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Eine Leprastation als Lebenswerk

Maria Paula lebt heute als letzte Baldegger Schwester noch in Ifakara/Tansania. Jürg Keller

1954 hat Schwester Maria Paula das Kloster Baldegg verlassen, um "in die Mission zu gehen". Im tansanischen Ifakara baute sie das "Nazareti" auf.

Die Leprastation «Nazareti» ist von mächtigen Teakbäumen umgeben. An der Kirche vorbei führt der Weg in einen grosszügigen Hof, um den die Gebäude der Leprastation im Viereck angeordnet sind: Links die Wohnhäuser für die Männer, rechts diejenigen für die Frauen. Der Einfahrt gegenüber befinden sich das Spital mit einem kleinen Operationssaal, die ambulante Station, die Wirtschaftsräume und das Büro.

Die Leprastation von Ifakara ist das Lebenswerk von Maria Paula Wicki. Als die Baldegger Schwester 1954 in Ifakara ankam, standen hier nur ein paar schäbige Lehmhütten, in denen einige Dutzend «Aussätzige» lebten. Schwester Maria Paula sollte das Labor des St. Francis Hospitals leiten, dazu gehörte die Betreuung der Leprakranken. Daraus wurde bald eine Lebensaufgabe. Im «Nazareti» leben heute 150 Leprakranke, 250 werden zudem ambulant betreut.

«In die Mission»

Bereits als junge Novizin im Kloster Baldegg wusste Maria Paula, dass sie «in die Mission» gehen wollte. Der Wunsch erfüllte sich kurz nach der Ausbildung als Krankenschwester: Die im luzernischen Buttisholz aufgewachsene Ordensschwester wurde nach Ifakara geschickt, einer kleinen Stadt im Südwesten Tansanias, 420 Kilometer von Dar es Salaam entfernt.

Die ersten Nonnen des Baldegger Ordens waren in den frühen 20er Jahren des letzten Jahrhunderts nach Ifakara gekommen. Sie begleiteten Schweizer Kapuziner, welche die Missionsarbeit der deutschen Benediktiner weiterführten, die die ehemalige Kolonie Deutsch-Ostafrika nach dem ersten Weltkrieg verlassen mussten.

Vielseitigkeit lernen

Über Tansania, bekennt Schwester Maria Paula heute lachend, habe sie bei ihrer Ankunft nicht viel gewusst. In Ifakara arbeiteten zeitweise bis zu 22 Baldegger Schwestern. Heute, 47 Jahre später, ist Schwester Maria Paula als letzte noch in Ifakara tätig. Schon vor Jahren wurde ein tansanischer Orden aufgebaut.

Dass in Afrika vor allem Vielseitigkeit gefragt ist, hat Schwester Maria Paula rasch gelernt: Als sie die Leprakranken zum ersten Mal besuchte, erlebte sie, wie ihre Vorgängerin den einheimischen Handwerkern Anweisungen für den Bau neuer Hütten gab. «Mein Gott, ich bin doch als Krankenschwester nach Afrika gekommen und nicht als Baumeisterin», dachte sie damals. Heute weiss sie: «Es muss einfach gemacht werden, was auf einen zukommt.»

Eine grosse Familie

1963 wurde Schwester Maria Paula selbst zur Baumeisterin. Die Lehmhütten wurden abgerissen und durch eine richtige Station mit Steinhäusern ersetzt. In der Leprastation wuchs mit der Zeit eine grosse afrikanische Familie heran: Schwester Maria Paula hat im Nazareti eine Atmosphäre geschaffen, in der sich die Kranken zu Hause fühlen.

Das mag mit ihrem Elternhaus zusammenhängen, in dem sie gemeinsam mit sieben Geschwistern aufgewachsen ist – oder mit dem Kloster Baldegg, ihrem zweiten Zuhause. In Baldegg überschneiden sich zudem ihre beiden Schweizer «Familien»: Zwei ihrer leiblichen Schwestern gehören wie sie dem Orden an.

«Zu Hause» sein

Die Leprakranken werden in Ifakara heute nicht mehr als «Aussätzige» behandelt, sie sind von der Bevölkerung akzeptiert. «Im Nazareti», so die Baldegger Schwester, «haben wir die Leprakranken als ganze Menschen angenommen».

Wer mit der heute 73jährigen durch die Station geht, glaubt ihr das aufs Wort. Schwester Maria Paula strahlt eine Zuversicht und ein Vertrauen aus, das sich unmittelbar auf ihre Umgebung auswirkt. Sie findet für alle Zeit und ein gutes Wort, sei es eine Patientin, ein Pfleger oder ein Junge, der nach der Genesung entlassen wird.

Für die Menschen von Ifakara ist sie längst eine der ihren. «Sie sagen immer, ich dürfe auf keinen Fall nach Hause gehen zum Sterben», erzählt Maria Paula. «Sie wollen mich selbst beerdigen.» Die Schwester, die hier längst auch «zu Hause» ist, lacht: «Das ist halt so in Afrika.»

Jürg Keller, Ifakara

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