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Fleischkonsum auf dem ökologischen Prüfstand

Trotz voller Regale: In der europäischen Rangliste der Fleischesser liegt die Schweiz am Schluss.

(Keystone)

Ist der Genuss von Fleisch ein ökologisches und soziales Fehlverhalten? Diese Diskussion wird auch in der Schweiz geführt. Konsumenten sollen ihren Hunger auf Fleisch um die Hälfte zügeln, fordert eine Organisation. Der Fleischbranche schmeckt das nicht.

Rinderwahnsinn und andere Viehseuchen, Gesundheitsrisiken, ethische Bedenken: Seit einiger Zeit setzten Fleischgegner die Rettung des Planeten als neuen sozialen und ökologischen Imperativ. Das Gebot des Fleischverzichts greift mittlerweile über die Kreise der militanten Gegner der Fleischproduktion und der historischen Bewegung der Vegetarier hinaus.

"Gesundheit, Reinheit, Spiritualität und die Ablehnung des Tötens von Tieren waren bereits vor mehr als 30 Jahren die Argumente der ersten Vegetarier", sagt Laurence Ossipow, Ethnologin an der Genfer Hochschule für Sozialarbeit und Autorin des Werks "La cuisine du corps et de l’âme" (Die Küche für Körper und Geist).

Das ökologische Argument sei nicht gänzlich neu, aber erst in letzter Zeit aufgrund des Bewusstseins um die Klimaerwärmung aufgekommen, und zwar in Kombination mit einer strengeren Tierethik und auftretenden Lebensmittelkrisen, sagt Ossipow gegenüber swissinfo.ch.

Konkret argumentieren Fleischgegner damit, dass Kühe für einen grossen Teil des Ausstosses von Methangas verantwortlich seien, das für die Aufheizung des Erdklimas mit verantwortlich ist. Dazu brandmarken die Fleischgegner die Abholzung riesiger Waldflächen, die Plünderung von Nahrungsmittel-Ressourcen im Süden und die Treibstoffkosten für den globalen Transport von Fleisch und Futtermitteln.

Hände weg von meinem Steak!

Trotz der lauter werdenden Kritiker haben die Schweizerinnen und Schweizer ihre Grills auch im letzten Jahr nicht zurückgefahren. Im Schnitt verzehrten sie 53,6 Kilogramm Fleisch, soviel wie noch nie seit der Jahrtausendwende.

"Vegetarismus und Ökologie sind vor allem in der Mittelschicht verbreitet, wo der Fleischverzehr zurückgegangen sein dürfte", sagt Laurence Ossipow. Angehörige der Unterschicht dagegen könnten sich mehr Fleischkonsum leisten, auch wenn die Diskussion um die biologische Nahrungsmittel-Produktion langsam auch diese Schichten erreiche.

Heinrich Bucher, Direktor von Proviande, der Branchenorganisation der Fleischproduzenten, blickt auf einen generellen Rückgang des Fleischkonsums in der Schweiz seit den 1990er-Jahren zurück. "Die Schweiz ist Schlusslicht Europas, weit hinter Spanien und Frankreich", konstatiert Bucher.

Die Ethnologin Ossipow sieht dafür zwei Gründe: Erstens den Einfluss der deutschen Lebensreform-Bewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts populär wurde, sowie zweitens eine protestantisch geprägte Ernährung, die keinerlei Exzesse kenne.

Den Höchststand erreichte der Fleischkonsum 1987, als die Menschen in der Schweiz doppelt soviel Fleisch assen wie noch in den 1950er-Jahren.

Umstrittenes Soja aus Brasilien

Laut Proviande stammen 80% des verzehrten Fleisches aus der Schweiz. Die Rinder- und Schweinezucht mache Sinn, weil die Kühe mit Gras, Heu und Stroh aus der Schweiz gefüttert würden, Schweine mit Abfallprodukten aus der menschlichen Nahrungsmittelkette, so Heinrich Bucher.

Andrea Hüsser von der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Erklärung von Bern (EvB) ist anderer Ansicht. "In der Schweiz kann nur deshalb so viel Fleisch produziert werden, weil sie 650'000 Tonnen Kraftfutter für das Vieh importiert." Dies mache 40% der gesamten Fütterung aus, so Hüsser.

Speziell im Visier hat sie die 28'000 Tonnen Soja aus Brasilien. "Die Hälfte des Ackerlandes Brasiliens wird für Soja gebraucht. Das geht auf Kosten des Waldes und der Menschen, die vertrieben werden."

