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Armee um keinen Preis: Wie Dienstverweigerung in der Schweiz salonfähig wurde

Uniform des Zivildiensts
Im Jahr 2025 entschieden sich 7211 Personen für den Zivildienst. Keystone / Christian Beutler

Bei der eidgenössischen Volksabstimmung vom 14. Juni geht es um den Zugang zum Zivildienst. Früher landeten viele junge Männer im Gefängnis, wenn sie sich aus religiösen oder moralischen Gründen dem Militärdienst widersetzten.

Lange Zeit galt es als Desertieren, wenn man sich dem Militärdienst entzog, und es wurde hart bestraft. Nach dem Zweiten Weltkrieg milderte das Militärgesetz jedoch die Strafen für Dienstverweigerer, wobei Gefängnisstrafen beibehalten wurden.

So wurde der Theologiestudent Pierre Farron 1974 als Dienstverweigerer für vier Monate hinter Schloss und Riegel gesperrt.

Das Westschweizer Fernsehen RTS hat ihn 52 Jahre später aufgespürt. Farron erinnert sich an die intensiven Befragungen und an seine Beklemmung zum Zeitpunkt der Inhaftierung.

Der TV-Bericht von RTS (Franz.):

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«Bevor ich ins Gefängnis ging, hatte ich Bilder vor Augen, die denen entsprechen, die man in manchen Fernsehserien sieht, wo man sich den Gefangenen als einen dicken, wilden Grobian vorstellt. Dann geht man hinein und stellt fest, dass es ganz normale Menschen sind, Menschen, die man auch im Bistro an der Ecke treffen könnte», erzählt er.

Eine nicht einfache Wahl

Für Farron war der Entscheid für die Verweigerung nicht einfach, «zumal ich diesen Entscheid gegenüber Leuten rechtfertigen musste, die sehr unbequem waren».

Er musste sich seiner Überzeugungen sicher sein. Farron erinnert sich auch daran, dass er sich viel Zeit genommen hat, um einen gut strukturierten Brief zu verfassen.

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Die Länge der Haftstrafe war unterschiedlich: «Wenn man als jemand mit Gewissensgründen anerkannt wurde, konnte man bis zu sechs Monate Haft im Strafvollzug bekommen. Wenn man aber nicht als solcher anerkannt wurde, konnte es bis zu neun, zwölf oder mehr Monaten dauern.»

Er erinnert sich auch an seine Tage im Arrest, die Hälfte hinter Gittern und die andere Hälfte bei gemeinnütziger Arbeit. «Es lief sehr gut, ich arbeitete im Garten des Spitals, also mit den Gärtnern. Ich musste Rasen mähen und hatte jede Woche einen Kilometer Trottoir zu fegen.»

Sehen Sie hier eine Sendung von «Temps Présent» mit Pierre Farron aus dem Jahr 1974 über die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen (Franz.):

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Während Farrons Entscheid in seinem familiären Umfeld gut anufgenommen wurde, stiess er ausserhalb nicht immer auf Wohlwollen. Beinahe wäre er sogar nicht zum Pastor geweiht worden, weil die Kirche damals im Kanton Waadt Teil des Staats war.

Und in zwei Stellengesprächen wurde er gefragt, wie er sich vorstellen könne, in einer Kirche zu arbeiten, die Teil des Staats ist, wenn er sich nicht an das Gesetz halte. «Ich habe die Ordinationsprüfung gerade noch bestanden», sagt er.

Lange Jahre des Kampfs vor dem Ja des Stimmvolks

Damals wurde die Idee des Zivildiensts von den Verweigerern mit Nachdruck gefordert, aber es dauerte lange, bis sie von der Öffentlichkeit akzeptiert wurde.

Der Zivildienst wurde zweimal in Volksabstimmungen abgelehnt, 1977 und 1984. Erst 1991 entkriminalisierte die Bevölkerung die Dienstverweigerung aus Gewissensgründen.

Und 1992 wurde die Schaffung eines Zivildiensts an der Urne angenommen, was erst 1996 in die Tat umgesetzt wurde. Diese Grundsätze sind seitdem im Gesetz und in der Verfassung verankert.

Der Aufruf von Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz für den Zivildienst im Jahr 1992 (Franz.):

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Konkret wurde damals der Grundsatz der Wehrpflicht beibehalten. Doch das Gesetz sieht einen zivilen Ersatzdienst für Wehrpflichtige vor, die glaubhaft darlegen, dass sie den Militärdienst nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können.

Seit diesen Abstimmungen hat der Zivildienst immer mehr junge Menschen angezogen, und noch mehr seit der Abschaffung der Gewissensprüfung im Jahr 2009.

Diese wurde durch den «Tatbeweis» ersetzt, der Kriegsdienstverweigerer dazu verpflichtet, einen zivilen Ersatzdienst zu leisten, der eineinhalb Mal so lange dauert wie der Militärdienst.

Heute steigt die Zahl der Personen, die den Zivildienst durchlaufen, weiter an, mit einem Rekord von 7211 Zulassungen im Jahr 2025.

Diese Entwicklung beunruhigt das Parlament und den Bundesrat, die nun das Gesetz ändern möchten, um die Zugangsbedingungen zu verschärfen und damit die Armee zu stärken.

Die Linke hat jedoch das Referendum gegen diese Vorlage eingereicht. Die Bevölkerung wird deshalb am 14. Juni an der Urne darüber entscheiden.

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Übertragung aus dem Französischen mithilfe von KI/raf

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