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Der junge Jurassier, der in China zum millionenschweren Unternehmer wurde

Lucas Rondez vor der Skyline von Hangzhou
«Ich glaube nicht, dass ich Unternehmer geworden wäre, wenn ich nicht die Stadt Hangzhou als Ausgangspunkt gewählt hätte», sagt Lucas Rondez. SWI swissinfo.ch

Um seine Berufung zu verwirklichen, verliess Lucas Rondez nach der Lehre die Schweiz und zog nach China, wo er als Unternehmer grössere Chancen erkannte. Die Pandemie machte ihn zum Medizinalunternehmer. Hier verrät er das Geheimnis seines Erfolgs.

Für Lucas Rondez, Jahrgang 1983, heute erfolgreicher Unternehmer in China und den USA, hat alles damit begonnen, dass er in seinem Heimatdorf Bassecourt im Kanton Jura ein Abfahrtsrennen auf Rollschuhen organisiert hat.

Er war 14 oder 15 Jahre alt, suchte Sponsoren, holte Bewilligungen ein, um die Strasse zu sperren, und lud Teilnehmende aus der ganzen Welt ein. Die Übung war ein Erfolg und gewissermassen seine erste Erfahrung im Unternehmertum. «Ich liebte es. Es ging wirklich darum, etwas von Grund auf zu schaffen und sofort das Ergebnis zu sehen.»

Die Erfahrung weckte in ihm den Wunsch, seinen Horizont zu erweitern. Die jurassische Landschaft ist jedoch nicht gerade Manhattan, und seine Familie war nicht für Abenteuerlust bekannt. «Mein Vater ist nie geflogen, er hat Angst davor, deshalb sind wir nie viel gereist. Für mich war alles eine grosse Unbekannte.»

Unsere Serie porträtiert Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland Unternehmen gründen und aufbauen. Anhand ihrer persönlichen Werdegänge zeigen wir, warum sie ihre Projekte jenseits der Landesgrenzen realisieren, welche Rahmenbedingungen sie dort vorfinden und welche Herausforderungen und Chancen sich daraus ergeben.

Anhand ihrer Lebenswege zeigt diese Serie zudem, wie die Fünfte Schweiz zur wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Ausstrahlung der Schweiz beiträgt.

Der erste Schritt hinaus war für Rondez die Lehre bei einer Bank. Es war eine Welt, die er nicht kannte. Als er als Teenager seine Mutter fragte, was eine Bank eigentlich mache, antwortete sie ihm, das sei ähnlich wie die Arbeit, die er für die Organisation des Rollschuhwettbewerbs geleistet hatte. Und so landete Rondez mit völlig falschen Erwartungen bei der UBS.

In seiner Ausbildung durfte er nach Kanada reisen, mit dem Ziel, Englisch zu lernen. Dort traf er Menschen aus allen Ecken der Welt, insbesondere aus Asien. «Für mich war das eine völlig neue Erfahrung, denn, seien wir ehrlich, im Jura hat man nicht gerade viele Asiatinnen und Asiaten getroffen.»

Das war in der Zeit der grossen Öffnung Chinas. Die Begegnung mit Menschen von dort gab ihm den Anstoss, entdecken zu wollen, was dieser Teil der Welt zu bieten hatte.

Auf seien Wunsch, nach China versetzt zu werden, erteilten ihm seine Vorgesetzten jedoch eine Absage. Er hatte schlicht nicht das passende Profil. Heute lässt sich ohne Zweifel sagen, dass sie sich geirrt haben. Und zwar gewaltig.

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Von Menschen lernen, nicht auf der Schulbank

2007 beschloss Rondez, sein Leben umzukrempeln. An einem Montag reichte er seine Kündigung bei der UBS ein. Am Freitag sass er im Flugzeug nach China.

