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Elektronische Baustelle des Jahrhunderts

Doppel-CD von "Construction sonor".

("Construction sonor")

Eine Klangreise durch die berühmten NEAT-Baustellen an Gotthard und Lötschberg? Genau das schlägt diese Doppel-CD vor.

Der Lärm dieser Baustellen hat 13 Komponisten, die mit elektronischen Mitteln arbeiten, inspiriert.

"In einem Tunnel, in dem gebaut wird, herrscht enormer Lärm. Wir haben uns gefragt, was man mit diesem Rohmaterial machen könnte", erzählt Margrit Bürer von Pro Helvetia.

Musik natürlich! Elektronische obendrein, also produziert von Maschinen. Das geeignetste Genre, um die vom Zürcher Tonkünstler Bernd Schurer in den NEAT-Stollen aufgezeichneten Geräusche umzusetzen.

Auf der Grundlage von ungefilterten Geräuschen, dumpfem Gebrumm aus dem Innersten des Berges haben die 13 Musiker ihre Werke der Doppel-CD "Construction sonor" geschaffen.

Das Album wurde im Rahmen eines Konzerts im Zürcher Jazz-Club Moods lanciert und bietet Hörerlebnisse von Techno und Pop zu Experimentellem und Improvisation.

Bande zwischen Nord und Süd



Unter den Musikern figuriert zum Beispiel Boris Blank (Yello), der seit die Gruppe besteht, immer aus verschiedensten Geräuschen eigene Klangwelten gebaut hat.

Aber die meisten unter ihnen stammen aus den alpinen Regionen, wo der Alltag durch diese Baustellen geprägt ist. Auch aus Berlin (Monolake) oder aus Norditalien (Luigi Archetti), auf der Nord-Süd-Achse der Alpen-Transversale.

Abgesehen von ihrer Funktion als Verkehrsverbindung für wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen, vermitteln Tunnels auch eine starke Symbolik. Und das entstandene Album hat es allen Musikern ermöglicht, ihre Grenzen zu überschreiten, sowohl musikalisch als auch geografisch.

Und sich für Begegnungen zu öffnen. Besonders während der Konzerte, die in der Nähe der Baustellen stattfinden (Bodio, Thun, Altdorf), aber auch in einigen weiter entfernten grösseren Städten (Berlin, Zürich und Mailand).

ErikM (Frankreich), Fennesz (Österreich) und der Ägypter Mahmoud Refat, vertreten ihrerseits drei der 23 Länder, aus welchen die auf den Baustellen beschäftigten Arbeitskräfte stammen.

Starke Einfallskraft



"Wir wollten auch, dass sich die Schweizer Bevölkerung, welche dem Bau dieser Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT) zugestimmt hat, Rechenschaft darüber gibt, wie gigantisch das Projekt ist", präzisiert Margrit Bürer.

57 km für den weltweit längsten Eisenbahntunnel am Gotthard und 34,6 km für den Lötschberg. So heisst das Kultur-Programm unter der Leitung von Margrit Bürer denn auch "Gallerie 57/34,6 km". Es möchte dem Jahrhundertbauwerk eine künstlerische Dimension verleihen.

"Construction sonor" ist das musikalische Fenster dazu, dem diesjährigen Thema entsprechend. Letztes Jahr galt das Thema dem Film. Nächstes Jahr wird die Bildhauerei an der Reihe sein.

Jeder Teil von Gallerie 57/34,6 soll ein anderes Publikum ansprechen. Die allererste Intervention im Dezember 2001 richtete sich vor allen an die Arbeiter: Sie fand am Tag der St-Barde statt, dem offiziellen Fest der Tunnelbauer.

Und dann ist das NEAT-Riesenprojekt auch dazu geeignet, die Fantasie der Künstler anzuregen.

Ausser dass sie eine Hommage an die Moderne sind, "haben diese klemmenden und stossenden Maschinen auch eine sexuelle, fast freudianische Konnotation," stellt Frédéric Quennoz vom Walliser Kollektiv Dolmen fest. "Man kommt nicht umhin, an Ejakulationen und Penetrationen zu denken."

Rohes oder sublimiertes Material



Der einzige Absteller der Aktion, bedauert lachend der Walliser Musiker, ist, dass wir unser Stück auf 5 Minuten beschränken mussten." Wo Dolmen doch eine Klangreise von 40 Minuten vorgesehen hatte ...

"Wir wollten 48 Stunden darbieten aus dem Leben eines Arbeiters, der nie aus diesem Universum der Maschinen herauskommt. Und dessen Lärm ihn bis in seine Träume hinein verfolgt."

Deshalb schwankt das Werk von Dolmen zwischen derber Grobkörnigkeit und Astringenz – nicht unbedingt angenehm fürs Ohr. Aber es verdeutlicht die dramatische Dimension dieser ungewöhnlichen und mühsamen Arbeit.

"Es gab zwei Wege, diese Stücke zustande zu bringen," fasst Frédéric Quennoz zusammen. "Die Maschine zu sublimieren oder in die Wirklichkeit der Person einzutauchen, die arbeitet. Wir haben die zweite Möglichkeit gewählt."

Und das kommt beim Anhören dieser CD auch zur Geltung. Einige Komponisten haben die Grundgeräusche völlig neu interpretiert und verarbeitet. Sie haben sich davon genügend distanziert, um sie in eine Techno-, Pop- oder New Jazz-Produktion zu integrieren.

Das trifft zu für Boris Blank, Balduin, Intricate oder Drumpet, um nur diese zu nennen.

Andere haben es vorgezogen, bei der rohen Derbheit dieser unterirdischen Geräusche zu bleiben. Wie Fennesz, Mahmoud Refast, Luigi Archetti oder Erik M, die zwischen konkreter Musik und rein experimenteller Avant Garde-Musik angesiedelt sind.

swissinfo, Anne Rubin, Zürich
(Übersetzung aus dem Französischen: Monika Lüthi)

Fakten

Der Eisenbahntunnel am Gotthard - der längste der Welt - wird 57 km messen.

Derjenige am Lötschberg 34,6 km. Die letzte Bohrung ist im Dezember geplant.

Arbeiter aus 23 Ländern arbeiten auf diesen beiden Baustellen.

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In Kürze

Die CD A enthält 94 Aufzeichnungen von Geräuschen und Baulärm-Landschaften, die vom Tonkünstler Bernd Schurer im Gotthard- und im Lötschberg-Tunnel produziert wurden.

Diese "Fieldrecordings" bilden das Ausgangsmaterial für die 13 Musiker, mit elektronischen Mitteln neue Tonwelten zu erschaffen. Zu hören sind sie auf CD B.

Folgende Künstler haben am Projekt mitgewirkt: Luigi Archetti, Balduin, Boris Blank, Dolmen, Drumpet, ErikM, Fennesz, Intricate, Monolake, Müller und Corber, Mahmoud Refat, Seelenluft und Table.

Construction sonor ist Teil des Projekts Gallerie 57/34,6, unter dem Patronat von Pro Helvetia. Jedes Jahr wird ein Thema gewählt, das dem Jahrhundertbauwerk Resonanz verleihen soll.

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