Schwedenbrötli und Wodka zur WM-Einstimmung
Drei Wochen vor der Startsirene zur Eishockey-Weltmeisterschaft 2009 haben fünf Gastnationen am Ländermärit in Bern WM-Stimmung entfacht. Mit Spezialitäten und Leckereien sorgten sie für Vorfreude, die durch den Magen ging.
Der Franzose lockt die Besucher mit Käse. «Die Schweizer machen besseren Hartkäse. Beim Weichkäse haben aber wir die Nase vorne», sagt der Charmeur mit roter Schürze und Brille.
Ob seine Strategie aufgeht, im WM-Hauptort Bern mit feinem Käse gute Stimmung für Frankreich zu machen, wird sich am 24. April zeigen. Dann nämlich startet die Schweiz in ihr WM-Abenteuer – gegen Frankreich.
Neben dem westlichen Nachbarn, den die Schweiz nicht nur punkto Hartkäse, sondern üblicherweise auch auf dem Eis im Griff hat, preisen am Ländermarkt in der Berner Altstadt auch Russland, Schweden, Deutschland und die USA kulinarische Spezialitäten an. Und natürlich das Gastgeberland Schweiz.
Die harten WM-Brocken, die in drei Wochen Ralph Kruegers Heimmannschaft das Fürchten lehren wollen, haben aber noch mehr zu bieten als Gaumenfreuden. Sie rücken sich auch ins beste Licht als lockende Reisedestinationen.
Im Vorfeld von Checks, Slapshots und Torjubel nehmen verschiedene Gruppen die Zuschauer auf musikalische Reisen mit: Russische Lieder und Tänze folgen auf französische Akkordeon-Klänge. Nicht fehlen dürfen die erhabenen Töne aus dem Schweizer Alphorn.
Start nach Berner Art
Mit dem Ländermärit wollen die lokalen Organisatoren rund um Marcel Brülhart diejenigen Nationen vorstellen, die in wenigen Tagen um den WM-Pokal spielen. Weiteres Ziel ist es, die WM als grössten Sportanlass und Höhepunkt des Schweizer Sportjahres 2009 ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rufen.
Die Botschaft ist offenbar noch nicht zu allen Besuchern durchgedrungen. Sie habe zwar gelesen, dass etwas mit Eishockey stattfinden werde, sagt die ältere Dame mit dem grossen Märitkorb. «Aber dass es die Weltmeisterschaft ist, war mir nicht bewusst.»
Beim Tummeln durch die Stände können sich die Besucher auch über Helme und Schutzmasken informieren, die die Spieler und Torhüter ausreichend vor dem rauen Treiben auf Eis und heranschiessenden Pucks zu schützen vermögen.
Kleinere Brötchen
Marcel Brülhart als Berner «Mr. Eishockey-WM» ist optimistisch, dass die Menschen in WM-Stimmung kommen. Trotz des endlich nahenden Frühlings. «Die Region Bern ist Eishockey-verrückt. Auch wenn die Saison dieses Jahr nicht so lange dauerte, weil der Schlittschuh-Club Bern in den Playoffs früh ausgeschieden ist.»
Die WM rücke erst dann richtig ins Bewusstsein der Menschen, wenn es auf dem Eis losgehe, weiss Brülhart. Bei der Fussball-EM im letzten Sommer sei es ähnlich gewesen. Seine Erinnerung ist noch hellwach, war er doch bereits «Mr. Euro 2008» in der Bundesstadt.
Den Massenandrang werde es aber nicht geben, sagt er in Anspielung auf die «Invasion der Oranjes», die im letzten Juni Bern zu Hunderttausenden einnahmen, fröhlich und jederzeit friedlich.
Schweden, die neuen Oranjes?
Schweden, vor ein paar Tagen vom Krueger-Team in einer Testpartie besiegt, tischt Köttbullar med Rödbetssallad oder Leverpastej med Gurka auf. Zu deutsch: Fleischkügelchen mit Randensalat oder Leberpastete mit Gurken.
