Geschichte & Religion

Die Schweiz und der Kolonialismus

Dieser Inhalt wurde am 14. Juli 2020 - 14:00 publiziert
David Eugster (Text), Corinna Staffe (Illustration)

Die Schweiz hatte keine Kolonien – und doch operierten Schweizer wirtschaftlich im Einklang mit den Kolonialmächten und profitierten als wirtschaftliche Trittbrettfahrer von der militärischen Aneignung von Land und Ressourcen.

Um 1800 beschrieben europäische Naturforscher die Eidgenossen als «Halbwilde», die an Besuche "bei ungebildeten Völkgen an friedlichen Küsten" erinnerten. Das intellektuelle Europa sah in der Schweiz Menschen, die noch im Naturzustand lebten – ein Zerrbild, dass sich die Schweizer angeeignet haben: Keine Joghurtwerbung und kein Tourismuskonzept kommt ohne exotische Bilder von Schweizern als "edlen Wilden" aus. Dieses Selbstbild findet sich noch in der ab und an aufflammenden politischen Rhetorik, die Schweiz drohe eine Kolonie der EU zu werden.

Doch die Schweizer standen in ihrer modernen Geschichte selten auf der Seite der Kolonisierten, und öfter auf der Seite der Kolonisatoren. Es ist richtig, die Schweiz als Nationalstaat betrieb keinen Imperialismus, unterjochte keine Kolonien, auch Versuche grössere wirtschaftliche Organisationen wie die East India Company zu errichten, scheiterten.

Doch zum Kolonialismus gehört auch die Überzeugung davon, dass die Menschen in den kolonisierten Gebieten weissen Europäern unterlegen seien. Dieses Gedankengut war auch in der Schweiz des 19. Jahrhundert Teil des allgemeinen Weltverständnisses.

Generationen von Schweizern und Schweizerinnen sind mit Kindergeschichten über "dumme Negerlein", Reportagen über naive, kindliche Wilde und Werbebildern aufgewachsen, in denen die Kolonisierten bestenfalls als dekorative Statisten für Kolonialprodukte vorkamen. Dieses Erbe beschäftigt das Land bis heute.

Schweizer Soldaten in den Kolonien

Doch das Problem der historischen Verstrickung der Schweiz mit dem Kolonialismus geht über Benennungskämpfe und Bilderstürme hinaus: Am deutlichsten scheint dies dort, wo Schweizer als Soldaten in den Kolonien kämpften. 

Als sich um 1800 schwarze Sklaven auf der Insel Saint Domingue – im heutigen Haiti – gegen ihre Unterjochung durch französische Kolonialisten erhoben, liess Napoleon 600 Schweizer gegen sie kämpfen, die Frankreich von der helvetischen Regierung vertraglich für Sold zur Verfügunggestellt wurden. Doch dies war kein Einzelfall. Doch auch nach der Gründung  des Bundesstaatsgründung 1848 kämpften Schweizer für Kolonialmächte  - wenn auch illegal. Eine Motivation war das Söldnergehalt. Wenn sie nicht in den ersten Monaten an Tropenkrankheiten starben oder ihren Dienst frühzeitig abbrachen, winkten ihnen solide Renten.

Schweizer und der Sklavenhandel

Doch die grossen Gelder aus den Kolonien flossen jedoch nicht an Söldner, die oft aus mittellosen Familien kamen und im Dienst für Holland oder Frankreich das grosse Abenteuer sahen, sondern im Handel mit kolonialen Gütern – und im Handel von Menschen aus den Kolonien.

Eine der düstersten der Schweizer Verstrickungen mit dem globalen Kolonialismus ist diejenige mit dem Sklavenhandel:

Schweizer und Schweizer Firmen profitierten von der Sklaverei als Investoren und Händler,  die Sklavenexpeditionen veranlassten, Menschen kauften und verkauften und als Sklavenbesitzer, die in Kolonien Plantagen bewirtschafteten – die sie oft stolz «Kolonien» nannten.

Die Sklaverei-Liste

Die Organisation Cooperaxion hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schweizer Sklavenhändlern und -besitzer, aber auch solche, die sich gegen die Sklaverei engagierten aufzulisten.

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Sehen Sie hier den Beitrag von SRF TV zum gefallenen Schweizer Westernheld Johann August Sutter.

Das System der Sklaverei funktionierte im Atlantikraum bis ins 19. Jahrhundert als Dreieckshandel: Schiffe fuhren bepackt mit Tauschwaren zu Afrikas Küsten, wo sie ihre Fracht gegen Sklaven eintauschten. Diese Menschen wurden dann über den Ozean transportiert. Von dort fuhr man zurück nach Europa, beladen mit Produkten, die von Sklaven produziert wurden: Zucker, Kaffee und insbesondere Baumwolle.

Die Schweiz importierte laut Hans Fässlers, der der Geschichte der Beziehung der Schweiz und der Sklaverei seit Jahrzehnten nachgeht, im 18. Jahrhundert mehr Baumwolle als England. Er betont auch dass der Sklavenhandel eine Schlüsselindustrie war, die die Produktion vieler Waren überhaupt erst ermöglich hat. Zugespitzt: Ohne von Sklaven gepflückte Baumwolle wäre die Industrialisierung der Schweizer Textilproduktion unmöglich gewesen

Ein Zweig dieser Industrie profitierte nachweislich unmittelbar vom Sklavenhandel: Die Produzenten der so genannten Indiennes-Tücher. Diese wurden für den europäischen Markt, aber auch eigens als Tauschmittel für den Dreieckshandel produziert. Oft waren selbst die Muster auf den Geschmack der Menschenhändler ausgerichtet, die an den afrikanischen Küsten Menschen gegen Luxusgüter tauschte.

