Bewährungsprobe für Gotthard
Über die Ferientage blieb der Zweistundentakt für LKW unterschritten. Für diese Woche befürchten Camionneure ein Chaos, und am 23. Januar gibt es Protestaktionen.
Dass der Verkehrsfluss am Gotthard fragil ist, zeigte sich am vergangenen Mittwoch. Autofahrer, die nach einem Unfall aus Neugier im Tunnel langsam an der Unfallstelle vorbeifuhren, verursachten Staus, sagte Karl Egli, Mediensprecher der Verkehrspolizei Uri, am Freitag.
Auch ein Pannenfahrzeug im Tunnel, starke Schneefälle oder einfach viele Fahrzeuge können den Verkehr zum Erliegen bringen. Letzteres habe nichts mit der neuen Verkehrsführung zu tun, welche nach der Wiedereröffnung des Gotthardtunnels am 22. Dezember eingeführt wurde, betonte Egli. Ob sich dieses neue System bewährt, werde sich ab Montag zeigen.
Zweistundentakt
Mit der neuen Verkehrsführung wird der Schwerverkehr im Zweistundentakt in einer Richtung durch die Röhre geleitet. Diese Massnahmen seien über die Feiertage dem Verkehrsaufkommen angepasst worden, sagte Herbert Planzer von der Urner Kantonspolizei.
So durften die Lastwagen bis zur Zunahme des LKW-Verkehrs den Tunnel auch in kürzeren Intervallen passieren, da es wenig Verkehr gab. Am Mindestabstand von 150 Meter wurde festgehalten. Erfahrungsgemäss nehme jedoch der Schwerverkehr im Januar und Februar zu, wenn bei vielen Transportfirmen die Betriebsferien zu Ende gehen, sagte Planzer.
Noch keine Erfahrungen
Die Dosierstellen in Amsteg (UR) und Quinto (TI), an denen die Laster bis zur Durchfahrt warten müssen, bieten jeweils Platz für 150 LKW. Zusätzlich stehen Warteräume in Nidwalden und Luzern bereit.
Bisher habe man aber noch keine Erfahrung mit dem neuen Verkehrsführungs-System an normalen Werktagen. Vor dem Unfall fuhren rund 5000 LKW durch den Tunnel. Mit der neuen Verkehrsführung werden es rund 3500 sein. «Die Camionneure werden an der Grenze auf die Verkehrssituation hingewiesen», sagte Egli. Man hoffe, dass die Situation so gemeistert und Staus verhindert werden können.
Kritische Stimmen
Kritisch tönt es beim Schweizerischen Nutzfahrzeugverband ASTAG. «Wir befürchten, dass diese Situation mit dem Einbahnregime und den Stauplätzen zum Chaos führen wird», sagte Beat Keiser, Mediensprecher des ASTAG am Freitag.
Keiser rechnet bei der Rückkehr zum Alltagsverkehr mit massivem Stau. Es sei nötig, den Transitverkehr vermehrt auf die Schiene zu verlagern. Denn im Unterschied zu den ausländischen Camionneuren können die inländischen ihre Route nicht wählen.
«Man muss die Situation im Frühling neu beurteilen und Sicherheits-Massnahmen technischer Art einführen», sagte Keiser. Es sei zudem gefährlich, die Lastwagen auf der Autobahn warten zu lassen.
Die italienischen Transporteure fühlen sich diskriminiert. Für den 23. Januar haben sie deshalb friedliche Proteste in Ponte Chiasso und am Brenner angesagt. Beim Montblanc jedoch schliessen sie eine Blockade der Autobahn nicht aus, falls die Fahrtrichtungsänderung mit dem Frejus eingeführt werden sollte.
Paolo Uggé, Generalsekretär der italienischen Conftransporto, ärgert sich heftig über die Schweiz: «Die Schweiz hat offenbar ein Interesse daran, Geld zu machen. Von Schweizer Seite will man die Situation ausnützen. Sie wendet sich gegen den freien Transport von Waren.»
Gemäss Uggé führen die vom Bundesrat beschlossenen Massnahmen wie alternativer Transit und 150-Meter-Sicherheitsabstand noch mehr ins Verkehrschaos. «Will man wirklich Sicherheit», so Uggé, «soll man den Schwer- vom Personenverkehr trennen.»
«Den Transportunternehmen ist es unter diesen Umständen nicht mehr möglich, Kosten zu kalkulieren, um Preise zu berechnen», meint Giorgio Colato, Präsident der Transporteure der Provinz Como. «Wir können unserer Kundschaft die langen Stehzeiten auf den Strassen nicht als Aufwand berechnen.» Die Italiener lehnen die Schweizer Massnahmen ab und schlagen einen Einbahnverkehr durch den Gotthard einerseits und über den San Bernardino andererseits für alle Fahrzeuge vor.
swissinfo, Agenturen und Libero D’Agostino (übers.)
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