Der Umgang mit dem Internet will gelernt sein

Keystone

Datenschutz soll Schulfach werden, fordert der oberste Datenschützer. Eine bessere Medienkompetenz der Schüler sei dringend nötig, sagt auch Roland Näf, Lehrer und Co-Präsident der Vereinigung gegen mediale Gewalt. Der Schule fehle allerdings die Zeit.

Dieser Inhalt wurde am 02. Juli 2009 - 11:29 publiziert

Der Boom von sozialen Netzwerken wie Facebook macht dem Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür Sorgen. Viele Jugendliche seien sich der Risiken im Umgang mit dem Internet zu wenig bewusst. Deshalb verlangt er, dass Datenschutz zum Schulfach wird.

Selbstverständlich müsse an den Schulen der Umgang mit den neuen Medien gelernt werden, sagt Roland Näf im Interview mit swissinfo. Näf ist Schulleiter in Muri bei Bern und Co-Präsident der im Frühling 2009 gegründeten Vereinigung gegen mediale Gewalt.

swissinfo.ch: Soll Datenschutz Pflichtstoff im Unterricht werden?

Roland Näf: Selbstverständlich, die neuen Medien dominieren den Alltag der Jugendlichen. Der Datenschutz ist aber nur ein Problem. Deshalb würde ich nicht von einem Fach "Datenschutz" sprechen, sondern von Medienkompetenz grundsätzlich. Dazu gehört auch die unerträgliche Gewalt am Bildschirm, die mangelnde Kritikfähigkeit der Jugendlichen, wenn sie sich Internetangebote anschauen, oder auch Pornografie, oft verbunden mit Gewalt.

swissinfo.ch: Schiebt die Gesellschaft einmal mehr die Verantwortung an die Schulen ab?

R.N.: Es ist eine Tatsache, dass die Schule alle gesellschaftlichen Fehlentwicklungen ausbadet und auch hier eine besondere Funktion übernimmt.

Ich beobachte, dass Eltern überfordert sind. Die Gesellschaft allgemein ist überfordert, auch die Schule: Wir haben schlicht und einfach zu wenig Ressourcen. Wir machen Aids-Aufklärung, Sexual-Aufkärung, wir kümmern uns um die Ernährung, machen Drogen- und Gewaltprävention - und jetzt käme noch der Datenschutz dazu.

Die Überforderung gilt auch für die Lehrpersonen. Es gibt nur wenige, die kompetent damit umgehen.

swissinfo.ch: Sie unterrichten Jugendliche in Informatik. Wie handhaben Sie dieses Thema?

R.N.: Nehmen wir ein konkretes Beispiel zum Datenschutz: Hier müssen meine Schüler im Facebook beurteilen, was sie gut finden, wie sie sich selber darstellen möchten und was sie peinlich finden.

Bei einer anderen Aufgabe sollen sie überlegen, in welchen Situationen sie nicht fotografiert werden möchten und welche für sie in Ordnung sind.

swissinfo.ch: Sind sich die Schüler der Risiken und Gefahren beim Umgang mit diesen Kommunikations-Plattformen bewusst?

R.N.: Viel zu wenig. Natürlich gibt es immer wieder Eltern, die sensibel sind und mit ihren Kindern darüber sprechen.

Aber der grösste Teil der Schülerinnen und Schüler hat überhaupt keine Ahnung. Ich stelle immer wieder fest, dass ehemalige Schülerinnen von mir sich im Facebook locker im Bikini darstellen. Das ist schlicht und einfach unverantwortlich.

swissinfo.ch: Sind Computer und Internet im heutigen Schulalltag zu einem selbstverständlichen Werkzeug geworden?

R.N.: Das Internet wird zunehmend zu einem ganz normalen Medium, ein selbstverständliches Medium wie der Bleistift. Nur, dass der Umgang damit wesentlich komplizierter ist als mit dem Bleistift – und gefährlicher.

Gerade deshalb braucht es eben auch mehr Kompetenzen im Umgang damit. Aber uns sind klare Grenzen gesetzt: Uns fehlen Zeit und Ressourcen. Zudem verbringen die Schülerinnen und Schüler viel mehr Zeit vor dem Bildschirm zu Hause als in der Schulstube.

swissinfo.ch: Welche Risiken sehen Sie hauptsächlich für die Jugendlichen?

