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Wie ein Schweizer im Brasilien des 19. Jahrhunderts für ausgebeutete Auswanderer kämpfte

Bild einer weiten Landschaft
Vor 170 Jahren verliess Thomas Davatz die Schweiz und ging nach Brasilien, auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. Museu Paulista

Vor 170 Jahren führte ein Schweizer in Brasilien einen Aufstand an, der sich gegen die Ausbeutung europäischer Immigrant:innen in Lateinamerika im 19. Jahrhundert richtete. Die Geschichte wirft ein Licht auf Probleme, die bis heute die Debatten über Migration, Zwangsarbeit und staatliche Verantwortung prägen.

Im April 1855 verliess der Schweizer Thomas Davatz mit seiner Familie seine Heimat und reiste auf der Suche nach einem besseren Leben nach Brasilien. Das südamerikanische Land war schon damals einer der grössten Kaffeeproduzenten der Welt, geriet jedoch zunehmend unter Druck aus Grossbritannien.

Die Europäer stellten Brasiliens Wirtschaftsmodell infrage, das auf der Ausbeutung afrikanischer Sklavinnen und Sklaven basierte, und verabschiedeten Gesetze wie den «Aberdeen Act». Damit war es der britischen Marine erlaubt, brasilianische Sklavenschiffe zu beschlagnahmen. 1850 wurde der transatlantische Sklavenhandel nach Brasilien endgültig verboten.

In diesem Kontext entstanden die ersten Initiativen Brasiliens, Europäer:innen anzuwerben, um auf den Plantagen die schwindenden Arbeitskräfte zu ersetzen. Die brasilianischen Landbesitzer glaubten, die Ansiedlung europäischer Siedler:innen würde ihrem Land ein zivilisiertes Image verleihen und gleichzeitig die Bevölkerung «aufhellen», die massgeblich von versklavten Afrikaner:innen geprägt war.

In den Alpen war Davatz zu der Zeit als Lehrer an einer Dorfschule tätig und im Prättigau im Kanton Graubünden, wo er lebte und arbeitete, hoch angesehen. Er hatte eine intensive religiöse Erziehung genossen, die von einem protestantischen, der Inneren Mission verbundenen Umfeld geprägt war. Es war im 19. Jahrhundert in der Schweiz und anderen Regionen des reformierten Europas eine weit verbreitete protestantische Bewegung.

Alte Foto eines Wohnhauses
Thomas Davatz war Lehrer im Prättigau im Kanton Graubünden, wo er lebte und arbeitete. In diesem Haus ist er aufgewachsen. ETH-Bibliothek Zürich

Als einflussreiche Persönlichkeit leitete Davatz die Ankunft einer der Gruppen von Auswandernden. Sie waren von einem brasilianischen Unternehmen unter Vertrag genommen worden, das als Vermittler zwischen brasilianischen Landbesitzern und Schweizer Arbeitskräften fungierte.

«Die Idee war, dass es zur Zivilisierung der brasilianischen Nation notwendig sei, Europäerinnen und Europäer hierher zu bringen. Es gab sowohl eine These der ‘Weissmachung’ als auch eine der Zivilisierung, basierend auf einer fehlgeleiteten Interpretation von Charles Darwins Evolutionstheorie, die im 19. Jahrhundert sehr einflussreich war», sagt Victor Missiato, Politikwissenschaftler und Geschichtsprofessor an der Mackenzie Presbyterian University in São Paulo.

Der brasilianische Staat förderte daher die Einwanderung durch offizielle Massnahmen wie Landvergabe, Rekrutierung von Anwerbern in Europa und Werbung zur Gewinnung von Arbeitskräften. 1848 trafen die ersten deutschsprachigen Familien aus verschiedenen deutschen Staaten und der Schweiz ein. Die Gruppe, zu der Davatz gehörte, erreichte Brasilien im Juli 1855.

«Diese europäischen Bauern leisteten in gewisser Weise Widerstand gegen die Industrialisierung. Sie setzten auf eine ländliche Lösung der europäischen Krisen, anders als viele andere, die in die Städte abwanderten», sagt Alberto Luis Schneider, promovierter Historiker der Universität von Campinas in Brasilien.

«Sie kamen mit der Erwartung, Landbesitzer zu werden, und sei es auch nur im kleinen Rahmen. Diese Erwartung wurde durch das brasilianische Projekt unter der Führung von Grossgrundbesitzern zunichtegemacht.»

Vom Prättigau nach Limeira

«Im August 1854 richteten sich meine Gedanken auf Brasilien», schrieb Davatz in seinen Memoiren mit dem Titel «Die Behandlung der Kolonisten in der Provinz St. Paulo in Brasilien».

