Wirtschaft auf Talfahrt
Vor dem Hintergrund einer allgemeinen Konjunktur-Abkühlung haben die Schweizer Unternehmen im Jahr 2001 ihre Belegschaft reduziert. Kaum ein Sektor blieb vom Stellenabbau verschont.
«Die Entwicklung geht auf die Konjunktur-Schwäche zurück, aber sie zeigt zugleich einen grundsätzlichen Trend auf: Unternehmen warten eine Rezession nicht mehr ab, sondern sie bauen schon im voraus Stellen ab», erklärte der Genfer Wirtschaftsprofessor Yves Flückiger.
Mehr Kurzarbeit
Die konjunkturelle Verschlechterung spiegelt sich auch in der Statistik: Die Arbeitslosenquote in der Schweiz ist im zweiten Halbjahr erstmals wieder gestiegen und hat im November mit 2,1 Prozent den höchsten Stand seit April 2000 erreicht.
Die Kurzarbeit ist auf einen Rekordstand geklettert. Die Zahl der betroffenen Personen hat sich im Oktober gegenüber dem Vormonat auf 4641 Personen praktisch verdoppelt. Gemäss Boris Zürcher, der im Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) für die Arbeitsmarktpolitik zuständig ist, bildet die Kurzarbeit einen Vorläufer-Indikator. «Die Unternehmen ziehen erst Kurzarbeit vor, bevor sie Angestellte entlassen», sagte er.
Swissair an der Spitze
In der Schweiz haben sich die Abbau-Massnahmen nach den Terroranschlägen vom 11. September und dem Zusammenbruch der Swissair stark verschärft. Hauptbetroffen waren die Luftfahrt- und die Tourismusbranche.
Die Pleite des Luftfahrtkonzerns hatte in der Schweiz bislang 3800 Entlassungen zur Folge. Die Zürcher Behörden erwarten, dass aufgrund des Swissair-Debakels – im günstigsten Fall – landesweit rund 10’000 Stellen verschwinden werden.
Die Hälfte des Abbaus dürfte bei der Swissair Group erfolgen, der Rest bei Zulieferfirmen und weiteren Gesellschaften um den Zürcher Flughafen.
Exportindustrie betroffen
Exportbranchen spürten die weltweite Konjunkur-Verlangsamung deutlich. «Exportfirmen haben sich dem Einbruch weniger gut entziehen können als die auf den Binnenmarkt orientierten Unternehmen», sagte der seco-Experte Boris Zürcher.
Besonders betroffen sind die Maschinen- und die Metallindustrie, die nach neun Monaten im Jahr 2001 einen Auftragsrückgang von 10 Prozent hinnehmen mussten. Gemäss den von der Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen (SMUV) im November veröffentlichten Zahlen hat die Branche 3700 Arbeitsplätze gestrichen, davon 2500 in der Deutschschweiz.
Obwohl die Chemie- und Pharma-Branche konjunkturell besser dasteht, hat sie ebenfalls Restrukturierungen vorgenommen. Im letzten Sommer haben Clariant die Streichung von 1000 Arbeitsplätzen und Ciba Spezialitätenchemie den Abbau von 450 Stellen angekündigt. Roche entschied sich Ende Mai sogar zu einem Abbau von weltweit 3000 Arbeitsplätzen, davon 600 in der Schweiz.
Einbruch der New Ecomomy
Auch der Dienstleistungs-Sektor, der Wachstumsmotor der letzten vier Jahre, hat scharfen Gegenwind erhalten. Der Einbruch der New Economy hat vor allem die Telekommunikation in Mitleidenschaft gezogen. Diese hat massiv Kapazitäten reduziert, nachdem sie in den Vorjahren einen beispiellosen Boom verzeichnet hatte.
Dabei hat der schweizweit führende Kabelnetzbetreiber Cablecom einen Abbau von 250 bis 300 seiner insgesamt 1900 Stellen angekündigt. Sunrise schloss nach der Fusion mit Diax eine Streichung von 500 Stellen zumindest nicht aus.
Bei den Ausrüstern hat Siemens in der Schweiz rund 100 Stellen abgeschafft. Ericcson hat 40 Personen entlassen. Die Berner Ascom-Gruppe streicht sogar 1100 von rund 10’000 Arbeitsplätzen. Allein in der Schweiz beträgt der Rückgang 400 Stellen.
Gravierend war der Markteinbruch für die im Hablbleiter-Sektor tätigen Firmen. In der Folge kündigte Esec die Entlassung von 250 Personen an. Die Schweiter-Tochter Ismeca baute 140 und die Swatch- Tochter EM Marin 40 Stellen ab.
Banken-Sektor mitbetroffen
Auch der Banken-Sektor hat die harte Landung der Weltwirtschaft zu spüren bekommen. In der Schweiz kündigte die Zürcher Kantonalbank ZKB, die 4100 Angestellte zählt, Ende November den Abbau von bis zu 450 Stellen an.
Die in Genf ansässige Union Bancaire Privée (UBP), die tausend Personen beschäftigt, hat im Juli einen Stellenreduktion um 10 Prozent angekündigt.
Die Credit Suisse First Boston (CSFB), die Investment-Tochter der Credit Suisse Group, rationalisierte vor allen in den USA: Rund 2000 Stellen hat sie im vergangenen Jahr gestrichen.
swissinfo und Anne Césard (sda)
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