Eine Schweizer Familie, die solche Tücher produzierte, warb in einer Reklame von 1815: «Die Firma Favre, Petitpierre & Cie macht die Ausrüster von Sklaven- und Kolonialschiffen darauf aufmerksam, dass sie in ihren auf Hochtouren arbeitenden Werkstätten alle für den Tauschhandel mit Schwarzen benötigten Waren wie Indiennes und Taschentücher herstellt und liefert.»

Übergang in den Kolonialismus ohne Sklaverei

Nach dem Verbot des Sklavenhandels in den USA schlitterte die Textilbranche  weltweit in eine Rohstoffkrise: Die Baumwollmärkte in Indien wurden wieder attraktiver. Diese Lücke nutzte die Schweizer Firma Volkart, die seit 1851 von Indien aus tätig war, und spezialisierte sich auf den Handel mit Rohbaumwolle in Indien. Hier lenkten die Briten die Produktion: Man zwang indische Bauern Baumwolle zu produzieren statt Nahrungsmittel. Durch eine enge Kollaboration mit den Briten konnte Volkart bald einen Zehntel aller indischen Baumwollausfuhren in die Textilfabriken in ganz Europa übernehmen.

Ein anderes Unternehmen, dass die Krise, die durch das Ende der Sklaverei entstand, gut überstand, war die Basler Mission, die dortige evangelische Missionsgemeinschaft. Von den selben Basler Familien unterstützt, die zuvor in den Sklavenhandel investiert hatten, erschloss die Mission ein neues Geschäftsmodell: Sie konvertierte in Indien «Heiden» zum Christentum. Deswegen wurden sie von ihren Gemeinschaften verstossen, worauf die Basler Mission sie in ihren Webereien arbeiten liess. Ein Missionar pries das Modell um 1860 so an:

 «Wenn Leute von dem Heidenthume zu Christo sich bekehren wollen (…) verhelfen wir ihnen zu einem Obdach um Missionsgehöfte und zu einer Beschäftigung, womit sie sich ihr Brod verdienen können, sei es Landbau oder sonst ein Gewerbe. Das wird Colonisation genannt».

Zum Kolonialismus gehört auch das Ausnutzen asymmetrischer Machtverhältnisse zum wirtschaftlichen Nutzen der Kolonisten. Der Schweizer Staat überliess die Suche nach diesem Profit in den Kolonien jedoch gänzlich privater Initiative. Parlamentarische Vorstösse, die eine stärkere Förderung des «Auswanderungs- und Kolonialwesens» durch den Bundesstaat forderten, wurden zurückgewiesen. Der Bundesrat meinte: Erstens könne ein Land ohne Meerzugang nicht kolonisieren, zweitens würde der Bund eine Verantwortung übernehmen, der er nicht gerecht werden könne.

Interessanterweise kamen diese Vorstösse in den 1860er Jahren von den Radikalen Demokraten, die sich für soziale Reformen einsetzten und sich gegen das etablierte Bürgertum stärkere direktdemokratische Einflussnahme erkämpften. Die radikaldemokratischen Befürworter des Kolonialismus sahen sich als Vertreter jener, die aus der Schweiz vor Armut und Hunger flüchteten.

Denn die Auswanderungspolitik der Schweiz veränderte sich im 19. Jahrhundert: Sah man die Kolonien zu Beginn des Jahrhunderts noch als Orte, die Leute aufnahmen, die man nicht mehr versorgen konnte, wurden sie zunehmend zur Grundlage globaler Netzwerke: Die Kolonien boten das Bewährungsfeld für manchen jungen Kaufmann.

Dabei genossen sie die gleichen Privilegien wie die Angehörigen der europäischen Kolonialregimes – sie waren Kolonisten, ohne imperialistisches Mutterland.

Der deutsche Ökonom Arwed Emminghaus bewunderte 1861 diese Strategie der «ausgedehnten Handelsverbindungen» der Schweiz und sah darin eine Spielart der imperialen Expansionspolitik der Kolonialmächte.

«Da braucht es keine kostspieligen Flotten, keine kostbaren Verwaltungen, da braucht es keinen Krieg noch Unterdrückung; auf dem friedlichsten und einfachsten Wege der Welt werden da die Eroberungen gemacht.»

Quellen

  • Andreas Zangger: Koloniale Schweiz. Ein Stück Globalgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860-1930). Berlin 2011.
  • Lea Haller: Transithandel: Geld- und Warenströme im globalen Kapitalismus. Frankfurt am Main 2019.
  • Patricia Purtschert, Barbara Lüthi, Francesca (Hg.): Postkoloniale Schweiz: Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien
  • Thomas David, Bouda Etemad, Janick Marina Schaufelbuehl: Schwarze Geschäfte. Die Beteiligung von Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert. Zürich 2005.
  • Hans Fässler: Reise in schwarz-weiss: Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei. Zürich 2005.
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