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BEST OF—LESEN—Die Baudenkmäler von Montreux entdecken

Das Caux-Palace ist ein Kleinod des Rundgangs swissinfo.ch

Montreux zieht seit zweihundert Jahren Feriengäste an – das begann lange, bevor des Jazzfestival die Stadt am Genfersee bekannt machte.

Jetzt hat der Ort beschlossen, seine Baudenkmäler ins Rampenlicht zu stellen, und zwar mit einem Faltblatt, das einen Rundgang zu vielen alten Palästen, Hotels, englischen und russischen Kirchen sowie private Residenzen vorschlägt, die von berühmten Architekten gebaut wurden.

Schon auf den ersten Blick wird klar, dass die 21 Gebäude in und um Montreux und die Nachbarstadt Vevey ganz unterschiedlich sind.

Einige sind sehr beeindruckend, andere wirken eher bescheiden, ein paar sind wunderschön restauriert, andere ziemlich heruntergekommen.

Aber alle legen sie Zeugnis ab von der Entwicklung der Region als Ferienort, als Rückzugsort für die Reichen und Berühmten und als Zentrum für multinationale Konzerne.

Das Faltblatt zu Montreux und Vevey gehört zu einer Serie, die der Schweizer Heimatschutz herausgegeben hat.

«Ich hoffe, die Publikationen können die Bedeutung dieser Gebäude ins Bewusstsein der Leute rücken», erklärt Patrick Moser, der als Kunsthistoriker an den Faltblättern mitgearbeitet hat.

Jeden Mittwoch Nachmittag öffnet Moser die Villa le Lac für die Öffentlichkeit. Als Erstes macht er schnell einen Rundgang, putzt die Spinnweben weg. Dann beschreibt er uns im Detail Architektur und Geschichte.

Le Corbusier

Das Haus mit seinen 64 Quadratmetern ist das weitaus kleinste der vorgestellten Gebäude. Es wurde aber vom vielleicht grössten Architekten des 20. Jahrhunderts entworfen: Le Corbusier.

Der Schweizer Architekt baute die Villa 1922-23 direkt am Ufer des Genfersees für seine pensionierten Eltern.

Der einstöckige, würfelartige Bau ausserhalb Veveys zeigt aufs Beste die minimalistische Architektur Le Corbusiers.

Zur Seeseite hin hat es ein grosses Panoramafenster. Und dank Schiebetüren und Klappbetten konnten seine Eltern das Innere des Hauses offen lassen – oder aber unterteilen, wenn sie Gäste hatten.

Unübersehbar dagegen ist in Vevey der Hauptsitz des Nahrungsmittelriesen Nestlé.

Das Gebäude aus den 1960er-Jahre hat die Form eines Y und nimmt einen grossen Teil des Ufers ein. Laut dem Faltblatt ist es «eines der seltenen Beispiele für den internationalen Stil im französischsprachigen Teil der Schweiz».

Nestlé

Firmengründer Henri Nestlé entwickelte seine erste Babynahrung am Ufer des Genfersees, und das Faltblatt bezeugt dem Pionier Respekt, indem es die «Nestlé-Kinderkrippe» in den Rundgang einschliesst.

Sie wurde in den späten 1930er-Jahren für drei Dutzend Kleinkinder gebaut, um die neue Babynahrung zu testen.

Nicht weit davon entfernt finden wir die Russisch-orthodoxe Kirche Veveys. Sie erinnert daran, dass im 19. Jahrhundert neben dem Schriftsteller Dostoyevsky auch viele andere Mitglieder der russischen Bourgeoisie in die Region kamen.

Sie ist typisch für die slawische Architektur. Und genau so ist die Anglikanische Kirche in Montreux typisch für die englische Architektur.

Letztere stammt aus dem Jahr 1877 und wurde für die vielen britischen Feriengäste und in der Schweiz lebenden Britinnen und Briten gebaut. Und sie wird heute noch von diesen besucht.

Das Innere ist neugotisch, überdacht von einer wunderbar gestalteten Holzdecke.

«Genau solche Dächer findet man in den Landkirchen in England», erklärt Moser. «Aber diese echte englische Kirche steht mitten in Montreux».

Leider war das Dach undicht und die Wände der Kirche wurde beschädigt.