«Dort sollten sich meine schönen Hoffnungen erfüllen, so wie zahlreiche Beschreibungen in Vorträgen, Briefen, gedruckten Materialien und Erklärungen aller Art vermuten liessen. In dieser freudigen Erwartung beschloss ich als Mitglied der Armenfürsorgekommission, meiner Gemeinde einen Vorschlag zu unterbreiten, den Bürgern, die nach Brasilien auswandern wollten, aber nicht über die Mittel verfügten, um die Reise zu bezahlen, die notwendigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen.»

Diese Führungsposition brachte Davatz auch persönliche Vorteile. Nach seiner Ankunft in Brasilien arbeitete er auf der Plantage Ibicaba in Limeira, im Landesinneren des Bundesstaats São Paulo, und übernahm dort eine Verwaltungsfunktion.

Laut Ilka Stern Cohen, Mitautorin des Buchs «Thomas Davatz neu betrachtet», hatte dieser zudem den offiziellen Auftrag, der Schweiz einen Bericht über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Kolonie zu übermitteln.

Der Bericht sollte den Schweizer Behörden als Leitfaden für ihre Auswanderungspolitik dienen, die als Form der Sozialpolitik Auswanderung förderte, um die Lebensbedingungen der Bürger:innen zu verbessern. In dieser Zeit war die Schweiz noch überwiegend ländlich und arm.

Der Aufstand

Nach anderthalb Jahren auf der Plantage, wo er als Lehrer für die Kinder der Kolonist:innen arbeitete, forderte Davatz Verhandlungen über die verschiedenen Probleme, die sich für die Kolonist:innen im Rahmen des so genannten «Partnerschaftssystems» herausstellten.

Dieses Modell, das im Brasilien des 19. Jahrhunderts vor allem auf Kaffeeplantagen als schrittweise Alternative zur Sklaverei eingeführt wurde, gewährte Ausgewanderten ein Stück Land zur Bewirtschaftung und verpflichtete sie, die Ernte mit den Landbesitzenden zu teilen. Es wurde als freie und gemeinschaftliche Arbeit dargestellt.

Foto aus dem 19. Jahrhundert eines alten Manns mit Bart
Thomas Davatz. Wikimedia

In der Praxis wurden die Kolonist:innen jedoch in einem Zustand ständiger Verschuldung gehalten. Sie waren gezwungen, Waren und Dienstleistungen von den Landbesitzenden selbst zu erwerben, wobei die Konten einseitig kontrolliert wurden.

Die daraus resultierenden Schulden schränkten die Mobilität und Autonomie der eingewanderten Schweizer:innen ein. Sie waren in ihrer Arbeit zwar formal frei, doch das System war von Zwang und Ausbeutung geprägt und mit der Sklaverei vergleichbar.

«Die brasilianischen Landbesitzer kamen aus einer starken Tradition der Sklaverei. Sie hatten keine Kultur des Umgangs mit freien Arbeitern, und das spielte sicherlich eine grosse Rolle bei den aufgetretenen Problemen», sagt Schneider.

Laut Béatrice Ziegler, Historikerin und Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), begann Davatz systematisch die Ausgaben und Einnahmen der Kolonist:innen zu erfassen und ihre Geschäftsbücher zu prüfen. Seine Arbeit als Lehrer und seine Bildung machten ihn zu einem natürlichen Anführer unter den Schweizer Kolonist:innen.

«In seinen Kontrollen stellte er unter anderem überhöhte Lebensmittelpreise, Betrug beim Wiegen gelieferten Kaffees und Unregelmässigkeiten bei den Produktionspreisen fest. Aus diesen Beweisen schloss er, dass die Kolonisteninnen und Kolonisten, welche die versklavten Menschen ersetzten, systematisch betrogen wurden», sagt sie.

Obwohl schriftliche Aufzeichnungen keine Hinweise auf Gewaltausbrüche liefern, führten Davatz’ Erkenntnisse doch zu erheblichen Konfrontationen. Die Plantagenbesitzenden, die sich bisher auf Sklavenarbeit verlassen hatten, weigerten sich, die Forderungen der freien Kolonist:innen zu akzeptieren.

Angetrieben durch die Befürchtung, dass der Anführer der Auswanderer verhaftet oder – wie es bei Sklaven üblich war – Gewalt ausgesetzt werden könnte, begaben sich die Kolonist:innen unter der Führung von Davatz 1856 zum Plantagenhauptquartier und bedrohten die dort Arbeitenden.

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Plantagenbesitzer und lokale Politiker waren wiederum in Angst, dass der Aufstand der Europäer:innen versklavte Afrikaner:innen mitreissen könnte. Sie forderten harte Massnahmen gegen Davatz. Er wurde beschuldigt, ein ausländischer Agent zu sein und die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu schädigen.

