Trainsurfing: eine Mutprobe für den Kick und die Klicks
Innert kurzer Zeit sterben drei Jugendliche in der Schweiz, weil sie auf Züge klettern – für den Kick und die Klicks.
Was ist passiert? In Beinwil am See ist ein 18-Jähriger tödlich verunglückt. Laut Informationen der Polizei ist er zusammen mit einem anderen Jugendlichen auf einen Zug geklettert. Dort hat er einen tödlichen Stromschlag erlitten und ist vom Zug gestürzt. Erst im Januar sind bei ähnlichen Vorfällen ein 14-Jähriger und ein 17-Jähriger ums Leben gekommen.
Was ist Trainsurfen? Beim Trainsurfen (auch bekannt als «Zugsurfen» oder «S-Bahn-Surfen») klettern meistens junge Männer illegal auf Züge, U-Bahnen oder Trams. Während der Fahrt halten sie sich zum Beispiel zwischen den Waggons oder auf dem Dach auf. Häufig filmen sie sich dabei – und riskieren ihr Leben: Regelmässig kommen Trainsurfer zu Tode, weil sie vom Zug stürzen oder einen Stromschlag erleiden.
Woher kommt der Trend? Trainsurfen ist im deutschsprachigen Raum seit den Neunzigerjahren bekannt, schon 1988 berichtetExterner Link der «Spiegel» von einem «neuen Hobby leichtsinniger Halbwüchsiger». Eine AnalyseExterner Link von Gerichtsdokumenten zeigt, dass es allein in Berlin zwischen 1989 und 1995 41 Unfälle von Trainsurfern gegeben hat. Aber das Phänomen dürfte noch deutlich älter sein: Laut dem «Guardian» haben Zeitungen in New York schon vor über hundert Jahren von verunglückten U-Bahn-Surfern berichtetExterner Link. Nicht immer ging es dabei um Adrenalin oder Aufmerksamkeit: In manchen Fällen sahen sich Personen zum Trainsurfen gezwungen, weil sie sich kein Ticket leisten konnten.
Wieso riskieren die Trainsurfer ihr Leben? Den jungen Menschen gehe es primär um Anerkennung und Bestätigung, sagt Lulzana Musliu von der Kinder- und Jugendstiftung Pro Juventute. «Die Jugendlichen befinden sich in einer Entwicklungsphase: Ihre Fähigkeit, Gefahren abzuwägen, ist noch nicht ausgereift. Deshalb kommt es bei solchen Mutproben oft auch zu sehr gefährlichen Situationen.» Gerade junge Männer wollten sich beweisen und Eindruck machen, sagt sie. Mutproben seien zwar Teil der Identitätsfindung – aber gerade bei solch gefährlichen Inhalten brauche es Präventionsarbeit.
Was sagen die Trainsurfer selbst? Im Netz haben mehrere verunfallte Trainsurfer Interviews gegeben. Zum Beispiel Bruno aus Deutschland, der eindringlich vor dem Trend warntExterner Link: «Macht das nicht, das kann euer Leben richtig verkacken.» Bruno ist als Teenager beim Trainsurfen zwischen zwei Waggons gefallen und schwer verletzt worden. Heute sitzt er im Rollstuhl und leidet unter Folgeschäden.
Welche Rolle spielen die Sozialen Medien? Auf die Jugendlichen wirkten die Sozialen Medien wie ein Verstärker, sagt Musliu. Im Vergleich zu früher würden nicht nur Freunde zusehen, sondern potenziell die ganze Welt. Über die Likes und Views werde das Bedürfnis nach Anerkennung angefacht. Deshalb fordert Musliu, dass nicht nur die Eltern und Schulen in die Verantwortung genommen werden, sondern auch die Betreiber der Social-Media-Plattformen: «Die Aufmerksamkeit für gefährliche Inhalte wie Trainsurfing muss über die Algorithmen begrenzt werden.»
Was können Eltern tun? Musliu rät, mit den Jugendlichen im Gespräch zu bleiben über die Inhalte in den Sozialen Medien. Statt die Nutzung einzuschränken oder zu verbieten, sei es ratsam, Interesse zu zeigen, damit man auch auf gefährliche Trends wie Trainsurfing eingehen könne. Zudem könne es helfen, wenn die Jugendlichen auf anderem Weg Anerkennung erfahren. Dadurch würden solche Mutproben an Anziehungskraft verlieren.
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