"Das Klima in der Schweiz ist für den Anbau von Soja ungünstig", räumt Heinrich Bucher ein. Und seit der Rinderwahnsinn-Krise dürften keine tierischen Proteine, sprich Tiermehl, mehr verfüttert werden. Auf EU-Ebene würden aber Diskussionen laufen, dass Tiermehl wieder erlaubt sein sollten, zumindest in der Schweine- und Hühnermast. Bucher verweist darauf, dass sich die Branche immerhin seit 2004 für Soja stark mache, das frei von gentechnisch veränderten Organismen sei (GVO).

"Unverantwortbar"

Für Andrea Hüsser stechen diese Argumente nicht. "Der Verbrauch von Soja wird steigen, weil ab kommendem Juli Schweine nicht mehr mit Essensresten gefüttert werden dürfen." Gemäss den Schweinezüchtern wird der Wegfall von 100'000 Tonnen Nahrungsmittelabfällen zu rund einem Drittel mit Soja aus Brasilien gedeckt werden müssen.

Um die Einfuhr von Fleisch und Futtermitteln ganz einzudämmen, müssen die Schweizer laut EvB ihren wöchentlichen Fleischkonsum auf 500 Gramm reduzieren. "Das ist nicht realistisch", sagt Heinrich Bucher, man könne den Konsumenten nicht vorschreiben, was auf deren Tisch komme.

Zudem würde die Branche, in der 25'000 Personen arbeiteten, stark betroffen. "Der Fleischumsatz des Detailhandels beträgt 5,5 bis 6 Mrd. Franken, mit den Importen gar das Doppelte. Die Existenz von tausenden Züchtern und Verarbeitern wäre bedroht", sagt Bucher.

"Wir lehnen die Unterstützung einer Fleischproduktion ab, die nicht verantwortbar ist", antwortet Andera Hüsser. Es gehe nicht um die Einführung einschränkender Gesetze für Produzenten und Industrie, sondern vielmehr um die Wahl der Konsumenten. "Essen sie weniger Fleisch, sinkt die Nachfrage und die Wirtschaft muss ihr Angebot überprüfen, wie dies auch in anderen Branchen der Fall ist", schliesst die EvB-Mitarbeiterin.

Fleisch in der Schweiz

Konsum: Laut Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, hat 2010 jede Person in der Schweiz 53,6 kg Fleisch verzehrt, 3,3% mehr als 2009. Rekordjahr war 1987, als pro Person 71 kg gegessen wurden.

Vorlieben: Schweinefleisch ist das beliebteste Fleisch der Schweiz, es folgen Rind-, Hühner- und Lammfleisch. Es gibt aber wesentliche regionale Unterschiede: In der Westschweiz wird Rindfleisch bevorzugt, vor Hühner- und Schweinefleisch. In der Deutschschweiz Schweinefleisch vor Rind- und Hühnerfleisch.

Herkunft: 80% des in der Schweiz verzehrten Fleisches wurde 2010 im Land produziert. Kalbfleisch: 98,4%, Schweinefleisch: 94,5%, Rindfleisch: 84,3%, Hühnerfleisch: 50,3%, Wild: 22,2%.

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Nachteilige Auswirkungen

Die Art und Weise, wie derzeit Fleisch produziert und konsumiert wird, ist laut einem Bericht des UNO-Umweltprogramms UNEP einer der Gründe der Umweltverschmutzung und globalen Erwärmung.

Die Viehzucht produziert 18% aller Treibhausgase, mehr als das Transportgewerbe (14%). Die Tiere sind auch verantwortlich für einen Grossteil der Ammoniak-Emissionen, einer Substanz, die Ökosysteme übersäuert. Laut der Umwelt-Organisation Greenpeace ist die Viehzucht für 80% der Zerstörung von Urwäldern verantwortlich.

Fleischproduktion ist sehr futter- und wasserintensiv: Um 1 kg Hühnerfleisch zu produzieren, sind 4 kg Getreide nötig, 1 kg Schweinefleisch braucht 6 kg Getreide und 5000 Liter Wasser. 1 kg Rindfleisch braucht 15'000 Liter Wasser, während für 1 kg Getreide nur 1000 Liter nötig sind.

90% des weltweit angebauten Sojas und über 40% des Getreides wird zu Viehfutter verarbeitet, 70% der Ackerfläche wird zu dessen Anbau benutzt.

Die UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft schätzt, dass sich der weltweite Fleischverbrauch bis 2050 fast verdoppeln wird.

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(Übertragen aus dem Französischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch


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