«Arafat bewunderte die Schweiz»
Jassir Arafat ist tot. Annick Tonti, die während 7 Jahren das DEZA-Büro in Gaza (Palästina) leitete, erinnert sich im Gespräch mit swissinfo an den Raïs.
Der historische Palästinenserführer schwebte im Spital von Percy bei Paris über eine Woche lang zwischen Leben und Tod.
Tonti leitete von 1994 bis 2001 das Büro der Schweizer Direktion für Enwticklung und Zusammenarbeit (DEZA) in Jerusalem. Gleichzeitig war sie offizielle Vertreterin der Schweizer Regierung bei der palästinensischen Autonomiebehörde.
In dieser Funktion hat sie Jassir Arafat mehrere Male persönlich getroffen. Sie hat ihn als charmanten, aber widersprüchlichen Gesprächspartner erlebt, der zwar zuhören konnte, aber dann an seinen Überzeugungen festhielt.
swissinfo: Wie reagieren Sie auf den Tod von Jassir Arafat?
Annick Tonti: So wie vermutlich viele Palästinenser: Man hat Arafat viel kritisiert, besonders in den letzten Jahren, aber jetzt, im Moment seines Todes, trauert man um ihn.
Man wird sich gewahr, dass er eine wichtige Rolle spielte, und mit einem Mal ist er weg. Zurück bleibt das Gefühl, dass die Welt, und insbesondere das palästinensische Volk, einen Verlust erlitten hat.
swissinfo: Wer leidet am meisten unter diesem Verlust?
A. T.: In einer ersten Phase alle Palästinenser, sogar seine ärgsten Feinde. Denn er war eine sehr charismatische Figur. Auch wenn man ihn bekämpfte, verkörperte er eine gewisse Einheit des palästinensischen Volkes.
Ein palästinensischer Freund sagte mir: «Wir werden ihn alle vermissen, aber sein Tod ist auch eine Chance für Palästina, dass etwas Neues beginnen kann.»
swissinfo: Kann sein Verschwinden die palästinensischen Gebiete nicht ins Chaos stürzen?
A.T.: Kaum sofort. In einer moslemischen Gesellschaft gibt es eine 40-tägige Trauerzeit. Ich bin fast sicher, dass das palästinensische Volk während dieser Zeit geeint sein wird.
Danach aber könnte tatsächlich eine chaotische Phase mit Machtkämpfen anbrechen. Eventuell bleibt aber auch die palästinensische Solidarität, welche nach seinem Tod überall spürbar ist, weiter bestimmend – quasi im Gedenken an Arafat.
swissinfo: Sie haben ihn mehrmals getroffen. Welches sind Ihre Erinnerungen an diesen Menschen?
A. T.: Er war ein äusserst charismatischer Mensch, sehr herzlich, versehen mit einer natürlichen Freundlichkeit, mit der er seine Gäste umsorgte.
Nach einer gewissen Zeit aber, so etwa nach einer Stunde, schob sich jeweils ein zweiter Eindruck in den Vordergrund: Derjenige eines Menschen, der nicht mehr zuhört, sondern seine eigenen Gedanken und Ideen vertritt.
Überbrachte ich ihm eine Botschaft, hatte ich beim Verlassen seines Büros den Eindruck, dass er es war, der mir eine Botschaft mitgab.
swissinfo: Gibt es eine besondere Erinnerung?
A. T.: Es gab da einmal ein Treffen mit ihm, das für mich besonders schwierig war, weil ich ihn im Namen der Schweiz auf die Menschenrechte und namentlich auf die Situation in den palästinensischen Gefängnissen ansprechen musste. Das Thema war ihm sichtlich ungenehm.
