Schwierige Suche nach Opfern – baldige Vergeltung?
In den USA laufen die Vorbereitungen für einen Vergeltungsschlag auf Hochtouren. Sie konzentrieren sich offenbar auf Afghanistan, wo der sich der mutmassliche Terrorist Osama bin Laden aufhalten soll. Noch immer werden mehrere tausend Menschen vermisst. Es geht die Angst um vor weiteren Anschlägen. Der Kongress will 40 Mrd. Dollar für Nothilfe und Terror-Bekämpfung bereitstellen.
Die USA bereiten sich auf eine langwierige Bekämpfung des Terrorismus vor, die weit über Luftangriffe auf einzelne Ziele hinausgeht.
Zu den erwogenen Optionen gehören nach Informationen aus Pentagon-Kreisen auch der Einsatz von Bodentruppen. Der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz kündigte an, es werde nicht bei einem Vergeltungsschlag bleiben: «Es wird ein Feldzug und keine einzelne Aktion».
Neben der Alarmbereitschaft für die US-Truppen auf den Stützpunkten im Ausland stehen auch die Kampfpiloten auf 26 Stützpunkten in den Vereinigten Staaten für Schnell-Einsätze zur Verfügung. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärte im Fernsehsender CNN, die Mannschaften seien innerhalb von 15 Minuten einsatzbereit.
US-Präsident Bush prüft, ob Tausende von Reservisten und Nationalgardisten zum aktiven Dienst aufgeboten werden sollen. Dies wurde 1991 während des Golfkrieges zum letzten Mal gemacht.
Pakistan bittet um Bedenkzeit
Am Donnerstag nannte Aussenminister Colin Powell den mutmasslichen Terroristen Osama bin Laden als Hauptverdächtigen. Nach Informationen aus hohen US-Regierungskreisen sollen aber mehr als eine Tätergruppe beteiligt gewesen sein. Bei einem Mediengespräch in Washington hiess es, die Regierung wolle Bin Laden nicht voreilig zum Hauptverdächtigen machen.
Bin Laden soll sich in Afghanistan versteckt halten. Die USA haben in diesem Zusammenhang insbesondere das Nachbarland Pakistan um Hilfe bei möglichen amerikanischen Militäraktionen gebeten. Pakistan wurde aufgefordert, die Grenzen nach Afghanistan zu schliessen und die finanzielle Unterstützung für Terrorgruppen einzustellen.
Wie aus ranghohen Regierungskreisen verlautete, baten die USA Islamabad darüber hinaus um Erlaubnis, pakistanisches Gebiet im Fall einer Militär-Operation überfliegen zu dürfen.
Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf hat Washington die vollständige Unterstützung seines Landes bei der Fahndung nach den Tätern zugesichert. Bei der Entscheidung über die Unterstützung eines möglichen Vergeltungsschlags hat Pakistan die USA um Bedenkzeit gebeten.
Weltweit haben – zusätzlich zu den Nato-Staaten – weitere Länder US-Präsident Bush Hilfe zugesagt.
Wegen eines befürchteten Vergeltungs-Schlages haben Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen, Diplomaten und Journalisten Afghanistan bis auf wenige Ausnahmen bereits verlassen.
Hinweise auf weitere Anschläge?
An den Attentaten waren nach Informationen aus Justizkreisen offenbar mehrere terroristische Zellen beteiligt, die Verbindungen zu arabischen Ländern wie Saudi-Arabien und Ägypten unterhalten haben sollen. Verschiedene Schätzungen gehen von rund 50 involvierten Terroristen aus.
Ein zentrales Element bei den Ermittlungen sind die Flugzeug-Entführer: Darunter müssen mehrere erfahrene Piloten von Passagier-Maschinen gewesen sein.
Die New Yorker Polizei hat am Donnerstagabend auf dem Kennedy-Flughafen eine Maschine gestürmt, drei Leute festgenommen und damit möglicherweise einen neuen Anschlag vereitelt. «Wir untersuchen, ob dies ein anderer Entführungsversuch war», sagte ein Beamter dem Nachrichtensender CNN.
