Klimakrise: Mehr Fatalismus in der Schweiz
Eine internationale Studie zeigt, dass die Schweizer Bevölkerung weniger bereit ist, gegen den Klimawandel vorzugehen als die Menschen in den Nachbarländern. Dies ist umso erstaunlicher, als die Schweiz zu jenen Ländern gehört, die sich am stärksten erwärmen.
«Die Ergebnisse von 2026 deuten auf eine psychologische Wende für die Schweiz hin», sagt Marcus Burke, Analyst bei Ipsos Schweiz. Ipsos ist eines der weltweit führenden Marktforschungs- und Meinungsforschungsunternehmen.
Gerade während das Land physisch stärker von der globalen Erwärmung betroffen ist als viele andere, beobachtet man «eine deutliche Abschwächung des wahrgenommenen Dringlichkeitsgefühls und ein besorgniserregendes Wachstum des Klimafatalismus».
Ipsos hat die Risikowahrnehmung in Bezug auf den Klimawandel sowie die Einstellung der Bevölkerung gegenüber der Energiewende untersucht. An der am 21. April veröffentlichten UmfrageExterner Link nahmen weltweit 23’704 Personen in 31 Ländern teil, davon 500 in der Schweiz.
Sie wurden persönlich und online befragt zwischen dem 23. Januar und dem 6. Februar 2026. Ipsos betrachtet die Umfrage als repräsentativ für die Altersgruppe der 16- bis 74-Jährigen.
Die Ergebnisse zeigen, dass unter den Schweizer Bürgerinnen und Bürgern eine wachsende Distanz zum Thema Klimawandel festzustellen ist – sowohl generell als auch im Vergleich mit den Durchschnittswerten in Europa und weltweit.
Obwohl der Klimawandel zunehmend spürbare Auswirkungen hat, nimmt das individuelle Verantwortungsgefühl in der Schweiz weiter ab, sagt Burke gegenüber Swissinfo.
«Ein wachsender Anteil der Bevölkerung ist der Meinung, dass es mittlerweile zu spät zum Handeln sei – eine Haltung, welche die Schweiz von den Nachbarländern unterscheidet», so Burke.
Die Schweiz gehört zu den zehn Ländern, die sich weltweit am stärksten erwärmen. Das sind die Folgen:
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Wer soll dem Klima Sorge tragen? «Nicht ich»
Ipsos stellt fest, dass in allen untersuchten Ländern der Anteil der Personen gesunken ist, die überzeugt sind, dass individuelles Nichtstun in Bezug auf den Klimawandel ein Versagen gegenüber künftigen Generationen darstellt: von 72% im Jahr 2021 auf heute 61%.
Mit anderen Worten: Immer weniger Menschen verspüren eine moralische Pflicht, den nächsten Generationen einen Planeten mit geringeren Treibhausgasemissionen zu hinterlassen.
In der Schweiz liegt der Anteil bei 50%, was einem Rückgang von 14% gegenüber 2021 entspricht und deutlich niedriger ist als in den Nachbarländern Frankreich (63%) und Italien (62%).
Burke zeigt sich vom zunehmenden Desinteresse am Klimathema in der Schweiz nicht überrascht, da es einen breiteren globalen Trend widerspiegelt. «Trotz der anhaltenden neuen Temperaturrekorde ist die individuelle Bereitschaft rückläufig, gegen den Klimawandel vorzugehen», sagt er.
Die letzten elf Jahre waren die wärmsten der modernen ZeitExterner Link. Die durchschnittliche Globaltemperatur könnte bald die kritische Erwärmungsschwelle von 1,5°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau überschreiten.
Der Ipsos-Bericht zeigt, dass zwar nach wie vor weit verbreitet die Ansicht gilt, dass auch Einzelpersonen ihren Beitrag leisten müssen, das Gefühl von Dringlichkeit und individueller Verantwortung jedoch nachlässt. Gleichzeitig wächst die Tendenz, Regierungen und Unternehmen als die Hauptverantwortlichen für Klimamassnahmen zu betrachten.
Energiepreise bereiten mehr Sorgen als das Klima
Burke spricht von einer «kollektiven Erschöpfung»: einer weit verbreiteten Müdigkeit, die durch die Wahrnehmung einer komplexen und scheinbar endlosen Klimakrise genährt wird.
Andere, unmittelbarere und greifbarere Sorgen überlagern laut ihm das Thema Klimawandel. «Die Menschen machen sich mehr Sorgen über Inflation, steigende Lebenshaltungskosten und geopolitische Konflikte. Sie fragen sich, was Benzin kosten wird und welche Folgen der Krieg im Iran haben wird», sagt er.
Im Durchschnitt machen sich 74% der in den 31 Ländern befragten Personen Sorgen über steigende Energiekosten. Für rund die Hälfte der Befragten hat es Priorität, die Preise niedrig zu halten – auch auf Kosten höherer Treibhausgasemissionen.
Der Grossteil der Schweizer Bevölkerung möchte nicht mehr Geld in den Klimaschutz investieren. Hier ist der Grund:
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Schweizer Bevölkerung hat mehr Vertrauen in die nationale Klimastrategie
Im Vergleich zu den in Frankreich, Deutschland und Italien befragten Personen erscheint die Schweizer Bevölkerung beim Thema Klimawandel distanzierter und weniger fordernd, so Burke.
Der Grund sei «eine Kombination aus grösserem Fatalismus und – paradoxerweise – einem höheren Vertrauen in die bereits vom eigenen Staat verfolgte Strategie».
Konkret ist der Anteil der Schweizer Bevölkerung, der angibt, es sei «zu spät, etwas zu tun» gegen den Klimawandel, mit 29% höher als in den Nachbarländern. Auch die Ansicht, individuelle Massnahmen machten «keinen Unterschied», ist weiter verbreitet.
Dem Ohnmachtsgefühl steht laut Burke ein ungewöhnlich hohes Vertrauen gegenüber: 32% der Befragten sind überzeugt, dass die Schweizer Regierung «über einen klaren Plan zur Bewältigung der Klimakrise» verfügt. In Italien (24%), Frankreich (21%) und Deutschland (19%) ist das Vertrauen in die Behörden geringer.
«Diese Kombination – die Überzeugung, dass individuelle Anstrengungen nutzlos sind, und das Vertrauen, dass die Behörden die Lage im Griff haben – trägt wahrscheinlich dazu bei, das persönliche Dringlichkeitsgefühl und den öffentlichen Druck für eine ambitioniertere Klimapolitik zu verringern», sagt Burke.
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Editiert von Balz Rigendinger, Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub
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