Schweizer Finanzbranche wegen Klimafolgen auf dem Prüfstand
Der Schweizer Finanzsektor investiert weiterhin Milliarden in globale fossile Energieprojekte, die bis zu 18-mal mehr Emissionen verursachen als die Schweiz selbst. Eine neue Volksinitiative fordert strengere Umweltregeln für Investitionen. Was zeigen die Daten?
Der Schweizer Finanzsektor veröffentlicht seit Jahren Klimaberichte, setzt sich Netto-Null-Ziele und wirbt mit Nachhaltigkeitsstrategien. Doch Aktivist:innen argumentieren, dass diese freiwilligen Bemühungen zu kurz greifen: Institutionen mit Sitz in der Schweiz würden im Ausland nach wie vor erhebliche Umweltschäden verursachen. Viele finanzieren weiterhin Öl- und Gasunternehmen, Rohstoffhandelsfirmen und Schwerindustrie.
Die Initiant:innen sagen, Banken, Versicherungen und Pensionskassen müssten verpflichtet werden, mehr für Klima und Natur zu tun und die Branche tatsächlich nachhaltig auszurichten. Im April reichten Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace die Unterschriften für eine Volksinitiative ein, um das Thema an die Urne zu bringen.
Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) hältExterner Link das Anliegen zwar für berechtigt, den Vorschlag aber für verfehlt.
Dieser Artikel zeigt, wo Schweizer Geld in fossile Energien fliesst, wie die Behörden diese Investitionen verfolgen und weshalb ihr überproportionaler CO2-Fussabdruck im Ausland zu einem politischen Streitpunkt geworden ist.
Bis zu 18-mal so viele Emissionen wie die Schweiz
Die Schweiz ist ein Schwergewicht im Finanzwesen. 2024 verwalteten ihre Banken Vermögen von rund 9,2 Billionen FrankenExterner Link. Hinzu kamen zwei BillionenExterner Link Franken (Zahl von 2026) inländische und grenzüberschreitende Kredite, einschliesslich Hypotheken.
Das Land ist zudem ein wichtiger Standort für Finanzierung, Versicherung und Rückversicherung: Allein die Schweizer Versicherer hielten 2021 Anlagen im Wert von 574 Milliarden FrankenExterner Link.
Während der Finanzsektor 10% des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet, ist sein indirekter CO2-Fussabdruck im Ausland enorm.
Eine McKinsey-Studie aus dem Jahr 2022, die auf offiziellen Daten beruht, schätzte, dass von der Schweiz finanzierte Kredite und Beteiligungen in CO2-intensiven Sektoren jährlich 700 bis 900 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verursachen – rund 14- bis 18-mal so viel wie die jährlichen Inlandemissionen des Landes.
Darin nicht enthalten sind Staatsanleihen und Kapitalmarkttransaktionen, weshalb der tatsächliche Gesamtwert höher liegen dürfte.
Gesetzlich sind staatliche Behörden und Institutionen verpflichtet, die Klimarisiken im Finanzsektor zu überwachen. Die Behörden versuchen, diese Exponierung mit einem alle zwei Jahre durchgeführten «KlimatestExterner Link» nach der internationalen PACTA-Methode zu erfassen.
Dieses Open-Source-Instrument hilft Banken zu messen, ob ihre Portfolios mit den globalen Klimazielen vereinbar sind, indem es die physischen Anlagen ihrer Kund:innen und deren Fünfjahres-Produktionspläne mit Transitionsszenarien vergleicht.
2024 nahmen 146 Institutionen freiwillig daran teil. Dabei zeigte sich eine Exponierung gegenüber fossilen Energien von 2,9% bei Unternehmensanleihen und 2,2% bei Aktien, wobei Öl dominierte.
Institutionelle Investor:innen bringen die Schweiz unter die zehn grössten Geldgeber fossiler Energien
Laut dem Bericht «Investing in Climate ChaosExterner Link» von 2024, der die Beteiligungen an fossilen Energien von mehr als 7500 institutionellen Investor:innen weltweit offenlegt, hielten institutionelle Investor:innen weltweit Aktien und Anleihen aus dem fossilen Sektor im Wert von 4,3 Billionen Dollar. Diese werden von Pensionskassen, Versicherungsgesellschaften, Vermögensverwaltern, Hedgefonds, Staatsfonds, Stiftungsfonds und Vermögensverwaltungssparten von Geschäftsbanken gehalten.
