Leben und Altern

Entlarvt: Was wir über die Schweiz zu wissen glaubten

Erzählen Sie Freunden, dass Sie die Schweiz besuchen. Sie können sicher sein, dass Sie mit Klischees überhäuft werden. Sei es über den Reichtum des Landes ("Alle sind stinkreich"), die Lebensqualität ("Einer der sichersten Orte der Welt") oder seine Menschen ("Sie sind so unfreundlich und langweilig"). 

Dieser Inhalt wurde am 15. Juli 2020 - 08:30 publiziert
Skizzomat (Illustration)

"Die Schweiz ist super; die Schweizer tun mir leid." So fasst unsere ehemalige Mitarbeiterin Clare O’Dea ihre "starke Meinung über das Land" zusammen. Sie ist Autorin eines Buchs über die Schweizer Lebensart.

Einheimische, Touristen, Eingewanderte und gelegentliche Beobachter haben alle ein Recht auf ihre eigene Sichtweise. Und einige Behauptungen über die Schweizerinnen und Schweizer – zum Beispiel, dass es ihnen nicht erlaubt ist, nach 22 Uhr die Toilettenspülung zu betätigen oder nur ein Meerschweinchen zu halten – geben Anlass zum Kichern (obwohl nur eine davon tatsächlich wahr ist).

Aber viele Behauptungen, etwa wie das Land Ausländerinnen und Ausländer oder Frauen behandelt, können viel über die Schweizer Identität, die Geschichte, die Politik und die gesellschaftlichen Normen des Landes verraten.

Mit ihrem Buch "The Naked Swiss" will O'Dea eine "gerechtere und ausgewogenere Sichtweise" ihres Wohnlands präsentieren. Darunter über eines der am weitesten verbreiteten Klischees über die Schweizerinnen und Schweizer: dass sie reich sind.

Sie kommt zum Schluss, dass sie relativ gesehen reich sind. Der durchschnittliche Reichtum pro erwachsener Person gehört zu den höchsten der Welt, und "dieser Reichtum überzieht das Land wie Möbelpolitur und lässt die Strassen und Dächer erstrahlen". Doch O'Dea gibt zu bedenken: "Eine relativ kleine Zahl von sagenhaft wohlhabenden Leuten an der Spitze zieht den Schweizer Durchschnitt nach oben."

Unsere Faktenprüfer haben sich nach Fragen aus der Leserschaft mit dieser Behauptung auseinandergesetzt. Gemessen am durchschnittlichen Wohlstand gehören die Schweizerinnen und Schweizer tatsächlich zu den reichsten der Welt. Doch das Land hat auch eine hohe Dichte an Millionärshaushalten. Die Mehrheit der Einwohnerinnen und Einwohner fällt in den vom Bundesamt für Statistik (BFS) definierten Bereich des "mittleren Einkommens".

Und natürlich gibt es auch Armut. Sie existiert sogar in einem grösseren Umfang, als viele Menschen auf den ersten Blick vermuten würden: Fast 8% der Bevölkerung gelten laut BFS als arm.

Das Leben nahe der Armutsgrenze ist in der Schweiz genauso gefährlich wie anderswo, was während der Coronavirus-Pandemie deutlich wurde. Schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen erhöhten die Exposition dieser Gruppe gegenüber der Krankheit nur noch weiter.

Wie es den Ausländerinnen und Ausländern im Land ergeht, ist eine weitere Frage, die mit Annahmen gespickt und schwer zu ignorieren ist, da ein Viertel der Bevölkerung nicht das Schweizer Bürgerrecht besitzt.

So sorgen Einbürgerungswillige manchmal für Schlagzeilen, weil sie bei Einbürgerungsgesprächen obskure Fragen über Schweizer Traditionen und Trivialitäten nicht richtig beantwortet haben. Solche Berichte verstärken den Eindruck, dass der Weg zum Schweizer Bürgerrecht ausserordentlich schwierig geworden ist.

Doch die Wahrheit ist etwas komplexer. Eine grosse Zahl von Ausländerinnen und Ausländern gibt an, kein Interesse an der Staatsbürgerschaft zu haben, weil sie den roten Pass nicht benötigen, um sich in der Schweizer Gesellschaft gut integriert zu fühlen.

Es gibt aber auch Nachteile. Etwa bei Autoversicherungen: So ist es etwa völlig legal, von Fahrerinnen und Fahrern, die im Besitz eines italienischen Passes sind, eine höhere Prämie zu verlangen. Viele würden sagen, dies sei diskriminierend. In der Europäischen Union ist dies sogar illegal.

Die Prämienunterschiede aufgrund der Nationalität mögen trivial erscheinen, aber sie werfen die Frage auf, inwieweit die Schweiz verschiedene gesellschaftliche Gruppen mit jeweils unterschiedlichen Regeln und Erwartungen kategorisieren kann.

Wie die Nationalität ist auch das Geschlecht ein solches Thema. Leser Lucca fragte, warum ein reiches Land wie die Schweiz bei der Gleichstellung der Frauen zurückzubleiben scheine. Ob die meisten Mütter in der Schweiz zu Hause blieben, fragte eine Leserin namens Kay.

In der Schweiz erhielten die Frauen erst 1971 das Stimm- und Wahlrecht auf Bundesebene. Der kleinste Kanton des Landes, Appenzell Innerrhoden, erweiterte dieses auf lokaler und kantonaler Ebene erst 1990.

Zwar sind die Frauen politisch heute gleichberechtigt. Doch am Arbeitsplatz besteht weiterhin eine Ungleichheit, was die Löhne betrifft. Im Jahr 2019 gingen rund eine halbe Million Frauen auf die Strasse, um gegen die mangelnden Fortschritte zu protestieren.

Für viele Frauen ein weiterer Knackpunkt bleibt die Politik des bezahlten Mutterschaftsurlaubs. Dort gehört die Schweiz zu den am wenigsten grosszügigen unter den entwickelten Ländern. Die Bemühungen um die Einführung eines gesetzlichen Vaterschaftsurlaubs werden von der konservativen Rechten in Frage gestellt.

Aber von allen Behauptungen, die man über die Schweiz hört, ist jene am schwierigsten zu überprüfen, wie unfreundlich die Menschen hier seien. "Es ist sehr schwierig, hier Freundschaften zu schliessen", schrieb Leserin Caroline. "Es ist ein so erstaunliches Land, aber es fehlt an Wärme."

Es habe vielleicht mit Traditionen und Bräuchen zu tun, dass es Schweizerinnen und Schweizer schwer fällt, Freundschaften mit Menschen aus anderen Kulturen zu schliessen, sinnierte ein Leser namens James.

Doch sollte man dabei bedenken, was während der Pandemie geschah: Die Tessiner öffneten ihre Häuser für Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus Italien, und Freiwillige aus dem ganzen Land halfen den am meisten gefährdeten Menschen in ihrer Gemeinde bei Besorgungen oder riefen sie an, um ihnen das Gefühl der Isolation zu vertreiben.

Unfreundliche Schweizerinnen und Schweizer? Zumindest während der grössten Krise des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg fehlte es nicht an menschlicher Wärme und an kulturübergreifender Reichweite.

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