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Klimastreik Schweizer Klimastreik-Jugend ist politisch noch steigerungsfähig


Jugendliche mit Megaphon am Klimastreik

Schülerinnen und Schüler in der Stadt Basel im Klimastreik.

(Georgios Kefalas / Keystone)

Wählen und Abstimmen und sich generell für Politik interessieren: Das sind definitiv nicht die Stärken der Jungen in der Schweiz. Aber jetzt gehen Tausende von ihnen für den Klimaschutz auf die Strasse. Ist dies der Startimpuls, der bei den Jugendlichen die Lust auch für andere politische Themen weckt?

Dieser Beitrag ist Teil von #DearDemocracy, der Plattform für direkte Demokratie von swissinfo.chexterner Link. Hier äussern auch aussenstehende Autorinnen und Autoren ihre Ansichten. Ihre Positionen müssen sich nicht mit derjenigen von SWI swissinfo.ch decken.

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Basel, ein kalter Freitagnachmittag im Januar. Hunderte von Schülerinnen und Schülern sind auf der Strasse statt in der Schule. Auch Nadim Rahmouni. In den Händen hält der 16-jährige Gymnasiast ein Plakat mit der Aufschrift: «Wieso für eine Zukunft lernen, die es sowieso bald nicht mehr gibt?»

Aus einem Soundwagen dröhnt Musik. Die Jugendlichen setzen sich mit Transparenten und Sprechchören in Bewegung.

Zwischendurch gibt es Reden und kurze Statements: "Uns wird gezeigt, dass Konsumverhalten wichtiger ist als das Klima. Und dass das Konsumverhalten wichtiger ist als unsere Zukunft."

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Greta Thunberg: In Schweden nicht das grosse Zugpferd. Beitrag von Schweizer Radio SRF

Das erste Mal Demo

Solche kritischen Töne hat im Januar auch die 16-jährige schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg am WEF angeschlagen, dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Bereits zuvor hatten in der Schweiz Tausende von Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Anliegen auf die Strasse getragen: von Bern bis Bellinzona, von Luzern bis Lausanne.

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Viele der Jugendlichen waren zum ersten Mal an einer Demonstration und erlebten, was gemeinsames politisches Handeln bewirken kann: "Es ist ein gutes Gefühl, weil alle mitmachen und weil man für die Zukunft kämpft", sagt eine Schülerin.

Ein Kollege fügt hinzu: "Man merkt, dass wir sehr viele Freiheiten haben in der Schweiz. Dass man seine Meinung frei äussern kann."

Wenig Interesse für Innenpolitik

Bei den Klimademos meldet sich eine Generation zu Wort, der man bisher nachsagte, sie sei stark mit sich selbst beschäftigt und unpolitisch.

Die neusten Erkenntnisse, die über das politische Interesse und Engagement der jungen Menschen in der Schweiz Aufschluss geben, liefert der easyvote-Politmonitor, Link öffnet in einem neuen Fenster des Forschungsinstituts gfs.bern. Er kommt allerdings zu einem anderen Befund als die aktuellen Klimademonstrationen erwarten lassen.

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Dabei zeigt sich, dass sich nur jede zweite junge Person für internationale Politik interessiert. Wenn es um Innenpolitik geht, flaut die Neugier noch mehr ab: Nur vier von zehn Befragten nehmen an der schweizerischen Politik Anteil.

Der Politmonitor erfasst seit 2014 die Haltung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegenüber der Politik in der Schweiz. Die letzte repräsentative Befragung fand im Herbst 2017 statt. In 15 Kantonen gaben rund 1200 Personen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren Auskunft.

"Keine neue 68er-Generation"

Das weltpolitische Geschehen erhält seit der ersten Untersuchung 2014 bei den jungen Leuten in der Schweiz eine gleichbleibende Aufmerksamkeit. Im gleichen Zeitraum hat das Interesse an der Innenpolitik abgenommen.

Das Forschungsteam erklärt: Die Abstimmung über die "Masseneinwanderungs-Initiative" im ersten Befragungsjahr habe das politische Interesse kurzfristig erhöht. Danach sei es aber wieder abgeflaut.

In der internationalen Politik dagegen hätten es männliche Führungsfiguren wie Erdogan, Macron und Trump die Aufmerksamkeit der jungen Generation auf sich zu ziehen.

Dass sich nun Zehntausende für einen stärkeren Klimaschutz engagieren, hat ebenfalls mit Ereignissen zu tun, die in der öffentlichen Wahrnehmung eine Dringlichkeit erreichen: Im Zusammenhang mit Unwetter-Katastrophen ist die Klimafrage 2018 wichtiger geworden. Diese bewegt auch die junge Generation.

