Trotz schwarzem Gürtel: «In Japan bin ich ein Anfänger»
Mit über 60 Jahren zog es den Aargauer Bruno Humbel nach Japan. Dort fand er nicht nur eine neue Heimat, sondern auch die ultimative Gelassenheit.
Latein und Englisch wurden Bruno Humbel im Gymnasium verwehrt. Er sei zu dumm für Sprachen, hiess es. Heute spricht er sieben Sprachen, auch Japanisch.
Bruno Humbels Weg begann in bescheidenen Verhältnissen. Er wuchs zusammen mit einem jüngeren Bruder in Wettingen im Kanton Aargau bei seiner alleinerziehenden Mutter auf.
Der Vater starb an Krebs, als Humbel fünfeinhalb Jahre alt war. Das Geld war knapp, doch seine Neugier war grenzenlos. Als Kind experimentierte er mit Chemikalien, baute Messinstrumente und setzte dabei sogar einmal den Küchentisch in Brand.
Neugier kennt keine Grenzen
Als Bruno Humbel von seinem Biologielehrer erfuhr, dass man mit speziellen Instrumenten ins Innere von Zellen sehen kann, war es um ihn geschehen.
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«Unsichtbares sichtbar machen», das hat Humbel fasziniert. Deshalb setzte der studierte Biochemiker seinen Fokus rasch auf Elektronenmikroskopie und machte sie zu seinem Spezialgebiet.
«Die Elektronenmikroskopie hat mir eine neue Welt eröffnet.» Er forschte in der Schweiz, Deutschland, Holland und Japan.
Ein Neuanfang am anderen Ende der Welt
2017 erhielt Bruno Humbel die Gelegenheit, sich am renommierten Okinawa Institute of Science and Technology in Japan vorzustellen. Aus einem Besuch wurde ein Neuanfang in seiner heutigen Heimat.
Hier lebt Bruno Humbel heute:
Okinawa ist Japans südlichste Präfektur und umfasst rund 160 Inseln, die sich über mehr als 1000 Kilometer erstrecken. Etwa 50 davon sind bewohnt.
Auf der japanischen Insel leitete er bis zu seiner Pensionierung die Mikroskopie-Abteilung und forschte mit seinem Team unter anderem an ungewöhnlichen, korkenzieherförmigen Wasserbakterien, die schwere Krankheiten auslösen können.
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Gleichzeitig fand der heute 69-Jährige in Okinawa etwas, das über die Wissenschaft hinausging: eine Kultur, die ihn fasziniert. Sowohl in Bezug auf die Menschen, als auch auf die Kampfkunst, die Bruno Humbel bereits seit 30 Jahren praktiziert.
Wenig gestresste Menschen
In Europa seien die Menschen gestresst und es falle ihm auf, dass «alle mit einer sauren Miene herumlaufen». In Okinawa seien sie aufgestellt, locker und angenehm. Darum ziehe es ihn vorläufig nicht zurück in die Schweiz.
Seit vergangenem Jahr habe er eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Okinawa. «Jetzt muss ich nicht mehr zurück, wenn ich nicht will», sagt Humbel.
Neben den Menschen fasziniert Bruno Humbel in Japan auch der Kampfsport, den er selber seit Jahrzehnten intensiv betreibt. Aikido, Schwertkampf und Karate.
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Wer jedoch glaubt, der Schweizer sei ein unbesiegbarer Actionheld, irrt. Humbel gibt sich äusserst bescheiden. Auf die Frage, ob er im Ernstfall jeden «platt machen» könne, winkt er lachend ab.
«In der Schweiz hat man immer das Gefühl, wer den schwarzen Gürtel hat, ist ein Meister. Aber in Japan bin ich ein Anfänger.»
Lernen bis zum letzten Atemzug
Der Kampfsport sei eine Lebensschule, die niemals endet. Man könne bis zum letzten Atemzug Neues lernen. Diese Philosophie halte ihn aktiv und habe ihn über die Jahrzehnte hinweg zu einem ruhigeren, ausgeglicheneren und friedlicheren Menschen gemacht, sagt der 69-Jährige.
Sein Karatelehrer pflegte stets zu sagen, Karate sei nicht zum Kämpfen da, sondern für die eigene Gesundheit und Beweglichkeit.
So scheinen sich Wissenschaft und Kampfkunst gegenseitig zu ergänzen: Beide verlangen Disziplin, Präzision und lebenslanges Lernen.
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