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"Pandemien sind von Natur aus etwas Anti-Städtisches"

Aufkleber, Pfeile und Klebeband geben Orientierung und fordern zum Abstandhalten im urbanen Alltag auf. © Keystone / Christian Beutler

Historisch betrachtet sind Städte Pandemie-Brennpunkte. Corona bildet keine Ausnahme und wirft Fragen auf über die Gestaltung zukünftiger urbaner Räume. Andri Gerber, Professor für Städtebau-Geschichte, will mithilfe eines Videospiels zeigen, wie Städte dicht und trotzdem sicher gestaltet werden können.

Dieser Inhalt wurde am 17. März 2021 - 12:15 publiziert

Bis zum Jahr 2050, so die Prognosen der UNO, werden 68 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Städte-Experten argumentieren seit langem, dass die urbane Dichte die Energieeffizienz von Städten erhöht. Aber die Bevölkerungszentren von heute sind auch Orte, an denen sich Viren wie Covid-19 leicht verbreiten können.

Ein Forscherteam der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat nun ein VideospielExterner Link entwickelt, das den Zusammenhang zwischen städtischer Wohndichte und Infektionsgefahr veranschaulichen soll.

Federführend beim Projekt ist Andri Gerber, Professor für Städtebau-Geschichte am Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen der ZHAW. Gerber untersucht, wie man in einer Welt, die mit Pandemien und dem Klimawandel konfrontiert ist, Städte dichter und trotzdem sicher bauen kann.

Videospiel Dichtestress

Im Videospiel "Dichtestress – Ein Covid-19-Game" bewegt sich der Spieler aus der Ego-Perspektive durch sechs Levels, die Stadtgebieten aus über 500 Jahren Architekturgeschichte nachempfunden sind, darunter die "Ideale Stadt" des Architekten Francesco di Giorgio Martini von 1490, die 1995 abgerissene "Walled City" in Hongkong oder das aktuelle Niederdorfquartier in Zürich.

Ziel ist es, anhand der von den Gesundheitsbehörden empfohlenen Abstandsregel von 1,5 Metern den Ausgang zu finden und dabei möglichst wenige Personen zu infizieren. Das Spiel ist für iOS und Android verfügbar, mobile Geräte werden jedoch nicht unterstützt. 

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SWI swissinfo.ch: Herr Gerber, welchen Einfluss haben Pandemien auf die Stadtplanung?  

Andri Gerber: Seit der Antike ist die Idee einer Stadt gleichbedeutend mit Sicherheit und Zivilisation. Aber diese Wahrnehmung ist tückisch, denn sie führt dazu, dass über Bedrohungen wie die aktuelle Covid-19-Pandemie oft zu wenig nachgedacht wird. In Zürich zum Beispiel wüteten über die Jahrhunderte zahlreiche Pandemien, die Hunderttausende von Menschenleben kosteten. Pandemien sind von Natur aus etwas Anti-Städtisches: Urbane Zentren sollen Menschen zusammenbringen – dem widerspricht das Prinzip der sozialen Distanzierung, das nun herrscht. Die ganze Geschichte der Stadtplanung ist geprägt von Epidemien und Versuchen, bessere und gesündere urbane Räume zu schaffen..

Das klingt fast so, als würde die Stadtplanung nach Seuchenausbrüchen regelmässig neu erfunden werden. Ist sie somit eher reaktiv als präventiv in Bezug auf solche Probleme?

Ja und nein. Bereits die Stadtplaner der griechischen Antike hatten die Gesundheit im Kopf, als sie sich Gedanken über geeignete Standorte von Städten machten. Hippokrates von Kos, der berühmte Arzt aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., schlug erstmals vor, die Gesundheitsrisiken an einem potenziellen Standort mittels Leber-Wahrsagerei zu beurteilen. Man liess Tiere dort weiden, anschliessend wurden einige geopfert, um anhand der Leberschäden festzustellen, ob die Tiere mit übertragbaren Krankheiten infiziert waren. Wenn das Wasser und das Futter tatsächlich verseucht waren, ging die Suche weiter. Die griechischen Stadtplaner erachteten den Faktor Gesundheit somit als genauso wichtig wie das Klima oder die Sonneneinstrahlung. Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass eine Stadt nicht in drei oder vier Jahren gebaut wird, sondern in ein oder zwei Jahrhunderten.

Gab es denn auch in der Schweiz, historisch gesehen, Massnahmen von Stadtplanern, um Infektionskrankheiten zu verhindern?

Vor Mitte des 19. Jahrhunderts konzentrierten sich unsere Vorfahren hauptsächlich auf den Bau der notwendigen städtischen Infrastruktur wie Strassen, Nahverkehr und Gesundheitseinrichtungen. Wurde die Stadt von einer Seuche heimgesucht, wurden einfach die kranken Menschen vertrieben. Wenn man keine Ahnung hat, woher eine Pandemie kommt, kann man auch nicht effektiv darauf reagieren. Die Seuchenkartierung machte im 19. Jahrhundert einen bedeutenden Sprung nach vorne.

1854 nutzte John Snow, der oft als "Vater der Epidemiologie" bezeichnet wird, die geografische Kartierung eines Choleraseuche in London und identifizierte die Quelle des Ausbruchs. Das veränderte die Epidemiologie in Bezug auf öffentliche Hygiene und Stadtplanung grundlegend. Man erkannte, dass man mit städtischen Massnahmen die Ausbreitung von Pandemien stoppen und zukünftige verhindern konnte.