Rondez sieht sich als Autodidakten: «Ich lerne nicht gerne auf Schulbänken, sondern von Begegnungen mit Menschen. Und ich gehe gerne auf Neues an verschiedenen Orten zu, um immer mehr Menschen zu treffen.» Für Rondez war es die natürlichste Entscheidung, ins Unbekannte aufzubrechen und auf der anderen Seite der Welt von vorne zu beginnen.

In Hangzhou, heute eine der fortschrittlichsten Städte der Welt, versuchte er, sich in der neuen Sprache zurechtzufinden. Dabei lernte er auch eine Person kennen, die bei einer lokalen Bank arbeitete. Dort wurde er schliesslich eingestellt.

Skyline von Hangzhou
Obwohl sie im Vergleich zu anderen chinesischen Städten weniger bekannt ist, gehört die Metropole Hangzhou mit rund 13 Millionen Einwohner:innen zu den Innovationszentren Chinas. Lucas Rondez

Nach wie vor aber lebte der Wunsch, das Unternehmertum zu wagen. «Aber um ein Unternehmen zu gründen, braucht man ein Projekt, Beziehungen, Ressourcen. Und damals hatte ich nichts davon. So sagte ich mir, ich könnte genauso gut das tun, was ich bereits konnte.»

Die Bank erwies sich als wertvolle Plattform, die es ihm ermöglichte, Kontakte in allen Bereichen zu knüpfen – auch mit Unternehmerinnen und Unternehmern. Es war seine Vorbereitung auf den grossen Sprung. Er wagte ihn 2015.

Vom Unternehmer zum «Meta-Unternehmer»

«Ein Problem ist für mich gleichbedeutend mit einer Chance. Es bringt Menschen wie mich, die gerne innovativ sind und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen, dazu, schnell zu reagieren und Lösungen zu finden», sagt Rondez.

Diese unternehmerische Philosophie ist die Grundlage, auf der er sein Unternehmertum aufgebaut hat. Sein erstes Projekt war eine App, die jenes Problem lösen sollte, das er am besten kannte: zu verstehen, wie man den Alltag in China als Ausländer bewältigt. Er nannte sie «Ni-hao» – auf Mandarin «Hallo» oder «Guten Tag», der einzige Ausdruck, den er bei seiner Ankunft kannte.

«China ist nicht kompliziert, im Gegenteil. Aber es wird kompliziert, wenn der Zugang zu Informationen fehlt», sagt Rondez. Mit der App traf er ins Schwarze. In kurzer Zeit verzeichnete sie über 100’000 Nutzende. «Das lenkte Aufmerksamkeit auf das, was ich tat, und vor allem darauf, wie ich es tat.»

Und so wurde Rondez gewissermassen ein «Meta-Unternehmer», der ausländischen Firmen half, die sich in China niederlassen wollten. «Ich wusste, dass es interessantere Menschen gab als mich, intelligentere als mich, mit noch ehrgeizigeren Projekten, denen aber der Beziehungsaspekt fehlte, die Kontakte, der Zugang zu Finanzierungen, die ich hingegen hatte.»

Die Pandemie, eine Wende in Richtung USA

Dann kam das Coronavirus und der vollständige Lockdown des Landes, was für seine Firma, den Unternehmens-Inkubator Ni-hub, einen abrupten Stillstand bedeutete. Aber was ist eine Pandemie, wenn nicht ein riesiges Problem? Und was ist ein riesiges Problem, wenn nicht eine grosse Chance?

Zusammen mit einem chinesischen Unternehmer, der aufgrund der Situation ebenfalls eine Phase des Stillstands erlebte, stieg er in die Produktion von Hygienemasken ein. Mit zwei Vorteilen gegenüber anderen: Vor Ort in China zu sein, wo alles hergestellt wurde, und über die richtigen Kenntnisse der ausländischen Märkte zu verfügen, aus denen eine starke Nachfrage kam.

