Triumphzug für Simon Ammann
Nach der Rückkehr des Doppel-Olympiasiegers in die Schweiz bejubelten Tausende den neuen Star.
Sonntag, eine halbe Stunde vor Mittag. In der Abflughalle des Terminals A im Flughafen Kloten herrscht Ausnahmezustand. Mehr als 2000 Personen warten auf «Simi». Die Check-in-Schalter sind geschlossen, eilige Fluggäste werden anderswo abgefertigt.
Von trüben Mienen wie an jenem Herbsttag, als die Swissair-Flotte am Boden blieb, keine Spur. Dichtgedrängt wartet die Menge mit erwartungsfrohen Gesichtern auf den Überflieger der Nation, der die Schweiz im Alleinflug in die Top Ten des Medaillenspiegels katapultierte.
Das halbe Toggenburg, die Heimat Ammanns, scheint nach Kloten gekommen zu sein. Ein Sonderzug steht im Flughafen-Bahnhof bereit, um den noch nicht 21 Jahre alten Star heim zu holen.
Jubel brandet auf, als Ammann erscheint. Zweitausend Augenpaare richten sich auf den Helden aus Unterwasser. Ammann geniesst den Augenblick, startet die Welle. Dann sucht er nach bekannten Gesichtern, findet sie, winkt Freunden zu.
Treichler Klänge
Unter den durchdringenden, rhythmischen Klängen der Treichler besteigt Ammann das Podium, das eigens für ihn aufgebaut worden war. Angesichts des Menschen- und Fahnenmeers zu seinen Füssen steht er fast wortlos da — der junge Mann, der die Amerikaner in der Letterman-Show mit seiner natürlichen Art verzückte.
«Absolut genial», sei dieser Empfang, bringt er über die Lippen. Er habe gewusst, dass etwas organisiert sei, aber gerade so…
Autogrammjagd
Den Bronzemedaillengewinnern Sonja Nef und Gregor Stähli, die im selben Flugzeug mit den Skispringern aus Los Angeles nach Kloten geflogen waren, blieb neben «Swiss Harry Potter» in der karierten Hose nur eine Statistenrolle.
Mädchen im Teenager-Alter schwenkten Simi-Plakate und zogen enttäuscht ab, weil sie kein Autogramm ergattern konnten. Zustände wie bei den Backstreet-Boys; Erfolg macht eben sexy. Wie es denn nun mit seiner Freundin stehe, bohrten Reporter, doch Ammann rückte damit nicht heraus.
Später nahmen die stämmigen Treichler den Bauernsohn in ihre Mitte und eskortierten ihn zum Sonderzug. Ihre Glocken hallten durchs Flughafen-Gebäude. Touristen warfen fragende Blicke auf die merkwürdige Prozession.
Winkende Menschen überall
Als der «Simi-Express» sich den Weg bahnte, standen die Menschen an den Geleisen und winken «ihrem» Olympiasieger zu. In Nesslau, der Endstation für den Sonderzug, bahnte sich Ammann mühsam den Weg zum Bus, der ihn nach Unterwasser brachte. Der schmächtige Wirtschafts-Gymnasiast wurde von der begeisterten Menge beinahe erdrückt.
In seinem Heimatort Unterwasser, wo sich das Tal verengt und die Felswände schroff in die Höhe ragen, setzte Ammann seinen Triumphzug in einem Vierspänner fort. Immer wieder hallten «Simi-Simi»-Rufe über den Dorfplatz.
Gleich nach den beiden Siegesflügen hatten sich übrigens einheimische Holzarbeiter unverzüglich an die Arbeit gemacht und eine prächtige überlebensgrosse Holzskulptur des Skispringers als neue Zierde für Unterwasser erstellt: Bereits letzte Woche flog Simon Ammann in Holz auf dem Dorfplatz über die olympischen Ringe.
Auf Schwingers Schultern
Die Obertoggenburger Schwingerkönige Nöldi Forrer und Jörg Abderhalden packten den 50 Kilogramm leichten Skispringer auf ihre Schultern und trugen ihn in die Tennishalle, wo zweitausend Fans auf Bänken standen und ihren Mitbürger feierten.
Ein langer Abend wartete auf Ammann: Reden von Politikern und Sportfunktionären anhören, aber auch den für ihn komponierten «Simi-Blues», und seine Goldflüge auf Grossleinwand Revue passieren lassen. Selbst die Siegerehrung von Salt Lake City (samt Nationalhymne und Schweizer Flagge) wurden nochmals durchgespielt.
Jetlag – und bald schon wieder weiter
Der junge Mann nahms gelassen. Er thronte auf einem goldenen Stuhl, die Medaillen umgehängt. Mit der Zeit machte sich doch die Müdigkeit bemerkbar. Simi freute sich auf die ersten ruhigen Minuten nach all dem Rummel.
Und trotz der Freude über seine Popularität bekannte der Toggenburger, der Schweizer Olympiageschichte schrieb: «Das Schönste an meiner Rückkehr ist, dass ich in zwei Tagen wieder zu den nächsten Wettkämpfe in Finnland fliegen darf.»
swissinfo und Simon Hehli, Unterwasser (Si)
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