Laut Victor Missiato von der Mackenzie Presbyterian University in São Paulo lebten die Schweizer Siedler:innen auf Kaffeeplantagen Seite an Seite mit versklavten Afrikaner:innen. Sie teilten sich die täglichen Arbeitsbereiche, nahmen aber innerhalb eines Systems, das immer noch auf Sklaverei basierte, eine rechtlich eigenständige und hierarchisch überlegene Position ein.

Sklavenarbeit war weiterhin verbreitet. Und obwohl der transatlantische Sklavenhandel 1850 offiziell verboten worden war, blieb die Sklaverei in Brasilien bis zu ihrer Abschaffung im Jahr 1888 völlig legal. In der Zwischenzeit bestanden der illegale Handel und ein aktiver innerbrasilianischer Sklavenhandel fort.

Im selben Jahr verliess Davatz die Plantage unter dem Schutz anderer Schweizer Kolonist:innen und reiste nach Santos, dem damals wichtigsten Ausreiseshafen Brasiliens. Von dort kehrte er auf dem Seeweg nach Europa zurück, mit informeller Unterstützung von Landsleuten und unter Beobachtung der brasilianischen Behörden, jedoch ohne verhaftet oder offiziell abgeschoben worden zu sein.

Zurück in die Schweiz und hinein in die Geschichtsbücher

In der Schweiz veröffentlichte Davatz einen detaillierten Bericht. Darin prangerte er das Ausbeutungssystem an, dem europäische Eingewandererte auf brasilianischen Kaffeeplantagen ausgesetzt waren.

Sein Ziel war es, die Schweizer Auswanderung dorthin einzudämmen. Es war dieses schriftliche Zeugnis, nicht etwa eine gerichtliche Bestrafung in Brasilien, das seinem Fall internationale Aufmerksamkeit verschaffte.

«Thomas Davatz’ Bericht war nicht einfach nur eine weitere malerische Beschreibung Brasiliens, wie man sie von einem Ausländer erwarten würde. Er behandelte heikle Themen wie Unterdrückung, Machtmissbrauch und die Reaktionen der Unterdrückten – Themen, die dem einheimischen Lesepublikum sicherlich unangenehm und weitgehend unbekannt waren», sagt Cohen, Mitautorin des Buchs «Thomas Davatz neu betrachtet».

Deckblatt von Thomas Davatz' Memoiren
Thomas Davatz‘ Memoiren hatten in der Schweiz und im benachbarten Deutschland lang anhaltende Auswirkungen. Wikimedia

Sein Bericht hatte unmittelbare Konsequenzen: «Die Folgen zeigten sich zuerst in Graubünden. Die Regierung wartete auf Davatz’ Bericht, da sie beabsichtigte, deutlich mehr Menschen die Auswanderung zu ermöglichen», sagt Ziegler.

«Als der Bericht vorlag, musste sie diesen Plan nicht nur aufgeben, sondern fürchtete auch Proteste von Angehörigen der Ausgewanderten, der Presse und aus politischen Kreisen. Darüber hinaus hatten viele Gemeinden, obwohl sie sehr arm waren, Mittel für die Auswanderung vorgestreckt und befürchteten, dass die Kolonistinnen und Kolonisten diese niemals zurückzahlen würden.»

Auch andere deutschsprachige Regionen wurden von Davatz’ Bericht beeinflusst. Kurz nach dem Aufstand und parallel zu Berichten anderer Auswanderer wie Theodor Heusser und Jean-Jacques Tschudi begann in Preussen eine intensive Kampagne gegen die weitere Auswanderung nach Brasilien.

Eine weitere Anwerbung und Beförderung deutscher Auswander:innen nach Brasilien wurde dort 1859 offiziell verboten – was viele potenzielle Kolonist:innen auch aus anderen deutschsprachigen Gebieten davon abhielt, nach Brasilien zu ziehen.

Laut Ziegler blieb die Auswanderung von Bürger:innen in der Schweiz zwar eine kantonale Angelegenheit, doch unterlagen die Auswanderungsbehörden einiger Kantone bald einer strengeren Kontrolle. 1888 trat ein nationales Gesetz in Kraft, das den Auswanderungsprozess klarer regelte und die Auffassung bestärkte, dass der Staat die direkte Verantwortung für den Schutz seiner Bürger:innen im Ausland trage.

In Brasilien sind die Folgen dieser Zeit noch immer sichtbar. Im Jahr 2024 berichtete das Ministerium für Arbeit und Beschäftigung über die Befreiung von 2004 Arbeiter:innen aus sklavenähnlichen Zuständen. Ausbeuterische Arbeitsverhältnisse sind also auch in der Gegenwart weiter ein Thema.

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Editiert von Virginie Mangin/ts, Übertragung aus dem Englischen mit der Hilfe von KI-Tools: Petra Krimphove/raf

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