«Wir begannen, Masken zu verkaufen, und das Geschäft explodierte. Wir haben tatsächlich innerhalb weniger Tage ein Millionengeschäft aufgebaut.»

Bei der Arbeit im Gesundheitsbereich erkannten die beiden Unternehmer, wie interessant der Sektor auf lange Sicht war und wie sehr die Pandemie das Paradigma der globalen Produktionskette verändern würde.

Sie beschlossen, einen weiteren, sehr dynamischen Markt zu erobern, nämlich jenen der USA, und vor Ort medizinische Kittel zu produzieren. Um das Hindernis der Arbeitskosten zu umgehen, investierten sie den gesamten Erlös aus dem Maskenverkauf in die Automatisierung.

Ihre Fabrik in Los Angeles produziert mit sehr wenig Personal diese unverzichtbaren medizinischen Produkte, und ihr Unternehmen Taromed gehört inzwischen zu den Marktführern.

«In der Schweiz wäre ich nie Unternehmer geworden»

Wenn man Rondez fragt, ob er den gleichen Erfolg gehabt hätte, wenn er in der Schweiz geblieben wäre, antwortet er mit einem kategorischen «Nein». Einerseits hätte seine Familie Druck auf ihn ausgeübt, die sichere Arbeit bei der Bank zu behalten. «Indem ich wegging, liess ich ihnen keine Wahl», sagt er. Andererseits sagte ihm das schweizerische Unternehmensökosystem nicht zu.

«Ich will nicht sagen, dass die Schweiz keine Möglichkeiten bietet, Unternehmer zu sein. Im Gegenteil. Es gibt viele ausgezeichnete Unternehmen. Aber ich persönlich wäre in der Schweiz nie Unternehmer geworden. Ich hätte weder die notwendigen Grundlagen gehabt, noch den Zugang zu den Ressourcen und Menschen, die mich zum Unternehmer gemacht haben.»

Seiner Meinung nach besteht der grösste Vorteil, im Ausland Unternehmer zu sein, darin, anders zu sein. Und aus diesem Anderssein entstehen die Lösungen. Als Schweizer in der Schweiz, sagt er, hätte er keine Chance gehabt gegenüber Menschen, die jahrelang studiert und einen Hochschulabschluss haben.

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Gastgeber/Gastgeberin Melanie Eichenberger

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Ein idealer Zeitpunkt für Unternehmertum

Anerkennung aus der Schweiz erfuhr Rondez, als er zwei Jahre lang Präsident von Swisscham war. Dem Netz schweizerischer Handelskammern war er vor sechs Jahren beigetreten, mit dem Ziel, der Institution neue Impulse zu geben.

«Als Schweizer Unternehmer in China hatte ich den Eindruck, dass mir Swisscham nichts gab. Deshalb sagte ich mir: Anstatt mich zu beklagen, engagiere ich mich lieber. Ich hätte nie gedacht, Präsident zu werden, wissend, dass im Vorstand Leute von Nestlé und Novartis sitzen; Menschen, die jahrelang studiert haben, hochrangige Führungskräfte. Aber die Tatsache, anders zu sein, hat meiner Meinung nach zu etwas Gutem geführt.»

Laut Lucas Rondez wird man als Unternehmer geboren, und Unternehmerinnen und Unternehmer erkennen sich untereinander. Es handelt sich um Menschen mit dem Drang, stets neue Herausforderungen zu suchen und ihren Beitrag, klein oder gross, in der Welt zu hinterlassen.

Was denkt er also über die Zeit, in der wir leben, mit den Sorgen, die sich aus den geopolitischen Spannungen und dem Aufkommen der künstlichen Intelligenz ergeben? «Alles wird sich ändern, zum Guten und zum Schlechten, und für das Unternehmertum ist das der ideale Moment», sagt Rondez. «Wir leben in einer hochspannenden Welt.»

Editiert von Daniele Mariani; Übertragung aus dem Italienischen mit der Hilfe von KI: Claire Micallef

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