Die schwedischen Brötchen hat Anita Papasov-Henning hausgemacht, eine gebürtige Schwedin, die seit vierzig Jahren in der Schweiz lebt. Mit Herzblut macht sie den Besuchern ihre Leckereien schmackhaft, so auch die belegten Brötchen mit Crevetten.
Neben der Hobbyköchin mit den hellblonden Haaren markiert ein grosser schwedischer Konzern Präsenz, nicht mit Möbeln wie sonst üblich, sondern ebenfalls mit feinem Essen und Trinken.
Die Hausfrau und das Möbelimperium unterstreichen die grosse Präsenz, die Schweden in der Bundesstadt zur Zeit markiert. Auch auf dem kulturellen Sektor. Kinos zeigen schwedische Filme, Theater spielen schwedische Stücke, eine Bibliothek leiht schwedische Bücher aus. Federführend bei dieser kulturellen Offensive in Gelb-Blau ist die schwedische Botschaft.
Marinaden made in USA
Am Stand der USA läutet Simon Cuiper Okker die Grill-Saison ein. Zwar nicht mit Steaks und Burgern, sondern mit einem reichen Angebot an Marinaden und Saucen für Barbecues. «Die Amerikaner haben eine lange Barbecue-Tradition», erklärt der gebürtige Holländer.
Ehrensache, dass der Lebensmittel-Importeur nur original amerikanische Produkte führt. Nicht fehlen auf Okkers Tafel «Made in USA» darf die Nachspeise, bestehend aus weissen Marshmallows und Ahorn-Sirup.
Charme-Offensive mit Schinken
Deutschland, zuletzt in der Sympathie-Hitparade der Schweizer etwas eingebrochen, will am Ländermärit als Weinland punkten: Der Süddeutsche mit Schnauz und kleinem Geniesserbauch preist Weine aus verschiedenen Anbaugebieten, welche die Besucher degustieren können.
«Mindestens so gut wie Schweizer Wein», anerkennt ein älterer Berner, der sich auf dem Gebiet auszukennen scheint. Passend zum Wein schiebt er eine Scheibe dünn geschnittenen Schwarzwälder Schinkens nach.
Russen-Diaspora
Auf einer kleinen Bühne zaubert ein halbes Dutzend russischer Tänzerinnen und Sängerinnen in farbigen Trachten Unbeschwertheit in die Berner Altstadt.
Der Stand mit den Matrjoschkas, den traditionellen russischen Holzpuppen, und dem Wodka wird zur kleinen Diaspora: Darum herum versammeln sich rund zehn Berner Exil-Russen, die sich angeregt in ihrer Muttersprache unterhalten.
Nur wenige Einheimische machen es ihnen nach und wagen sich vormittags an einen kleinen Schluck Hochprozentiges: За ваше здоровье! Oder auf gut Berndeutsch: Proscht!
swissinfo, Sandra Grizelj
Das Rahmenprogramm rund um die Eishockey-WM findet am Eröffnungswochenende seinen krönenden Abschluss. Ein grosses zweitägiges Fest auf dem Bundeshausplatz soll die Bevölkerung auf die WM einstimmen.
Am 25. und 26. April werden rund zehn Musikgruppen aus den verschiedensten Musikrichtungen auftreten. Alle Konzerte sind gratis.
Unter anderem werden Stephan Eicher, der Rapper Bligg und die Schlagersängerin Francine Jordi zu hören sein.
Marcel Brülhart, «Mr. Eishockey-WM» von Stadt und Kanton Bern, rechnet mit 250’000 Besuchern, die der zweiwöchige Grossanlass in die Bundesstadt locken wird.
Die Fussball-Europameisterschaft 2008 zog rund eine Million Menschen nach Bern.
Die Grössenunterschiede zeigen sich auch bei den Helfern. An der Eishockey-WM sind 400 im Einsatz. Für die Fussball-EM arbeiteten rund 4000 Personen in Stadt und Kanton Bern.
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