Krankenkassen: Prämienspirale dreht weiter
Die Krankenkassenprämien in der Schweiz steigen im kommenden Jahr erneut um fast zehn Prozent.
Innenministerin Ruth Dreifuss befürchtet eine Zweiklassenmedizin, sollte das heutige Gesundheitssystem umgekrempelt werden.
Die Befürchtungen, im Jahr 2003 mehr für die obligatorische Krankenversicherung bezahlen zu müssen, haben sich bestätigt. Bundesrätin Ruth Dreifuss bezeichnete die durchschnittliche Erhöhung um 9,6% als «mehr als besorgniserregend».
Die Prämienerhöhungen schwanken zwischen 5,5% im Kanton Jura und 13,45% im Kanton Graubünden. Damit variieren die Durchschnittsprämien zwischen 173 Franken in den beiden Appenzeller Kantonen und 389 Franken im Kanton Genf. Im gesamtschweizerischen Mittel müssen die erwachsenen Versicherten monatlich 270 Franken für ihre Krankenversicherung aufwenden.
Schockierende Vorschläge
Die mit dem Krankenversicherungsgesetz (KVG) erreichte Solidarität und Grundversorgung dürfen laut Ruth Dreifuss nicht geopfert werden. Die Vorschläge des Krankenkassen-Verbandes santésuisse, die Prämien für über 50-Jahrige zu erhöhen, bezeichnete sie als «schockierend»: «Dem Einkommen muss Rechnung getragen werden, nicht dem Alter.»
Eine Systemanpassung dürfe die unbestrittenen sozialen Errungenschaften des KVG nicht beeinträchtigen, sagte Dreifuss. Sie warnte vor «allzu einfachen Lösungen», die schlussendlich in eine Zweiklassenmedizin mündeten.
Das Bundesamt für Sozialversicherungen bietet für das Jahr 2003 erstmals ein Infoangebot an. Das Netzwerk Prämienoptimierung offeriert auch via Internet Informationsblätter und Musterbriefe.
Schweiz auf Spitzenplatz
Im internationalen Vergleich liegt die Schweiz bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf hinter den USA auf Platz zwei. Dies zeigt ein Papier des Departements des Innern (EDI).
In den USA kostet die Gesundheitsversorgung ein Drittel mehr als in der Schweiz. EU-Länder wie die Niederlande, Dänemark und Finnland kommen aber mit 50% bis 75% der schweizerischen Kosten aus.
1998 betrugen die Gesundheitskosten in der Schweiz 10,4% des Bruttoinlandproduktes (BIP). In Europa kommt allein Deutschland mit 10,3% auf einen ähnlich hohen Wert.
Schwieriger Vergleich
Es ist schwierig, Krankenkassen-Prämien verschiedener Länder miteinander zu vergleichen. Zu unterschiedlich sind die Versicherungsmodelle, Franchisen und Leistungen, um klare Aussagen zu machen.
Das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) hat es trotzdem versucht, und Länder mit einem ähnlichen «Katalog» gefunden, die mit der Schweiz vergleichbar sind: Frankreich, Deutschland, Israel, Luxemburg und die Niederlande.
Ungenügende Noten
Eine Untersuchung des Tessiner Professors Gianfranco Domenighetti kommt zum Schluss, dass «international gesehen die Leistungsfähigkeit des schweizerischen Gesundheitssystems im Verhältnis zu den anfallenden Kosten als ungenügend angesehen werden muss».
Mit etwa halb so hohen Kosten wie die Schweiz würden Schweden, die Niederlande und Belgien über eine bessere Leistungsfähigkeit im Gesundheitsbereich verfügen, heisst es weiter.
Das schweizerische Gesundheitssystem könne nicht als leistungsfähig angesehen werden, «wenn Länder mit 50% weniger Kosten pro Person bessere Indikatoren der Gesundheit und der Zufriedenheit ihrer Bevölkerung erzielen».
swissinfo, Christian Raaflaub und Agenturen
2003: 9,6% höhere Durchnittskosten der Grundversicherung.
Günstigste Kantone: Beide Apenzell (173 Fr./Mt).
Teuerster Kanton: Genf (389 Fr./Mt)
Die Gesundheitskosten in der Schweiz sind nach den USA weltweit am höchsten.
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