Insgesamt wurden nach Medienberichten an den drei New Yorker Flughäfen zehn Personen festgenommen, darunter einer, der einen gefälschten Pilotenausweis hatte, und vier, die bereits am Dienstag am Flughafen gesehen worden waren. Nach Informationen des Sender ABC hatten einige der Festgenommenen Messer dabei.
Festnahmen gab es auch im Ausland, darunter in London, Portugal und Hamburg. Bereits zuvor hatten die Ermittlungen ergeben, dass drei der Flugzeug-Entführer zeitweilig in Hamburg gelebt hatten, sie stammten gemäss Medienberichten aus arabischen Ländern.
Besonders nach der Festnahme auf einem New Yorker Flughafen ist Angst aufgekommen, dass der ersten Terrorwelle weitere folgen könnten. Die Alarmbereitschaft ist wieder erhöht, die drei New Yorker Flughäfen wieder geschlossen worden. Über New York und Washington patrouillieren weiterhin Kampfflugzeuge.
Aus Regierungskreisen verlautete, es bestehe die Befürchtung, dass Terroristen nun, da die Sicherheits-Vorkehrungen auf den Flughäfen verstärkt worden seien, auf andere Art zuschlagen könnten.
Suche nach Überlebenden mit wenig Hoffnung
Die ganze Nacht über suchten Helfer in den Trümmern des zerstörten World Trade Centers in New York sowie im Verteidigungsministerium in Washington nach Opfern der verheerenden Anschläge. In New York wurden bis Freitagmorgen 160 Tote geborgen.
Schwere Gewitter zwangen die Rettungsmannschaften am frühen Freitagmorgen, zum ersten Mal seit dem Einsturz der beiden Türme des World Trade Centers vor drei Tagen ihre Arbeit vorübergehend einzustellen.
Mehr als 4’500 Menschen werden gemäss vorläufigen offiziellen Listen noch vermisst. Auch mehr als 50 Stunden nach den Anschlägen gab es immer noch Hoffnungen, nachdem am Donnerstagabend einige Menschen lebend aus dem Trümmerhaufen des WTC geborgen werden konnten.
Die Bergungs- und Rettungsarbeiten sind allerdings schwierig, da weiterhin Gebäudeteile einzustürzen drohen. Präsident Bush will am Freitag nach New York reisen und sich selbst ein Bild von den Zerstörungen durch die Terroranschläge machen.
In den Trümmern des Pentagons werden noch 190 Menschen gesucht, darunter auch die 64 Passagiere und Besatzungs-Mitglieder der dort zum Absturz gebrachten Passagiermaschine.
Weltweite Trauer
US-Präsident George W. rief den Freitag zum «nationalen Tag des Gebetes und der Erinnerung» aus. Er warnte zudem seine Mitbürger vor Übergriffen auf arabische Bürger und Moslems.
Auch die EU erklärte den Freitag zum «Tag der Trauer». Die Schweiz und Liechtenstein werden sich ebenfalls mit Gedenkminuten beteiligen.
40 Milliarden für Nothilfe und gegen Terrorismus
Die politischen Führer von Demokraten und Republikanern im US- Kongress verständigten sich auf eine Katastrophenhilfe über 40 Mrd. Dollar (über 60 Mrd. Franken). Das Geld geht an die Opfer und Hinterbliebenen der Terroranschläge; sie sollen die Kosten der Bundesregierung und der einzelnen US-Staaten decken, die durch die Bergungs- und Aufräumarbeiten sowie den Wiederaufbau entstehen. Auch die Verbesserung der Sicherheits- und Verkehrssysteme soll damit finanziert werden.
Die Summe kann ausserdem darauf verwendet werden, den nationalen und internationalen Terrorismus zu bekämpfen und die Sicherheit in den USA zu erhöhen, wie es in einer Erklärung heisst.
swissinfo und Agenturen
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