Kabul am Tag danach
Kabul am Morgen nach den Luftangriffen: Selbst für die an Krieg und Not gewöhnten Einwohner der afghanischen Hauptstadt ist dies ein schwerer Tag. "Ich verstehe nicht, warum die Menschen in Afghanistan kein Glück haben", klagt der Vater Mirsa Mohammed, als er Kabul am Montagmorgen verlässt.
Das Leben scheint ruhig und normal – so normal wie es in der Hauptstadt eines kriegsgeplagten Staates möglich ist. Die Märkte öffnen am Montag wie an jedem Tag, Zerstörungen sind kaum sichtbar.
Doch die Einwohner sind verunsichert und verängstigt. Viele suchen nach Erklärungen für die Angriffe der Amerikaner und Briten, die sich gegen Ausbildungslager der Terroristen und Stellungen der Taliban – und nicht gegen das afghanische Volk – richten sollen.
Einige Menschen stellen sich bereits auf eine längere Auseinandersetzung ein. «Beide Seiten sind stark. Amerika fürchtet sich nicht, und Osama fürchtet sich auch nicht», sagt Busfahrer Fida Mohammed, der neben dem Flughafen von Kabul wohnt. Vorsichtshalber ist er bereits in das Haus seines Bruders am anderen Ende der Stadt gezogen. «Dieser Kampf kann lange dauern», sagt er und fügt verbittert an, «die Amerikaner essen Hühnchen, und wir wollen nur ein Stück Brot.»
Normale Situation in den Spitälern
In den vier Krankenhäusern Kabuls gibt es am Montag keine Anzeichen für Opfer. Das Flughafengelände aber bleibt geschlossen. Die Angriffe vom Sonntagabend kamen kurz vor Beginn des nächtlichen Ausgehverbots, nur wenige Afghanen waren daher auf den Strassen.
Fünf gewaltige Explosionen und Flugabwehrfeuer waren zu hören. Kurz danach fiel in der gesamten Stadt der Strom aus, Kabul versank in Dunkelheit. Taliban-Soldaten fuhren mit Lastwagen durch die Strassen und kontrollierten Autofahrer. Mehr als zwei Stunden nach den Angriffen gab es wieder Strom, um Mitternacht waren viele Lichter noch an.
Am Morgen danach klagt Mohammed Dschalil: «Oh mein Gott, wir wissen nicht, was in diesem Land geschieht.» Der Kellner macht sich Sorgen um seine Familie. Sein Bruder wurde bei der sowjetischen Invasion 1979 getötet. «Nun haben wir Angst, dass wir wieder Opfer bringen, dieses Mal durch amerikanische Raketen», sagt er. Sein zwölfjähriger Sohn Hamid berichtet, dass 20 Geschosssplitter die Scheiben des Hauses zerstörten. «Die ganze Nacht haben wir mit unseren Nachbarn im Keller verbracht», sagt Hamid.
«Wir haben sehr viel Angst gehabt»
Über den Lautsprecher der Wasir-Akbar-Chan-Moschee schmäht ein Geistlicher die Regierungen islamischer Länder, die Afghanistan im Stich gelassen hätten. «Die Führer der islamischen Länder haben ihre Pflicht vergessen, anderen Moslems zu helfen», ruft er.
Viele Familien verlassen am Montag ihre Häuser, besonders die, die in der Nähe von strategischen Zielen wie dem Flughafen gewohnt haben. Einige wollen ins Land hinausziehen, andere versuchen, bei Freunden unterzukommen.
Mirsa Mohammed will mit seinen vier Kindern Kabul verlassen und in die zentralafghanische Provinz Logar ziehen. «Wir haben sehr viel Angst gehabt. Wir haben nicht geschlafen», sagt er.
Jan Mohammed, der mit einem Lieferwagen Tomaten zum Markt bringt, schaut angstvoll in die Zukunft. «Ich kann nirgendwo hin gehen. Ich habe nur das, was ich anbaue», sagt er. «Was, wenn eine Bombe auf unser Haus fällt? Wir werden getötet. Meine Kinder, alle haben sich letzte Nacht im Keller versteckt. Wo sollen die armen Leute in Afghanistan denn hingehen?»
swissinfo und Amir Shah (AP)
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