Seither wurden ganze städtische Infrastrukturen – vor allem Wasser- und Sanitäranschlüsse – immer wieder von Neuem aufgebaut. Viele Merkmale von Städten wurden ersetzt oder entfernt. Die mittelalterlichen EhgräbenExterner Link auf beiden Seiten der Zürcher Limmat sind ein gutes Beispiel dafür. Vor der Einführung von Toiletten und unterirdischer Kanalisation dienten diese engen Gräben zwischen den Häusern als offene Abwasserkanäle. Abfälle aus Küchen und Unrat wurden dort entsorgt.

Ehgräben, wie hier im Zürcher Niederdorf, dienten im Mittelalter als Abwasserkanäle. Thomas Hussel / Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Wuhan, wo die Coronapandemie ihren Anfang nahm, ist die am dichtesten besiedelte Stadt Chinas. Ebenso ist New York, wo einer der schlimmsten Ausbrüche in den Vereinigten Staaten stattfand, die am dichtesten besiedelte US-Stadt. Sind hohe Bevölkerungsdichten also mitschuldig an der Pandemie?

Dieser Aussage würde ich mich nicht anschliessen. Dichte per se sollte nicht verurteilt werden oder als Sündenbock für die Covid-19-Krise herhalten. Die Kernfrage ist, wie man Städte auf vernünftige Art und Weise dicht gestalten kann.

Wenn man sich New York anschaut, dann ist es aus städtebaulicher Sicht eine sehr segregierte Metropole mit nur einem, dafür riesigen Park im Zentrum. Ansonsten sind Grünflächen sehr spärlich. Dies ist kein ideales Design, um eine Epidemie einzudämmen. Traditionelle europäische Städte haben mehr Parks. Diese erhöhen die Widerstandskraft gegen Pandemien. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die mittelalterlichen engen Strassen, zum Beispiel in der Altstadt von Zürich, wegen der relativ hohen Wohndichte nicht gut gegen Pandemien gewappnet sind.

Es ist klar, dass Dichte ein Thema ist, über das wir nachdenken müssen, wenn wir die Beziehung zwischen Pandemien und Stadtplanung diskutieren. Das wollen wir mit unserem Videospiel tun. Es gibt verschiedene Arten, Städte zu bauen, und auch verschiedene Arten von Dichte. Das Spiel ist sehr politisch und zielt darauf ab, die aktuelle Kritik an der städtischen Verdichtung herauszufordern. Die Spielerinnen und Spieler lernen, dass es sinnvoll ist, auch bei einer dicht besiedelten Stadt genügend Freiräume zu schaffen, damit sich die Menschen im Freien aufhalten können – unter Einhaltung von Abstandsregeln.

Keine Schweizer Stadt fällt unter die UNO-Definition für eine Megastadt. Bedeutet dies, dass Schweizer Städte aufgrund der geringeren Bevölkerungsdichte und des niedrigeren Urbanisierungsgrades von Natur aus eine grössere Resistenz gegen Covid-19 haben?  

Die Schweiz hat tatsächlich keine einzige Megastadt. Aber das ganze Mittelland könnte man de facto als eine Megastadt mit relativ geringer Bevölkerungsdichte betrachten. Das Problem in der Schweiz ist, dass alle Städte, Gemeinden und Dörfer aufgrund ihres effizienten öffentlichen Verkehrsnetzes stark miteinander verbunden sind. Hinzu kommt, dass ein beträchtlicher Teil der Berufstätigen sehr mobil ist, was die Eindämmung von Covid-19 zusätzlich erschwert.

Zahlreiche Experten fordern, dass die Städte der Zukunft stärker regionalisiert und lokalisiert sein müssen. Melbourne in Australien hat das Konzept der "20-Minuten-Stadt" entwickelt, in der fast alles, was die Bürger benötigen – Läden, Bildung, Freizeitangebote und so weiter – innerhalb von 20 Minuten zu Fuss oder mit dem Fahrrad erreichbar ist. Wäre diese Art autarker städtischer Gemeinschaft ein Weg, um Pandemien zu verhindern?

Ein weiteres Beispiel ist die 15-Minuten-Stadt, die in Paris erprobt wird. Solche Ideen sind sicherlich inspirierend und werden auch in der Schweiz diskutiert. Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Schweizer Städte jedoch kleiner, so dass viele Einwohner bereits in einer Art 15-Minuten-Stadt leben. Aber in der Schweiz haben solche Ideen eher mit Nachhaltigkeit als mit öffentlicher Gesundheit zu tun. Mit anderen Worten: Dieses Konzept wird nicht als gezielter, effektiver Ansatz zur Verhinderung von Epidemien angesehen.

Zahlreiche Forscher prophezeien, dass uns Covid-19 auf die eine oder andere Art immer begleiten wird, zudem werden neue Pandemien auftreten. Deshalb glaube ich, dass eine ideale Stadt der Zukunft so gebaut werden sollte, dass sie sich an verschiedene Bedrohungen anpassen kann – nicht nur an Pandemien, sondern auch an Kriege, Naturkatastrophen, Umweltgefahren und andere Notsituationen. Wenn Infektionskrankheiten ein Teil unseres Lebens sein werden, dann sollten die Städte, in denen wir uns niederlassen, widerstandsfähiger sein.

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