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Calexico und Beck: Grenzlandmusik

Beck sorgte für den vorläufigen Höhepunkt des Festivals. Keystone

Das Jazzfestival von Montreux erlebte am Dienstagabend (09.07.) möglicherweise DEN Höhepunkt. Eingestimmt von der Band Calexico bot Beck alles, was Rock n' Roll heute kann: Stile verschmelzen, Grenzen aufheben und eigenständige Musik daraus hinzaubern. Diesen Montreux-Abend mit Beck wird nicht so schnell jemand überbieten.

Begonnen hat dieser Abend in «Calexico». Das ist übrigens kein Ort irgendwo an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, sondern eine Abkürzung für California-Mexiko. Ganz in Anlehnung an das gängige «Texmex», das einst aus dem Zusammenzug der Wörter Texas und Mexiko entstanden ist.

Genau dort, an dieser heissen Grenze, wähnte man sich, als die amerikanischen Calexico um Joey Burns und John Convertino, die ihre Musik in Tuscon/Arizona einspielen, schwere Gitarrenriffs aufdröhnen liessen.

Die «Ghostriders in the Sky» gingen auf Patrouille und immer hatte man das Gefühl, sie seien dabei, einen Mexikaner beim illegalen Grenzübertritt in die USA aufzuspüren.

Mariachi-Trompeten, scheppernde Banjos, Rumba-Hölzchen, Pedalsteel-Guitars, Marimba- und Vibraphon, Glockenspiel, Rasseln, Akkordeon, Geigen und Thunder Drums. Ein Klangteppich, der mal schneidend in den Gehörgang drang, mal melancholisch die Situation an der Grenze von Reich zu Arm widerspiegelte: «Riding on through nostalgia – shaking memories by the mile – the city lights are closing in on him – the distance grows shorter for a while», sang Burns.

Anders als Texmex tönt Calexico schwerer, erdiger und weniger optimistisch. Die Illegalen am Zaun bei Tijuana und El Paso müssen sich in Acht nehmen.

Dann kam Beck

Und all diejenigen, die es geschafft haben, ins gelobte Land einzudringen, haben ihre Musik mitgebracht, und alle diese Musiken hat Beck aufgesogen (Bitte nicht mit Jeff Beck verwechseln. Jeff in Ehren, aber diesen Abend hätte er nie und nimmer hingekriegt).


Beck, der Tausendsassa, schafft es doch tatsächlich, genau hinzuhören in die Musik der vergangenen 30 Jahre, und uns seine Versionen davon vorzusetzen. Versionen, die sich gewaschen haben. Beck Hanson ist erblich vorbelastet. Sein Vater wie auch sein Grossvater waren beide «Künstler», und ihre Gene scheinen bei Beck dem Dritten eine wundersame Mixtur zusammengestellt zu haben.

Da stand er also. Allein mit seiner Gitarre auf der Bühne, als wollte er schnell mal im Teashop im New Yorker Village vorbeischauen. Ein Stück! Dann ging es los. Die Mitmusiker betraten die Szene und in einem ShaNaNa-haften Auftritt zogen die Kerle eine Show ab. Hut ab!

Gekonnter Stilmix

Da hallten funkige Bläser durch die Halle. Ein gutgelaunter Roger Mannings im schrillen Pseudo-Batman-Outfit traktierte die (bewegliche) Orgel. Beck tanzte wie ein Irrwisch auf der Bühne rum.

Bewundernswert wie sich dieser Mann bewegen kann. Da stimmte einfach alles. Die Stimme, der Tanz, die Musik, die zu dieser Phase des Konzertes vor allem ab der neusten CD «Midnite Vulture»kommt: «Take a ride on a broken Train – Billionaires smile like weapons!»

Dann holt Beck 30 Leute aus dem Publikum auf die Bühne. Aus einem Publikum, das mächtig in Fahrt gebracht wurde und weitere drei Soul-Nummern mit Bowie-Einschlag. Weiter geht das Ding. Die volle Bühne bebt und schwoft.

Loser?

Dann verabschiedet Beck alle Girls und Boys persönlich von der Bühne, küsst hier eine Wange, schüttelt da Hände, umarmt dort jemanden, und langsam leert sich die Bühne wieder – ohne dass der Sound verebben würde. Und urplötzlich lässt uns Beck wissen: «I’m a loser, baby, so why don’t you kill me.»

Mit seiner 1994 Single machte Beck das erste Mal so richtig auf sich aufmerksam. «Loser», das Stück, das etwas vom Schlussgesang von «Hey Jude» der Beatles hat, dargebracht von einem Gewinner!

Hat Beck mit «Midnite Vultures» – seiner wohl bislang schwärzesten CD – begonnen, gönnt er sich etwas Ruhe mit leiseren Tönen aus der «Mutations», um dann doch allmählich wieder zu klingen wie Smokey Robinson oder Sly Stone.

Das grandiose Finale

Beck ist mittlerweile auf die Ziellinie eingeschwenkt. Das Publikum ist längst in Ekstase, als die Loops von «It’s all over now, Baby Blue» in der Them-Version ertönen.

Dann Zugaben, darunter «Sex Laws» – «I want to defy – the logic of all sex laws!»

Beck wird noch einmal auf die Bühne geschrien, und nun bricht der volle Irrsinn aus: «Devils haircut» spielt auf einer schummrigen, von bizarren Gestalten bevölkerten Bühne. Bis alle – wie vom Seweso-Gift gezeichnet – röchelnd auf die Matte sinken.

War es Haloween oder Wirklichkeit? Am Schluss dirigiert Beck – wie am Flughafen – das Raumschiff Erde zum Start. Wir heben ab, ein grossartiger Abend ist aus. Die Lichter auch. Was nun?

Alles halb so schlimm. Eine Stunde später verlässt Beck, frisch geduscht und geföhnt die Halle, steigt ins Auto, sagt artig gute Nacht, winkt. Seine wunderschöne Begleiterin daneben lächelt wohlwollend. Dann fährt der Chrysler los. Alles hat seine Ordnung. Seit Beck wissen wir wieder, was Rockmusik ist: eine junge Musik. Beck wurde vor einigen Tagen 31 Jahre alt.

Urs Maurer, Montreux

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