Wie hier in Moskau am 25. April sind die Uhrengeschäfte auf der ganzen Welt geschlossen. Keystone / Maksim Blinov

Das Coronavirus versetzt der Schweizer Uhrenindustrie einen sehr harten Schlag. Die Branche könnte 2020 die bedeutendste Krise ihrer Geschichte erleben. Experten sind aber zuversichtlich, dass sich die Uhrmacher von diesem Einbruch erholen können, wie sie es in der Vergangenheit schon oft taten.

In den letzten Wochen herrschte in den Uhrenwerkstätten des Landes tödliche Stille. Fast alle Produktionslinien wurden gestoppt, die Beschäftigten aufgefordert, zu Hause zu bleiben und auf bessere Tage zu warten. "Von den 50'000 Beschäftigten, die im Vertragsbereich der Branche arbeiten, befinden sich 40'000 in Kurzarbeit. Das ist beispiellos in der Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie", sagt Ludovic Voillat, Sprecher des Arbeitgeberverbandes der Schweizerischen Uhrenindustrie (CP).

Der Lockdown für einen grossen Teil der Bevölkerung, die Schliessung von Geschäften und die Unmöglichkeit zu reisen, schaden dem Verkauf von "Swiss Made"-Uhren in allen Teilen der Welt. Gemäss einem Anfang April veröffentlichten Bericht der Bank Vontobel wird erwartet, dass die Exporte der Branche in diesem Jahr um 25% zurückgehen werden, also um mehr als während der Quarzkrise (-15,2% im Jahr 1975) und der Subprime-Krise im Jahr 2009 (-22%).

Eine Analyse von Olivier Mueller, Uhrmacher-Experte bei LuxeConsult, kommt zu folgendem Schluss: "Der Umsatz der Branche könnte in diesem Jahr um durchschnittlich 20% zurückgehen. Mengenmässig werden wir mit voraussichtlich weniger als 16 Millionen verkauften Uhren auf das Niveau von 1945 zurückfallen", sagt er gegenüber swissinfo.ch.

Kleine Marken und Zulieferbetriebe gefährdet

In dieser beispiellosen Krise, die eines der Flaggschiffe der Schweizer Exportindustrie trifft, sitzen nicht alle im gleichen Boot. Renommierte Marken wie Rolex, Patek Philippe, Audemars Piguet und Omega dürften den Sturm ohne allzu grossen Schaden überstehen, während viele kleine unabhängige Marken in den kommenden Monaten zur Schliessung gezwungen sein könnten.


"Zwischen 30 und 60 Marken von 'Swiss Made'-Uhren – von insgesamt 350 – werden den Einbruch nicht überstehen", prognostiziert Mueller. "Gemäss meiner Zählung hat seit Beginn der Krise bereits ein Dutzend Uhrenhersteller Konkurs angemeldet".

Auch Subunternehmer laufen Gefahr, irreversible Schäden zu erleiden. Denn zu der globalen Rezession, die ein mit der Ölkrise der 1970er-Jahre vergleichbares Ausmass zu erreichen droht, kommen grosse strukturelle Probleme hinzu.

Und der Trend der Smartwatches setzt schon seit einigen Jahren vor allem jenen "Swiss Made"-Marken zu, die im unteren Preissegment tätig sind. "Der Volumenrückgang, der sich mit dieser Krise weiter beschleunigt hat, trifft die Zulieferer, die eine der Säulen unserer Industrie sind", befürchtet Olivier Müller.

Wie viele Arbeitsplätze gehen verloren?

Zu befürchten ist, dass Arbeitsplätze und ein Teil des Know-hows verloren gehen. "Wir können uns nur schwer vorstellen, wie die Schweizer Uhrenindustrie diese Krise ohne grössere soziale Schäden überstehen soll", sagt Raphaël Thiemard von der Gewerkschaft Unia. Zwar wenden sich die meisten Unternehmen vorerst von der Krise ab, indem sie massiv auf Kurzarbeit zurückgreifen, aber Entlassungswellen bis Ende des Jahres scheinen unvermeidlich zu werden.

Dies umso mehr, als die Teilzeit-Arbeitenden, die bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten als erste entlassen werden, bereits Ende letzten Jahres die Hauptlast des deutlichen Rückgangs der Exporte nach Hongkong, dem führenden Zielmarkt für Schweizer Uhren, getragen hatten. "Während der Krise 2009 hatte die Branche etwas mehr als 4000 dauerhafte Arbeitsplätze verloren. Bei der aktuellen Krise müssen wir mit einer ähnlichen Entwicklung rechnen. Es ist aber schwierig, präzise Vorhersagen zu machen, weil es zu viele Unsicherheiten gibt", sagt Voillat.

Alles wird vor allem davon abhängen, wie schnell die Wirtschaft auf den asiatischen Märkten wieder in Gang kommt. In China gibt es mit dem allmählichen Ende des Lockdowns erste Anzeichen für eine Erholung. Aber ein echter Aufschwung ist nicht vor Ende des Sommers zu erwarten.

Warten auf "positive Emotionen"

Die Bank Vontobel geht von einer deutlichen Erholung im Jahr 2021 aus, mit einer Exportsteigerung von voraussichtlich rund 15%. Aber der Markt könnte gesättigt sein, weil die meisten Marken die Präsentation ihrer neuen Modelle um ein Jahr verschoben haben.

"Die Schweizer Industrie hat wiederholt ihre Widerstandsfähigkeit und ihre Fähigkeit, sich zu erholen, unter Beweis gestellt", sagt Gewerkschafter Thiemard. "Ihre Hauptstärke liegt darin, die Produkte weltweit zu exportieren. Das wurde bei der Krise in Hongkong sichtbar: Wenn ein Markt in Schwierigkeiten ist, wird er von anderen Märkten abgelöst, in diesem Fall von China, Japan oder den USA".

Die Botschaft, die Jean-Daniel Pasche, Präsident des Verbandes der Schweizerischen Uhrenindustrie, vor kurzem an die Uhrenfirmen und -verbände des Landes gerichtet hat, zielt in die gleiche Richtung: "Ich hoffe sehr, dass unsere Unternehmen diese problematische Zeit überstehen, ohne zu sehr in Mitleidenschaft gezogen zu werden, um in besseren Zeiten wieder voll einsatzfähig zu sein: Die Schweizer Uhrmacherei wird in der Tat dann präsent sein, wenn die Menschen wieder positive Emotionen empfinden können und sich selbst etwas Gutes tun wollen".

Jura und die Alpen sind von der Krise besonders betroffen

Als Wiege der Schweizer Uhren- und Mikrotechnikindustrie dürfte der Jurabogen besonders unter der durch Covid-19 verursachten Wirtschaftskrise leiden. Zu diesem Schluss kommt eine letzte Woche vorgestellte Studie der UBS. Stark betroffen sei aber auch die Ostschweiz, die viele Industrie-Arbeitsplätze habe, sowie die Alpenkantone Graubünden und Wallis, die unter der faktischen Lähmung des Tourismus litten.

Grosse städtische Zentren wie Zürich, Basel, Genf und Bern, die vom Tourismus und industrienahen Aktivitäten nicht so stark abhängig sind, dürften zwar weniger betroffen sein, aber einer Rezession trotzdem nicht entgehen können. Die Schweizer Wirtschaft wird gemäss Prognose des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) im Jahr 2020 voraussichtlich um 6,7% schrumpfen, die stärkste Abschwächung seit 1975.


End of insertion

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen