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Swissair-Schicksal hängt weiterhin in der Luft

Ständerats-Debatte wurde von Swissair-Angestellten auf der Tribüne verfolgt. Keystone

Die Liquidität der Swissair ist und bleibt prekär. Der Bund muss möglicherweise noch mehr Geld in die marode Airline stecken. Das Schweizer Parlament tritt auf Antrag der SP am 16. und 17. November zu einer ausserordentlichen Swissair-Session zusammen.

Genügen die 450 Mio. Franken des Bundes für die Swissair? Diese viel gestellte Frage beantwortete am klarsten Finanzminister Kaspar Villiger. Im Ständerat, der Kleinen Parlaments-Kammer, erklärte Villiger am Donnerstag, die Rettungsaktion sei nicht abgeschlossen. Das Ziel sei bei weitem nicht erreicht. Der Weg sei «noch immer voll Risiken», ein Scheitern weiterhin nicht auszuschliessen.

«Vielleicht braucht es noch mehr Zuschuss», kündigte er an und betonte, er wolle das Parlament nicht in Sicherheit wiegen. «Das, was wir heute gemacht oder gestern beschlossen haben, das ist nur ein erster Schritt. Aber ich weiss nicht, ob das nur fünf oder sechs oder sieben Prozent der Aufgabe sind. Die Hauptaufgabe ist noch zu leisten, von allen zusammen», mahnte der Finanzminister. Misslingt der Übergang zu einer lebensfähigen Airline, kommt es laut Villiger zu einem «zweiten, wohl endgültigen Crash».

Bundesrat zahlt und setzt Prioritäten

Der Bundesrat will alles daran setzen, eine nationale Fluggesellschaft mit Flughafen und Drehscheibe (Hub) zu erhalten, die nicht rote Zahlen schreibt. Dies erklärte Bundespräsident Moritz Leuenberger nach einer fünfstündigen Bundesratssitzung am Freitag. Der Bundesrat habe es nicht nur mit der Krise einer Flugesellschaft zu tun, sondern mit einer Krise das ganzen Landes. Es gebe nur eine Lösung: Die Crossair wird etabliert und übernimmt in reduziertem Umfang Interkontinental-Flüge der Swissair.

Das Ende des traditionsreichen Unternehmens Swissair gehe dem Bundesrat sehr nahe, sagte Leuenberger. Es werde schmerzhafte Auswirkungen auf die Angestellten haben. Leuenberger appellierte an die Grossbanken UBS und CS, Hand zu gerechten Sozialplänen zu bieten. Das staatliche Sozialnetz werde voll zum Tragen kommen, sagte Leuenberger.

Laut Finanzminister Kaspar Villiger hat der Bundesrat klare Prioritäten gesetzt: Vorrang habe die Sicherstellung eines geordneten Flugbetriebs auf den schweizerischen Flughäfen. Die vom Bundesrat genehmigten 450 Mio. Franken an Überbrückungshilfe für die Swissair sollen am Freitag überwiesen werden. Damit solle der möglichst rasche Aufbau eines für Kurz-, Mittel- und Langstrecken leistungsfähigen Flugunternehmens auf der Basis der Crossair ermöglicht werden, sagte Villiger. Unter Leitung des Bundes werde eine Task Force gebildet, in der auch die beiden Grossbanken, die Swissair und die Crossair vertreten seien.

Gleichentags hat der Bundesrat die Kriegsversicherungs-Deckung für die Schweizer Airlines bis zum 25. Oktober verlängert. Die Gesellschaften bleiben damit weiterhin in der Lage, weltweit ihre Flugdienste anzubieten.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September in den USA hatten die internationalen Vesicherungen die Kriegsversicherungs-Deckung (einschliesslich Terror und Entführung) für Dritthaftpflicht-Schäden am Boden auf 50 Mio. Dollar und auf ein Ereignis innerhalb der gesamten Flotte beschränkt.

Ausserordentliche Swissair-Session

Am 16. und 17. November tritt das Schweizer Parlament zu einer ausserordentlichen Swissair-Session zusammen. Dies haben die Büros der eidgenössischen Räte am Freitag auf Verlangen von 60 Mitgliedern des Nationalrates beschlossen.

Gefordert wurde die ausserordentliche Session von der SP-Fraktion und den Grünen. Behandeln sollen die Räte die SP-Motion zum Erlass einer dringlichen «Lex Swissair», weitere Vorstösse und den Budgetnachtrag mit der Überbrückungshilfe von 450 Mio Franken.

Hickhack unter Protagonisten der Swissair-Krise

Die Bank- und Airline-Manager, die am vergangenen Montag eine Lösung zur Rettung einer nationalen Fluggesellschaft versprochen hatten, überdecken ihr offensichtliches Versagen in immer härteren gegenseitigen Vorwürfen. In einem am Freitag veröffentlichten Interview der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) bezeichnete Swissair-Chef Mario Corti den Rettungsplan «Phoenix» als Komplott.

«Ich bin zutiefst betrübt, dass das sinnvolle Konzept, die Aktivitäten von Swissair und Crossair aus einer Hand zu führen, derart zerstört worden ist», sagte Corti. Er habe sich Ende letzter Woche betrogen gefühlt, als ihm die Lösung diktiert worden sei. In einem «Blick»-Interview kritisierte er zudem die fehlende soziale Verantwortung der Bankiers. Als unhaltbar bezeichnete Corti die Darstellung der Grossbank UBS, wonach die Swissair am vergangenen Dienstag genügend Geld zur Fortsetzung des Flugbetriebs gehabt hätte.

UBS-Präsident Marcel Ospel wiederholte seine Position in einem «Cash»-Interview und sagte: «Es ist mir völlig schleierhaft, warum Corti zu diesem Zeitpunkt den Flugbetrieb eingestellt hat.»

Auch zwischen Crossair und Swissair, die eigentlich für einen geordneten Übergang von Teilen des Fluggeschäfts in die neue Gesellschaft sorgen sollten, liegt der Haussegen mehr als nur schief. Moritz Suter hatte am Donnerstag im Namen des Crossair-Verwaltungsrats eine Breitseite gegen Corti abgefeuert. An den Protestkundgebungen des Swissair-Personals war umgekehrt die Crossair angefeindet und ausgebuht worden.

Lukas Mühlemann, Präsident der Credit Suisse Group, setzte unterdessen seine Strategie fort, sich aus dem Blickpunkt der öffentlichen Kontroverse zu nehmen. Er verabschiedete sich am Donnerstag aus dem Verwaltungsrat der SAirGroup unter Hinweis auf die möglichen Interessens-Konflikte.

Immer noch reduzierter Flugbetrieb

Der Flugbetrieb der Swissair lief auch am Freitag nur auf reduzierten Touren. Man hoffte, etwa die Hälfte der planmässigen Flüge abwickeln zu können und im Laufe des Tages Zugriff auf die 450 Bundesmillionen zu erhalten. Die Crossair übernimmt weiterhin Flüge der Swissair.

Im Ausland sitzen zum Teil immer noch Flugzeuge und Passagiere sowie auch Crew-Mitglieder fest. In Tokio etwa warten drei Swissair-Angestellte auf den Rückflug in die Schweiz. Swissair-Piloten können gewisse Destinationen nur noch mit Taschen voller Bargeld anfliegen, um Leistungen wie etwa Flugbenzin oder die Beladung von Flugzeugen abzugelten.

Inzwischen rufen die Swissair-Personalverbände zusammen mit der Glückskette zu Spenden auf. Das eingegangene Geld soll dem Swissair-Personal in Härtefällen zukommen, wenn zum Beispiel die Löhne nicht mehr ausbezahlt werden können. Das Spendekonto der Glückskette lautet: 10-1500-6, Vermerk «Sozialhilfe Swissair».

Jean-Michel Berthoud und Agenturen

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