Er hörte mir die ganze Zeit zu, fast wie ein Kind, das man bestraft, und das ehrfürchtig zu seiner Mutter aufschaut. Als ich fertig war, hat er mich umarmt und gesagt: «Hören Sie Oukthi (meine Schwester auf arabisch), ich habe es jetzt gehört, aber ich will das nie mehr hören, fertig.» Und das alles wieder in seinem gewohnten Ton voller Freundlichkeit.
swissinfo: Was hielt er von der Schweiz und ihrer Rolle im Nahen Osten?
A. T.: Schwer zu sagen, denn er war nicht einer, der seine Gedanken und Meinungen mitteilte, schon gar nicht fremden Gesprächspartnern.
Ich denke aber, dass er einen tiefen Respekt gegenüber der Schweiz hatte. Oft sagte er: «Ihr könnt uns verstehen. Ihr seid auch ein kleines Land, eingeschlossen in der Mitte Europas, mit verschiedenen Sprachen und Religionen.»
Er bewunderte die Schweiz, er sagte auch, dass er die Schweiz gern zum Vorbild nehmen würde.
Die Rolle der Schweiz, nicht nur in Palästina, sondern in der ganzen Region, hat er sehr begrüsst. Denn wir wollten ihn in seinen Entscheiden nicht beeinflussen, sondern ihn dort unterstützen, wo es uns gerechtfertigt erschien. Er mochte die Schweiz auch, weil sie keine ehemalige Kolonialmacht war.
swissinfo: War das Schweizer Engagement in Palästina in seinen Augen ausreichend?
A.T.: Ja. Er hat sich immer wieder bei der Schweiz dafür bedankt, dass sie als kleines Land zu den wichtigsten Unterstützern gehörte. Er sprach das anlässlich von Besuchen von Schweizer Parlaments-Delegationen aus, aber auch bei den Besuchen der beiden Schweizer Aussenminister Flavio Cotti und Joseph Deiss.
swissinfo: Wie hat Arafat die Genfer Initiative aufgenommen?
A. T.: Zuerst schlecht. Er wurde erst spät informiert, als der ganze Prozess schon am Anlaufen war. Er hat sich geärgert, weil er es gewohnt war, dass die Autorität bei ihm lag.
Er fragte, weshalb diese neue Initiative, und weshalb ihm niemand etwas gesagt habe, während einige seiner ehemaligen Minister involviert waren.
Trotzdem schickte er dann einen Repräsentanten nach Genf zur Vorstellung der Initiative. Damit drückte er aus, «Ja, ich stehe auch hinter der Initiative, aber ich bin nicht persönlich anwesend, weil ich verärgert bin.»
Die Schweiz machte sich dann zur Aufgabe, ihm das Vorgehen und den Inhalt der Initiative zu erklären. Dazu lud sie Nabil Schath, damals Planungsminister und heutiger Aussenminister Palästinas, nach Genf ein. Er setzte dann Arafat direkt ins Bild.
Von da an unterstützte Arafat die Genfer Initiative, aber er hat sich nie stark dafür eingesetzt. Dazu muss man aber auch sagen, dass sich seine Gesundheit bereits zu verschlechtern begann.
swissinfo Interview, Kamel Dhif
(Übertragung aus dem Französischen: Renat Künzi)
Jassir Arafat wurde am 24. August 1929 in Kairo geboren.
Nach der Niederlage im Sechstage-Krieg wurde er Führer der Organisation zur Befreiung Palästinas (PLO).
1988 verkündete Arafat vor der UNO, dass die PLO auf den bewaffneten Kampf verzichtet. Damit war der Weg zum Osloer Friedensabkommen von 1993 frei.
1994 erhielt er dafür mit dem israelischen Premierminister Yitzhak Rabin den Friedensnobelpreis.
Die 53-jährige Annick Tonti ist Leiterin der Abteilung Naher Osten und Afrika bei der DEZA.
1983 bis 1987 war sie für die DEZA in Bangladesch tätig.
1994 bis 2001 war sie Leiterin des DEZA-Büros in Jerusalem und gleichzeitig Ansprechpartnerin der Schweizer Regierung für die palästinensische Autonomiebehörde.
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