CO2-Senken der Wälder «nur ein Rückhalt auf Zeit»
Die Bedeutung von Wäldern als CO2-Speicher ist wissenschaftlich kaum abschätzbar. Zwar binden die Schweizer Wälder rund zehn Prozent der inländischen Treibhaus-Emissionen - allerdings ist es langfristig eine Mogelpackung.
Der Fachbegriff der «CO2-Senken» ist seit der Klimakonferenz vor einigen Wochen in Bonn immer wieder zu hören: Weil Pflanzen (vor allem Bäume) CO2 binden, sollen Wälder sozusagen als Pluspunkte angerechnet werden können bei der Reduktion der Treibhaus-Emissionen.
Die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf (WSL) hat am Mittwoch (15.08.) nun einen Überblick über bisherige Untersuchungen vorgelegt. Die Schlussfolgerung aus Erhebungen von 1985 und 1995: In dieser Zeit haben die Wälder 1,2 bis 1,5 Mio. Tonnen Kohlenstoff gebunden. Dies entspricht acht bis zehn Prozent der gegenwärtigen Treibhaus-Emissionen der Schweiz.
Zahlenmässig wäre also – wenn man die Senken berücksichtigen würde – das Problem gelöst, die Schweiz hätte rechnerisch ihre Emissions-Reduktion bereits erreicht. Allerdings: Die Realität ist komplexer, diese Rechnung dürfe nicht einfach so gemacht werden, warnt Mario Broggi, Direktor der WSL.
Mehr und älterer Wald
«Die Schweiz hat während dieser Zeit von einer Waldvermehrung profitiert», erklärte Broggi gegenüber swissinfo. «Zudem wurde der Wald älter. Das hält Einiges zurück.» Aber es sei bloss ein Rückhalt auf Zeit, langfristig sei der Wald bezüglich CO2 neutral.
Bei Extrem-Ereignissen wie beim Sturm Lothar im Dezember 1999 werde zudem rasch sehr viel CO2 freigesetzt – der Wald sei also nicht bloss Senke, sondern auch CO2-Quelle, führt Broggi weiter aus.
Ein Beitrag auf Zeit
«Wir mogeln uns herum, wenn wir nicht runterfahren mit der Luftverschmutzung», so die klare Äusserung des Umweltfachmanns. «Der Wald kann kurzzeitig einen Beitrag leisten – beispielsweise bis wir technologisch fit sind.»
Wieviel die in Bonn akzeptierten Senken schlussendlich ausmachen dürfen und wie sie exakt zu berechnen sind, da will die Schweiz auf dem internationalen Politparkett mitreden. Entsprechend soll die Forschung über CO2-Bindung des Waldes intensiv weiter geführt werden. «Zurzeit laufen Diskussionen mit Fachleuten in anderen europäischen Ländern. Es ist zwingend, dass bei diesen Fragen zumindest mal die europäischen Staaten an einem Strick ziehen».
Eva Herrmann
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