Der grösste Teil dieser Investitionen in Kohle-, Öl- und Gasunternehmen stammt von US-Investor:innen. Schweizer Banken, Versicherungen und Pensionskassen hielten 2024 jedoch Anlagen in fossilen Energien im Wert von 80 Milliarden Dollar.
Trotz relativ moderater Exponierung – sie liegt weiterhin unter dem globalen Durchschnitt von 3,3% – sind die Schweizer Portfolios seit 2022 leicht gestiegen.
DatenExterner Link der deutschen Nichtregierungsorganisation Urgewald zeigen, dass es sich bei den vier grössten institutionellen Investoren ausnahmslos um US-Unternehmen handelt: Vanguard (444 Milliarden Dollar), BlackRock (430 Milliarden Dollar), State Street (184 Milliarden Dollar) und Capital Group (173 Milliarden Dollar).
Die Schweizer Bank UBS liegt weltweit auf Rang 15Externer Link mit Investitionen von 48,4 Milliarden Dollar in Firmen wie Exxon Mobil (3,3 Milliarden Dollar), Chevron (3 Milliarden Dollar) und Shell (1,9 Milliarden Dollar). Schweizer Banken und Pensionskassen bleiben bedeutende Geldgeber für den weltweiten Ausbau fossiler Energien.
Schweizerische Nationalbank investiert Milliarden in Unternehmen mit Bezug zu fossilen Energien
Anders als die meisten Zentralbanken investiert die Schweizerische Nationalbank (SNB) weltweit in grossem Stil in Aktien. Ende 2025 hieltExterner Link sie Devisenanlagen von fast 760 Milliarden Franken, davon rund 28 ProzentExterner Link (etwa 190 bis 200 Milliarden Franken) in Aktien. Dazu gehören Beteiligungen an Unternehmen mit Bezug zu fossilen Energien, vor allem in den USA, etwa Exxon Mobil.
Das WAV-Recherchekollektiv schätzt in einer für die zivilgesellschaftliche Klima-Allianz und das Aktivist:innen-Netzwerk «SNB KoalitionExterner Link» durchgeführten Recherche, dass die Aktienanlagen der SNB mit Bezug zu fossilen Energien zwischen 2024 und Ende 2025 um 17% auf 17,88 Milliarden Dollar (ausgewiesen und geschätzt) gestiegen sind. Laut WAV bedeutet dies eine Zunahme von 230 auf 249 Unternehmen mit Bezug zu fossilen Energien, was weiterhin rund 8% des gesamten SNB-Portfolios entspricht.
In ihrem jüngsten NachhaltigkeitsberichtExterner Link erklärte die SNB, ihr Portfolio sei 2025 mit 11,9 Millionen Tonnen Kohlenstoff verbunden gewesen – 7,5% mehr als im Vorjahr.
Die SNB argumentiert, ihr enges Mandat – die Gewährleistung der Preisstabilität bei gleichzeitiger Vermeidung von Interessenkonflikten – schränke ihren Spielraum ein, Klimaziele zu verfolgen. Das Parlament stützte diese Haltung im April 2024 und stimmte dafür, explizite Klimamandate aus der Geldpolitik herauszuhalten.
Aufgrund jüngster Gesetzesänderungen muss die SNB jedoch klimabezogene Finanzrisiken speziell mit Blick auf die Stabilität des Schweizer Finanzsystems beurteilen und regelmässig darüber Bericht erstatten. Die Bank hat ihre Nachhaltigkeitsstrategie aktualisiert und führt Sensitivitätsberechnungen und Stresstests durch, um die klimabezogenen Risiken ihrer Investitionen zu beurteilen.
Grundlage dafür sind Klimaszenarien des Network for Greening the Financial System (NGFS)Externer Link. Die Anlagerichtlinien der SNB schliessen zudem Unternehmen aus, die Menschenrechte verletzen oder «systematisch schwere Umweltschäden verursachen».
Zehn Gaskraftwerke und 20 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr, sagen NGOs
Die Schweizerische Exportrisikoversicherung (SERV) ist die offizielle Exportkreditagentur des Bundes. Sie versichert Schweizer Unternehmen gegen kommerzielle Zahlungsausfälle und politische Risiken beim Export von Waren oder Dienstleistungen und hilft ihnen, Bankkredite zur Erleichterung des internationalen Handels abzusichern.