Verkauf durch Sotheby’s

Da das Geld für Renovationen fehlte, gelangte die Kirche an Sotheby’s, um ihr wertvollstes Gemälde in einer Auktion zu verkaufen: Eine Madonna mit Kind des italienischen Renaissance-Architekten Andrea Previtali. Der Erlös reichte für die wichtigsten Reparaturarbeiten.

Das Gemälde brachte einen hohen Preis, weil die Wand im Hauptschiff der Kirche, an der es gehangen hatte, wie durch ein Wunder von Wasserschäden verschont blieb.

Die britischen Gäste, für welche die Anglikanische Kirche gebaut wurde, wohnten im 19. und im frühen 20. Jahrhundert meist in den zwei nahe gelegenen grossen Hotels (die später in Privatwohnungen umgebaut wurden).

Der lokale Architekt Eugène Jost hatte diese und einige weitere grosse Hotels entworfen, darunter auch das Montreux Palace.

Das Palace ist nach wie vor ein Hotel und eine der besten Adressen in der Schweiz, was leider für das Hotel National etwas weiter unten an der Strasse nicht mehr gilt.

Das steht seit langem leer, Fenster und Türen der prachtvollen Galerie sind mit Brettern vernagelt.

Ganz anders das Caux-Palace, das als nächstes auf dem Programm steht.

Belle Epoque

Es ist Josts bestes Werk, liegt hoch über Montreux und ist wohl eines der eindrucksvollsten Gebäude der Belle Epoque in der Schweiz.

Mit seinen vielen Türmchen und Türmen, Ballsälen und Hallen mit Kronleuchtern sowie seiner weiten Sicht auf den Genfersee und die französischen Alpen zeugt es vom Hang zur Grösse in jener Zeit.

Es diente von der Eröffnung im Jahr 1902 bis in die späten 1930er-Jahre als Hotel. Während des Zweiten Weltkriegs waren jüdische Flüchtlinge darin untergebracht.

Nach dem Krieg wurde es von der Stiftung ‚Moralische Aufrüstung‘ (heute ‚Initiativen der Veränderung‘) gekauft, in deren Besitz es noch heute ist.

Der monumentale Bau blieb erstaunlicherweise über die Jahrzehnte von verunstaltenden Renovationen verschont und wird heute sorgfältig restauriert.

Es sind noch immer viele Originalteile sowie dekorative Holztische und -stühle vorhanden.

swissinfo, Dale Bechtel in Montreux

Im Faltblatt zu Montreux werden folgende Gebäude vorgestellt:
Das Grand Hotel (heute Privatwohnungen) und die Anglikanische Kirche St John’s in Territet in einem Aussenquartier der Stadt.
Das Caux-Palace, zu dem man mit der Montreux-Glion-Caux-Bergbahn gelangt. (Besichtigung auf Anmeldung bei der Stiftungsverwaltung, mindestens 48 Stunden zum voraus).
Das Hotel National Gallery (leerstehend).
Die Katholische Kirche aus dem 19. Jahrhundert.
Der 22-stöckige Elfenbein-Wohnturm.
Das Hotel Montreux Palace.
Der Tempel von Clarens.
Die Villen Des Crêtes, Dubochet und Karma.
In Vevey und Umgebung:
Die Villen Kenwin (Privathaus), Doges (Besuch nur auf Voranmeldung) und Le Lac von Le Corbusier (vgl. Artikel), die von April bis Oktober jeden Mittwoch Nachmittag der Öffentlichkeit offen stehen.
Die Kirche Notre Dame und die Russisch-Orthodoxe Kirche (letztere ist ebenfalls am Mittwoch Nachmittag offen).
Der Hauptsitz von Nestlé und seine Kinderkrippe.
Das Château de l’Aile, die Grenette und die Galeries du Rivage, alle rund um die Grande-Place von Vevey.
Das Hotel Trois Couronnes, das 2003 zum historischen Hotel des Jahres ernannt wurde.

Das Faltblatt «Discover our Heritage» (‚Baukultur entdecken‘, auf Deutsch vergriffen) ist gratis erhältlich in den Tourismusbüros von Montreux und Vevey.
Nicht alle 21 aufgeführten Gebäude stehen der Öffentlichkeit offen, und einige können nur auf Voranmeldung besichtigt werden. Am besten erkundigt man sich im Tourismusbüro.
Es ist empfehlenswert, den Rundgang mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Privatauto zu unternehmen, denn die Gebäude liegen weit auseinander am Seeufer und in den Hügeln hinter den beiden Orten.

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