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Porträts von administrativ Versorgten in der Schweiz

In Waisenhäuser, Gefängnisse oder Haftanstalten: Bis 1981 sperrte die Schweiz unschuldige Bürger und Bürgerinnen, die nicht den Normen der Schweizer Gesellschaft entsprachen, einfach weg. Nun wurden Porträts von Betroffenen veröffentlicht.

Dieser Inhalt wurde am 29. Juni 2019 - 11:00 publiziert
Helen James (Text), Jos Schmid (Bilder)

Die Bilder des Fotografen Jos Schmid in Schwarz und Weiss sind gestochen scharf. In Auftrag gegeben hat das Porträtbuch die vom Bundesrat eingesetzte "Unabhängige Expertenkommission administrative Versorgung". Das Buch nimmt die IndividuenExterner Link in den Fokus, die Opfer dieser Zwangsmassnahmen wurden. Es ist der erste von zehn Bänden, die sich der Erforschung dieser vergangenen Praktik widmen.

Berichte von BetroffenenExterner Link, die Vernachlässigung, Schläge und sogar sexuellen Missbrauch in diesem System überlebt haben, zeugen von grossem Leid. Zehntausende angeblich vernachlässigte Kinder wurden ihren Familien entrissen – eine Praxis, die sich aus einem ländlichen Brauch entwickelte, arme Kinder als Knechte aufzunehmen, so genannte Verdingkinder.

Frauen und Mädchen wurden zwangssterilisiert und im Rahmen der administrativen Versorgung weggesperrt. Einige wurden, weil sie schwanger aber nicht verheiratet waren von der Gesellschaft ausgeschlossen; viele standen unter Druck, ihre Babys zur Adoption freizugeben.

Andere Frauen und Männer wurden wegen "Liederlichkeit", "Trunkenheit" oder als "arbeitsscheu" ihrer Freiheit beraubt. Die Arbeit auf Bauernhöfen oder die Hausarbeit für den Staat blieben unbezahlt. 2016 bewilligte das Parlament 300 Millionen Franken als Entschädigung für die überlebenden Opfer. Dazu kam es, nachdem betroffenen Personen 2014 eine Volksinitiative lanciert hatten.

Porträts von sechs Personen, die fürsorgerische Zwangsmassnahmen erlitten:

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Michel Mischler und Willi Mischler

Kurz nach seiner Geburt 1960 trennen die Schweizer Behörden Michel Mischler von seinen Eltern und bringen ihn in ein Kinderheim. Dort verbringt er die nächsten elf Jahre seines Lebens.

Mangelnde Aufmerksamkeit seitens der Lehrer, Betreuer und Nonnen tragen zu Michels Entwicklungsproblemen bei. Im Heim erleidet er körperlichen und geistigen Missbrauch. Er wird eingesperrt und regelmässig mit Sätzen wie "du bist ein Nichtsnutz, du bist nichts und du wirst nirgendwo hingelangen" beleidigt.

Sein Bruder Willi erzählt, dass er ähnlich behandelt wurde. Er sah auch, dass die Betreuer andere im Heim schlecht behandelten. Doch die Nonnen wollten nichts davon wissen.

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Marianne Steiner

Sie wird 1951 als aussereheliches Kind geboren. Ihre Mutter wurde jung schwanger und kommt in eine Pflegefamilie, wo sie als Haushaltshilfe arbeiten muss. Mariannes Mutter heiratet später, und es scheint, als ob sich die Dinge zum Besseren wenden. Doch ihr Stiefvater ist kalt und beleidigt sie.

Marianne landet bei der Pflegefamilie, die einst ihre Mutter aufgenommen hatte. Doch die Familie behandelt sie schlecht: Die aussereheliche Schwangerschaft ihrer Mutter ist Mariannes Erbe, sie wird als "Frau mit schlechter Moral" gebrandmarkt. 

Ständige Demütigung führt zu einem geringen Selbstwertgefühl, die Behörden stufen sie schliesslich als sexuell unmoralisch ein und stecken sie in ein Heim. Die genauen Umstände ihrer administrativen Versorgung sind Marianne bis heute unklar.

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René Schüpbach

René ist ein vehementer Verfechter der Transparenz, seit er seine eigenen Erfahrungen und die anderer Menschen in einem Buch niedergeschrieben hat.

"Viele Verbrechen wurden unter dem Deckmantel der Kirche und der fürsorglichen Massnahmen begangen, ohne dass jemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Nein, einige dieser Verbrecher laufen heute noch unbehelligt herum und erhalten ohne schlechtes Gewissen schöne Renten."

Obwohl er glaubt, dass es für diejenigen, die gelitten haben, nicht unmöglich ist, ihre Träume im Leben zu verwirklichen, sagt er, dass "etliche" in psychiatrischen Kliniken landeten oder sich gar das Leben nahmen.

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Mili Kusano

Mili ist die Tochter überforderter Eltern, die durch den Zweiten Weltkrieg geschädigt worden waren. Alkoholkonsum und Gewalt gegenüber den Kindern führten zum Auseinanderbrechen der Familie. Es folgten Pflegeheime und Psychiatrie im Rahmen der administrativen Versorgung.

Im Alter von 14 Jahren wird sie als einziges Kind in eine Gruppe von älteren und schwer psychisch kranken Patienten aufgenommen. Sie wird Gegenstand von Vorlesungen, in einem Spitalkleid mitten in einem Hörsaal sitzend, während ein Professor mit Studenten über sie spricht.

Nach einer Flucht nach Ostdeutschland wird sie von der Schweizer Polizei erwischt und ins Gefängnis gesteckt. Nach ihrer Entlassung sieht sie sich gezwungen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Mit einem gefälschten Lebenslauf findet sie eine Arbeit, gewinnt die Schweizer Meisterschaft im Barfuss-Wasserskifahren und wird Mutter von zwei Töchtern. Im Alter von 40 Jahren beginnt sie ein Studium der Kultur und Philosophie an der Universität Freiburg.

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Henry Steiner

Als Junge erlebt Henry, wie seine Mutter 1944 bei der Bombardierung des Nordostens der Schweiz verwundet wird. Später weigert er sich, den Armeedienst zu absolvieren und wird von der Polizei verhaftet. Es kommt zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, gefolgt von mehr Problemen mit den Behörden.

Schliesslich wird er in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Vier Monate vergehen, bis seine psychische Gesundheit getestet wird. Daraufhin wird er entlassen.

Seine Erfahrungen aus dieser Zeit hat er in einem persönlichen Bericht "The Wilted Years" festgehalten.

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Marina Byrde

"Es hinterlässt tiefe Wunden", erklärt Marina Byrde, im Hinblick auf ihre eigenen Erfahrungen mit der administrativen Versorgung. "Die Schweizer müssen sich der Tatsache bewusst werden, dass all dies wirklich passiert ist, und zwar nicht nur an anderen Orten, sondern auch hier, in der Schweiz."

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