Die Exportversicherung der SERV für Schweizer Unternehmen, die an fossilen Projekten im Ausland beteiligt sind, gerät zunehmend unter Druck.
Rund 20 NGOs werfen den Behörden vor, mit solchen Versicherungen Kraftwerke im Ausland zu unterstützen. Aktivist:innen protestierten im Februar vor dem SERV-Büro in Bern. Sie argumentierten, das Land verletze seine an der COP26 gemachte Zusage, die Finanzierung fossiler Energien im Ausland zu beenden.
Bis 2023 habe die SERV zehn Gaskraftwerken im Ausland provisorische oder definitive Unterstützung zugesagt, sagen die Organisationen. Sie schätzen, dass diese jährlich fast 20 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente verursachen könnten – etwa die Hälfte der jährlichen Emissionen der Schweiz – und fordern einen Stopp der Projekte.
Die SERV betont, sie halte sich an die OECD-Regeln, die Exportunterstützung für Gaskraftwerke unter bestimmten Bedingungen erlauben, etwa wenn diese Kohle ersetzen. Solche Anlagen «bleiben oft wichtig für die Energieproduktion und den wirtschaftlichen Fortschritt, besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern», sagte Simon Denoth, Senior Vice President für Public and Government Relations, gegenüber Swissinfo.
Die Agentur erklärt, sie biete für drei Kraftwerke Versicherungsdeckung in Höhe von 713 Millionen Franken und habe grundsätzlich zugesagt, drei weitere im Wert von 440 Millionen Franken in Vietnam, Turkmenistan, Polen, Saudi-Arabien, der Elfenbeinküste und dem Senegal zu unterstützen. Sie bestätigt, dass diese Projekte jährlich nahezu 20 Millionen Tonnen ausstossen.
Die SERV betont, sie unterstütze keine Kohle-, Öl- oder Torfprojekte und baue die grüne Finanzierung entsprechend der Nachfrage aus.
Mehr als 145’000 Unterschriften
Im April reichten die Initiant:innen über 145’000 Unterschriften für eine VolksinitiativeExterner Link ein, die einen «nachhaltigen und zukunftsgerichteten Schweizer Finanzplatz» fordert. Zu den Unterstützer:innen der «Finanzplatz-InitiativeExterner Link» gehören Politiker:innen aus dem gesamten politischen Spektrum sowie Persönlichkeiten aus der Finanzwelt und der Zivilgesellschaft.
Sie argumentieren, freiwillige Massnahmen seien gescheitert und Institutionen mit Sitz in der Schweiz verursachten im Ausland erhebliche Umweltschäden – etwa indem sie die Abholzung des Regenwaldes, den Ausbau der Ölförderung und den Kohlebergbau finanzierten. Die Initiative würde die Verpflichtungen für Klima und Biodiversität auf gesamte Wertschöpfungsketten ausweiten, einschliesslich indirekter Emissionen.
Bei einer Annahme würden die Finanzierung und Versicherung neuer Reserven fossiler Energien – oder der Ausbau bestehender – verboten. Eine neue Behörde würde die Einhaltung überwachen und Sanktionen verhängen.
Diskutieren Sie mit:
Die Schweizerische Bankiervereinigung sagtExterner Link, der Vorschlag greife ein berechtigtes Anliegen auf, sei aber verfehlt; sie warnt, dieser würde nur einen begrenzten ökologischen Nutzen bringen und zugleich Risiken für Investor:innen, Arbeitsplätze und den Schweizer Finanzplatz schaffen.
Sie argumentiertExterner Link, Schweizer Banken leisteten bereits einen «substanziellen Beitrag zu einem nachhaltigen Finanzplatz» und die Auswirkungen auf Klima und Biodiversität entstünden vor allem in der Realwirtschaft, nicht im Finanzsektor. «Der Finanzsektor kann Entscheidungen von Unternehmen und Privatpersonen durch Finanzierungen unterstützen», heisst es. «Aber er kann diese Entscheidungen nicht erzwingen.»
Editiert von Gabe Bullard/Veronica De Vore, Übertragung aus den Englischen: Michael Heger/jg
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