R.N.: Da ist einmal der Datenschutz. Ein Jugendlicher kann sich die Zukunft verbauen, wenn er entsprechende Angebote von sich ins Internet stellt und dann erstaunt ist, wenn er keine Lehrstelle findet.

Ein zweites Risiko ist die Gewaltverherrlichung. Da stellen wir eine Verrohung fest, Gewalt wird zunehmend als normal angesehen.

Ein weiteres Problem ist der Zugang zu einer normalen Sexualität. Wenn ein Jugendlicher, ein Kind, gewisse Angebote im Internet regelmässig betrachtet, wird ein normaler Zugang zur Sexualität sehr erschwert.

swissinfo.ch: Wo liegt die Verantwortung der Eltern?

R.N.: Wir können die Eltern ganz sicher nicht aus der Verantwortung entlassen. Sie tragen die Hauptverantwortung. Weil aber ein grosser Teil von ihnen überfordert ist, können wir nicht einfach sagen, wir machen nichts mehr. Die Eltern brauchen sehr viel Unterstützung.

Ein Teil der Eltern ist sehr gut zugänglich und engagiert. Bei ihnen stellen wir auch weniger Probleme in Bezug auf den Medienkonsum der Kinder fest.

Auf der anderen Seite haben wir viele Eltern, bei denen beide Teile arbeiten oder sich nicht für das Problem interessieren. Da besteht viel Handlungsbedarf. Man muss den Eltern klarmachen, dass eine Playstation oder ein Fernsehgerät nicht ins Kinderzimmer gehört.

swissinfo.ch: Wie steht es mit den Anbietern? Wie werden die angemessen in die Pflicht genommen?

R.N.: Das ist für mich das Hauptproblem. Es ist unerträglich, dass wir in dieser Gesellschaft zunehmend teure Prävention machen, so und so viele Stunden einsetzen, um unsere Kinder und Jugendlichen vor den Folgen zu bewahren, und auf der anderen Seite den Anbietern nicht die geringsten Grenzen setzen.

Es braucht ein Umdenken. Wir dürfen Gewaltverherrlichung, Gewalt vermischt mit Sexualität und einen mangelnden Persönlichkeitsschutz in Angeboten wie Facebook nicht akzeptieren.

Gaby Ochsenbein, swissinfo.ch

Empfehlungen des eidg. Datenschutzbeauftragten

Vorsicht bei Veröffentlichung von Personendaten und anderen persönlichen Informationen in einem sozialen Netzwerk.

Pseudonyme benutzen.

Vor der Veröffentlichung überlegen, ob man in einem Bewerbungs¬Gespräch mit den entsprechenden Daten konfrontiert werden möchte - und zwar auch noch in 10 Jahren.

Respektierung der Privatsphäre Dritter: Keine Veröffentlichung von Personendaten, keine Beschriftung von Fotos mit deren Namen.

Informierung über Anbieter des Portals und wie die Privatsphäre der Nutzer gewährleistet wird.

Wahl von Datenschutz konformen Optionen beim Profil eigener Einstellungen.

Eigene Informationen und Fotos nur für einen beschränkten Personenkreis freigeben. Keine heiklen Inhalte ins Internet stellen.

Benutzung verschiedener Logins und Passwörter für verschiedene Dienste.

Internetaktivitäten der Kinder im Auge behalten.

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Roland Näf

Geboren 1957 in Bern.

Er ist Lehrer für die Sekundarstufe II (7. -9. Klasse) und Co-Leiter an der Schule Seidenberg in Muri bei Bern, wo er Deutsch unterrichtet und für das Fach Informatik zuständig ist.

Näf ist Vizepräsident der Sozialdemokratischen Partei des Kantons Bern.

Er ist Initiator und Co-Präsident der Vereinigung gegen mediale Gewalt, die Ende April 2009 gegründet wurde.

Näf engagiert sich seit Längerem für einen besseren Jugendschutz vor exzessiver Gewalt in Computerspielen.

Näf ist Vater von zwei Kindern im Jugendalter.

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