede. Der für viele Kantone bindende Lehrplan 21 sieht das Thema zwar vor, aber es wird den Lehrpersonen überlassen, ob sie sich externe Hilfe holen. Das Problem ist, dass oft jene die Aufklärungsangebote nutzen, die ohnehin sensibilisiert sind, und nicht jene, die es nötig hätten.
Viele Jugendliche zögern lange mit dem Coming-out. Wie erklären Sie sich das?
Im Schnitt braucht es ab dem Zeitpunkt, wo Jugendliche merken, dass sie queer sind, vier Jahre, bis sie sich zum ersten Mal öffentlich outen. Das ist etwas, das wir auch im europäischen Kontext sehen.
Dahinter steht meist Angst – etwa davor, wie die Eltern reagieren. Zwar sind viele Eltern positiv eingestellt, gerade gegenüber sexuellen Minderheiten, sie äussern sich aber nicht, weil sie nicht auf dem Schirm haben, dass das Kind queer sein könnte.
Wir haben auch festgestellt, dass das Coming-out für viele viel besser verläuft, als sie erwartet hätten. Klar gibt es daneben leider weiterhin Fälle, wo Kinder aus dem Haus geworfen werden, vor allem bei queeren Jugendlichen.
Die wichtigsten Resultate des Berichts des LGBTIQ+-Panels haben wir hier zusammengefasst:
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7 Grafiken, die zeigen, wie es LGBTIQ+-Personen in der Schweiz geht
Schwule und lesbische Personen erleben weniger Diskriminierung als zum Beispiel trans Personen. Und doch ist vor kurzem die Co-Präsidentin der Evangelischen Volkspartei wegen Drohungen nach ihrem Coming-out zurückgetreten. Wenn Diskriminierung das Werk einer lauten Minderheit ist, was lässt sich überhaupt ausrichten?
Es gibt dazu eine interessante Studie, die meine Kollegin Léïla Eisner geleitet hat. Untersucht wurde, was Leute denken, wenn zum Beispiel zwei Männer eine Beziehung führen. Das Resultat war, dass die Leute sehr tolerant sind, dass sie aber denken, die anderen seien weit weniger tolerant. Diese Annahme führt dazu, dass sich Menschen nicht gegen diskriminierendes Verhalten aussprechen und beispielsweise nicht intervenieren, wenn jemand eine abfällige Bemerkung macht.
Sie kritisieren, dass die Debatte über queere und trans Personen oft verkürzt geführt wird. Was ist ein typisches Beispiel dafür?
Die Pubertätsblocker. Die kann man für ein Jahr abgeben und so einen Entscheid aufschieben. Man kann sie aber nicht länger geben, weil sich das negativ auf die Knochendichte auswirkt. Dann muss man sich also entscheiden.
Der traditionelle Ansatz ist, erst einmal zu warten und die Pubertät stattfinden zu lassen. Das führt aber dazu, dass Kinder, die sich im falschen Körper sind, Depressionen entwickeln und teilweise selbstverletzendes Verhalten zeigen, bis hin zum Suizid. Nichts zu machen ist daher auch eine Entscheidung, die potenziell fatale Folgen haben kann.
Das Problem ist, dass es um ein sehr frühes Alter geht und noch viel passieren kann. Wichtig ist zu betonen, dass unsere Forschung zeigt, dass die Geschlechtsidentität von trans Kindern gleich stabil ist wie die von cisgender Kindern.
Zuletzt hat Genderdysphorie in westlichen Gesellschaften stark zugenommen. Muss man damit rechnen, dass das auch eine Übertreibung ist und damit die Re-Identifizierungen zunehmen werden?
Trans und non-binär Kinder hat es in allen Kulturkreisen und über alle Epochen gegeben. Die Zahlen steigen heute also zunächst einmal, weil sich mehr Menschen outen. Dann aber ist die Stabilität der Geschlechtsidentität auch ein Diskurs, für den wir mehr Daten brauchen. Wir müssen wissen, wie es den Jugendlichen über die Zeit geht.
Das Problem ist, dass man nicht einfach Jugendliche zufällig einer Kontrollgruppe zuweisen und so eine randomisierte Studie machen kann. Das sind Limitationen, mit denen wir in der Forschung umgehen müssen.
Wichtig zu wissen ist, dass sexuelle Identität und Geschlechtsidentität ein Spektrum sind. Ich war in den USA an einem Projekt beteiligt mit Kindern zwischen 3 und 12 Jahren, die «socially transitioned» waren, also den Namen geändert hatten.
Von diesen Kindern haben nur sehr wenige ihre Geschlechtsidentität wieder gewechselt – meist von binär trans zu non-binär. In den Interviews, die wir mit den Kindern geführt haben, haben sie ihren Werdegang nicht bereut. Und es hat sich klar gezeigt, wie wichtig es ist, dass man ihnen den Druck nimmt, sie unterstützt und sie nicht zu etwas drängt.