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Dass in den letzten Jahren in der Schweiz eine stärkere Politisierung von Schülerinnen, Auszubildenden und Studenten stattgefunden habe, lässt sich aufgrund des gfs-Politmonitors wissenschaftlich aber nicht belegen: "Eine neue 68er-Generation ist nicht erkennbar", sagt die Politologin Cloé Jans vom gfs-Institut.

Schule wichtiger als Facebook

Die Studie stellt vielmehr fest, dass die Zahl der jungen Leute abnimmt, die sich regelmässig in den Medien über das politische Geschehen informieren.

Wer vermutet, dass sie sich stattdessen über andere Kanäle politisch aufdatieren, täuscht sich: Eine Verschiebung von Zeitungen, Radio oder TV hin zu den sozialen Medien wie Twitter, Facebook oder Instagram finde nicht statt.

Im Gegenteil: "Facebook verzeichnet einen mindestens ebenso starken Relevanzverlust wie die klassischen Medien."

Überraschenderweise geht aus dem Politmonitor hervor, dass die junge Generation in der Schweiz die Schule als "wichtigsten Ort der Informationsbeschaffung" angibt. Dies erstaunt umso mehr, als politische Bildung im Klassenzimmer selten ein Thema und Staatskunde kein eigenständiges Fach ist.

Das heisst: Es gibt keine standardisierte Vorgabe, was an politischer Bildung auf einer bestimmten Schulstufe vermittelt werden soll. Monika Waldis Weber, die das Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik der Fachhochschule Nordwestschweiz leitet, sagt: Das komme allein auf das Engagement der einzelnen Lehrperson an.

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Die Marginalisierung der politischen Bildung zeigt sich auch an den Hochschulen. Es gibt dafür bis heute im ganzen Land keinen eigenen Lehrstuhl.

Politische Bildung zufällig

Dass politische Bildung an den Schulen ganz unterschiedlich und für die Schülerinnen und Schüler eher zufällig vermittelt wird, stellt auch Anna Gisler fest. Die Basler Gymnasiastin wirkt im Organisationskomitee des Basler Klimastreiks mit, hat bereits an mehreren Klimastreiks teilgenommen und dafür im Zeugnis unentschuldigte Absenzen in Kauf genommen.

"In der früheren Schule war das sehr limitiert", erklärt die Schülerin. "Ganz am Rande wurde einmal erklärt, wie das mit Nationalrat und Ständerat funktioniert – das war's aber auch schon."

Jetzt, im Gymnasium, sei das anders: "Vor jeder Abstimmung organisiert unsere Geschichtslehrerin eine Gruppe, die sich mit dem Thema auseinandersetzt und dazu einen Vortrag macht. Im Deutschunterricht haben wir zum Klimastreik eine Debatte geführt."

"Kaum über Schweizer Politik geredet"

Auch der 18-jährige Ismael Rohwedder ist im Organisationskomitee des Basler Klimastreiks. Er hat in seiner Schullaufbahn von seinen Lehrpersonen unterschiedliche Engagements erlebt: "In der Weiterbildungsschule hatten wir das Glück, dass wir einmal nach Bern ins Bundeshaus gehen durften. Aber im Regelunterricht haben wir kaum über Schweizer Politik geredet."

Anders dann in der Fachmittelschule: "Da nahmen wir im Geschichtsunterricht Staatskunde durch. Und in Deutsch hatten wir 'News-Perioden'. Da haben wir uns regelmässig mit politischen News befasst."

Trotzdem findet Ismael Rohwedder, dass in der Schule zu wenig für die politische Bildung gemacht wird: "Viele haben zu wenig Ahnung von der Politik in der Schweiz."

Wenig erforscht

Die Einschätzungen der Jugendlichen, der Fachhochschul-Professorin Monika Waldis Weber und des gfs-Instituts decken sich mit früheren Erkenntnissen einer internationalen Vergleichsstudie, an der sich die Schweiz neben 37 anderen Ländern beteiligt hatte.

Aus der "International Civic and Citizenship Education Study" (ICCS) von 2010 geht hervor: 27% oder knapp ein Drittel der befragten Schülerinnen und Schüler sind nicht fähig, die Grundzüge der politischen Institutionen und Systeme darzulegen und politische Praktiken zu bewerten.

Ob sich diese Daten, die vor zehn Jahren erhoben worden sind, heute noch bestätigen lassen, muss offenbleiben. Denn die Schweiz hat bei der neuesten ICCS-Studie von 2016 aus Kostengründen nicht mehr mitgemacht.