Ist die Idee, Geschlecht nicht binär zu denken, eine Chance, um den Druck abzubauen, die körperlichen Merkmale zu verändern?
Nicht alle trans Personen nehmen Hormone oder machen Operationen. Das ist sehr individuell. Das Problem ist, dass eine Gesellschaft, in der die Menschen so leben und sich fühlen können, wie sie sind, eine Utopie ist.
Wir leben in einer Welt, die cis-heteronormativ geprägt ist, in der jede Person im binären Schema eingeordnet wird. Und wenn man tagtäglich falsch gelabelt wird, dann macht das natürlich etwas mit einem. Am Ende wollen trans Person einfach so akzeptiert werden, wie sie sind.
In den USA machen konservative, oft fundamental-christliche Kräfte besonders viel Druck auf die queere Community. Die reaktionäre Bewegung ist aber global aktiv. Wo merken wir das in der Schweiz?
Ich kann das vor allem für die Wissenschafts-Community sagen. In den USA ist das Funding komplett weggebrochen, teils wurden Daten gelöscht. Viele haben Angst, in dem Bereich zu forschen, alles zum Thema «Frau» oder «trans» wird markiert. Wir haben Kolleg:innen, die überlegen, die USA zu verlassen. Es gab auch schon Anfragen, welche Forschung in Zürich gemacht wird; dort, wo es Kollaborationen gibt, versuchen die USA Einfluss auf andere Länder zu nehmen.
Ehemals progressive Länder wie UK oder Schweden haben genderaffirmative Behandlungen mit dem Argument des Kinderschutzes eingeschränkt. Sie erlauben keine OPs bei Minderjährigen und Pubertätsblocker nur im Studienrahmen. Dasselbe verlangt ein Vorstoss in der Schweiz. Erwarten Sie, dass wir dieser Entwicklung folgen?
Es ist gut, Behandlungen wissenschaftlich zu begleiten, aber ethisch sehr problematisch, den Zugang zu einer Behandlung von der Teilnahme an einer Studie abhängig zu machen. Ich persönlich würde keine solche Studie leiten wollen.
Minderjährige dürfen in der Schweiz in Berücksichtigung ihrer Urteilsfähigkeit einer medizinischen Behandlung zustimmen – ich halte es für höchstproblematisch, wenn diese Rechte trans Jugendlichen in einem für sie sehr relevanten Bereich vorbehalten würden.
Operative Eingriffe bei Minderjährigen sind selten in der Schweiz. De facto beschränken sie sich auf Brustentfernungen, und die Patient:innen sind an der Grenze zur Volljährigkeit. Spricht auch das gegen eine Regulierung?
Ich finde es generell schwierig, eine arbiträre Altersgrenze zu setzen. Es gibt und braucht lange Gespräche mit Fachpersonen, in denen die Jugendlichen respektive jungen Erwachsenen aufgeklärt werden, auch über die Irreversibilität von Eingriffen. Und es ist wichtig, dass man kontinuierlich evaluiert, was das beste Vorgehen ist.
Bei intergeschlechtlichen Personen werden heute noch medizinisch nicht notwendige Operationen ohne Einwilligung der Betroffenen durchgeführt – ein klarer Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. Da sieht die Schweizer Politik bisher keine Notwendigkeit zu handeln, während man Eingriffe bei trans Jugendlichen unterbinden möchte.
Intergeschlechtliche Kinder ohne ihre Zustimmung zu operieren und gleichzeitig trans Kindern die Möglichkeit für genderaffirmative Behandlungen zu nehmen, wäre ein klarer Doppelstandard – und nicht zielführend. Das Wohlergehen aller Kinder sollte im Vordergrund stehen.
LGBTIQ+: Die Abkürzung steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und queere Menschen; das Plus steht als Platzhalter für weitere Identitäten.
Cis-heterosexuell: Bezeichnet Personen, die sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren (cis) und sich zum jeweils anderen Geschlecht hingezogen fühlen (hetero).
Queer: Ein positiver Sammelbegriff für alle Personen, die von gesellschaftlichen Normen in Bezug auf Geschlecht oder sexuelle Orientierung abweichen.
Non-binär: Ein Sammelbegriff für Menschen, die sich nicht oder nicht ausschließlich als Mann oder Frau definieren.
Trans: Menschen, deren geschlechtliche Identität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
Intergeschlechtlich: Menschen, die mit körperlichen Merkmalen (wie Hormonen oder Genitalien) geboren wurden, die medizinisch nicht eindeutig als nur männlich oder weiblich eingeordnet werden.
Coming Out: Das freiwillige Offenbarmachen der eigenen geschlechtlichen oder sexuellen Identität.
Editiert von Balz Rigendinger
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