Wie politisch darf Unterricht sein?

Die Schweiz scheint nicht stark daran interessiert zu sein, die politische Bildung der Bevölkerung zu messen. Und sie tut sich schwer, politische Bildung im Klassenzimmer zu etablieren – obwohl die Schule dafür immer noch der wichtigste Lernort ist und ein direktdemokratisches Staatswesen auf mündige Bürgerinnen und Bürger angewiesen wäre.

Tatsächlich ist es schwierig, politische Bildung angemessen zu vermitteln. Lehrpersonen sollen Kinder und Jugendliche zu einem eigenständigen, kritischen Denken anleiten, dürfen sie aber politisch nicht beeinflussen – das braucht sehr viel Fingerspitzengefühl. Bezieht eine Lehrperson selbst politisch Stellung, exponiert sie sich und macht sich damit angreifbar.

Kritisches Denken statt Indoktrination

Allerdings wäre das didaktisch notwendige Wissen vorhanden. Der Beutelsbacher Konsens gibt ein paar Grundregeln für den Unterricht vor.

Danach sind im Unterricht ein paar wenige Grundregeln zu beachten: Schülerinnen und Schüler dürfen von der Lehrperson nicht mit vorgefertigten Meinungen überrumpelt werden. Politische Diskussionen sollen kontrovers geführt werden. Und: Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, Standpunkte nicht auf Ressentiments, sondern mit Argumenten zu stützen.

Wenn es um die politische Bildung in der Schweiz nicht besonders gut bestellt ist und das politische Engagement nur punktuell aufploppt – ist da der Klimastreik nur ein kurzzeitiger Hype? Anna Gisler verneint: "Der Vorwurf des Hypes meint ja, dass Leute an die Demos gehen, nur weil es cool ist. Aber sie überlegen sich vielmehr: 'Hey, warte mal, was kann ich eigentlich machen?'"

Anna Gisler kennt Kolleginnen und Kollegen, welche die Maturareise mit dem Flugzeug organisieren wollten. "Dann kamen die ganzen Klimastreiks, und sie kamen zum Schluss: 'Wir gehen jetzt doch mit dem Zug.'"

Kompromisse aushandeln

Die Jugendlichen, die für den Klimaschutz auf die Strasse gehen, erfahren, dass politisches Handeln ermächtigend, aber auch riskant sein kann. Riskant, weil sie beim Streiken mit ihrer Schule oder den Erziehungsbehörden in Konflikt geraten.

Viele Lehrpersonen hätten das Anliegen zwar unterstützt, sagen Anna Gisler und Ismael Rohwedder. Dann aber habe der Erziehungsdirektor des Kantons Basel durchgegriffen und alle Schulen angewiesen, die politischen Aktivitäten der Streikenden mit unentschuldigten Absenzen zu quittieren.

Dass die Streikenden für ihr politisches Engagement von der Schule bestraft wurden, haben manche Jugendliche als "ernüchternd" erlebt. Er habe dafür aber auch Verständnis, sagt Ismael Rohwedder: Sie seien von den Behörden angehört worden und hätten dann eine Sonderregelung aushandeln können.

Mit dem Basler Erziehungsdepartement einigten sie sich auf die sogenannte Kompensationslösung: Die Schule verzichtet auf unentschuldigte Absenzen, wenn die streikenden Jugendlichen die Stunden, die sie in der Schule fehlen, in ein gemeinnütziges Projekt investieren.

Resolution eingereicht

Was frühere Generationen politisierter Jugendlicher als vorauseilenden Gehorsam oder faulen Kompromiss interpretiert hätten, sieht die Gymnasiastin Anna Gisler anders: "Wir sagten von Anfang an, dass wir keinen Freipass möchten." Das würde die Aktion zerstören, erklärt die Schülerin. "Wenn es plötzlich hiesse, wer zum Streik geht, hat frei – dann wäre es kein Streik mehr."

Mit dieser Kompensationslösung zeige man umso mehr, dass einem etwas daran liege, sagt Anna Gisler. Wichtig sei: "Wir gehen Kompromisse ein, was die Absenzen angeht, aber nicht, was das Klima betrifft."

In der Zwischenzeit haben es die Basler Schülerinnen und Schüler geschafft, ihr Anliegen auch auf die politische Bühne zu tragen. Mit einer Resolution haben sie das Kantonsparlament dazu aufgefordert, den Klimanotstand auszurufen. 

Ein Anliegen, dem die Politikerinnen und Politiker am 20. Februar 2019 mehrheitlich gefolgt sind.

SRF News

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