The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

Denkspiele in der Kunst

Ben Vautier 'L'art est inutile, rentrez chez vous' (1971). 2002 ProLitteris, Zürich

Das Zürcher Kunsthaus präsentiert: "Public Affairs - von Beuys bis Zittel". Das Öffentliche in der Kunst.

Ohne Öffentlichkeit keine Kunst. Was aber heisst das für die zeitgenössische Kunst? Der Rundgang bietet Denkspiele der witzigen Art.

Die Kunst in der Öffentlichkeit ist schon lange ein Thema. Die Umkehrung dessen ebenso. Was Print- und elektronische Medien täglich medial zig-fach ins grelle Licht zerren, behandelt auch die Kunst.

Das Allgemeine wird reflektiert, gespiegelt, befragt und neu zusammengesetzt. Bloss lässt einen das Museum dafür länger Zeit. Ein ganz und gar nicht unbedeutender Faktor.

Keine Aufregung

«Schlechte Nachrichten habe ich keine, die Aufregung kommt von der Kunst», erklärte Kunsthausdirektor Jurek Becker mit einem Augenzwinkern an der Medienkonferenz. Er spielte damit auf Zürichs aktuelle Kulturdebatte ums Zürcher Schauspielhaus an. Darum, welches Theater, welche Kunst die Öffentlichkeit will. Und gilt die Aufregung der Kunst oder deren Vermittler, in diesem Falle Christoph Marthaler?

Aufregung im marktschreierischen Sinne wird es um diese «Public Affairs»- Ausstellung mit Garantie keine geben. Ist auch nicht beabsichtigt. Die von Kuratorin Bice Curiger zusammengestellte Ausstellung besticht durch Witz und einen spielerischen Zugang.

Stärken und Schwächen

In ihrer Stärke liegt aber auch die Schwäche der Ausstellung. Etliche der rund 100 Werke und des 13-teiligen Videoprogramms beissen nicht, sind mitunter fast zahnlos. Was in den 70-er Jahren noch einen veritablen Skandal verursachte, liest sich heute mit der zeitlichen Distanz harmlos.

Wer versteht noch die Aufregung um einen Dienstagsclub im Schweizer Fernsehen als Dieter Roth 1986 die Wörter «Arschloch» und «Seich» wiederholt benutzte und zum Thema der Sendung: «Was tun gegen Übergewicht nach den Festtagen», nichts zu sagen hatte…

So kann, wer will, die Ausstellung ganz einfach mit einem Schmunzeln oder einem grossen Staunen ablaufen, ohne sich weiter Gedanken machen zu müssen. Öffentlichkeit in der Kunst – man hat sich so daran gewöhnt.

Adolf Ogi ist Kunst, Ogi ist Öffentlichkeit

Dabei sind Denkspiele durchaus angelegt. Bereits in der Eingangshalle sehen und hören wir die Neujahrs-Ansprache des damaligen Bundespräsidenten Adolf Ogi. Im Schnee vor dem Lötschbergtunnel neben einer kleinen Tanne stehend, liest Ogi seine Rede ab dem Telepromter, betont pathetisch Satz für Satz und beschwört die Nation. Als er gar einen Tannenzweig den Kunstschaffenden im Lande widmet, bricht diese Video-Idee von Christoph Büchel die Wahrnehmung gleich mehrfach.

Anregend auch jener Teil, in dem Ferdinand Hodlers Monumentalschinken «Einmündigkeit» (1913) und «Rückzug aus Mariginano» (1897) Ben Vautiers «L’art est unitile, rentrez chez vous» (1971) in die Zange nehmen. Daneben Thomas Hirschhorns goldene Riesen-Kette mit CNN-Anhänger aus Plastik, Geschenkpapier und Klebeband.

Dann der Blick auf die grossen Lettern NSZ – Notschlafstelle Zürich ist damit gemeint. Darunter sechs verschiedene Materialien, Matratzen symbolisierend. Filz, Leinwand, Schaumstoff – gegenwärtig in der Kunst – verweisen einmal mehr auf Durchlässigkeit. Diese Arbeit stammt von Ian Anüll aus dem Jahre 1989.

Die Ausstellung in Zürich deckt einen grossen Tisch mit zeitgenössischer Kunst. Pippilotti Rist, Dieter Meier, Joseph Beuys, John Armleder, Valie Export, Jenny Holzer und viele mehr laden zu einem üppigen Kunst-Mahl.

Öffentlichkeit ist überall

Der erste Jahrestag 9/11, der 11. September, ist bereits Vergangenheit. Die Bilder dazu sind es nicht. Die Öffentlichkeit schaut immer noch und immer wieder paralysiert auf das Geschehen.

Parallel zur Ausstellung «Public Affairs» ist im Kunsthaus Zürich «Here is New York – A Democracy of Photographs» zu sehen. Gezeigt werden rund 500 Fotos, die im Umfeld der Anschläge auf das WTC aufgenommen wurden. Das Unfassbare fassbar machen, auch dass kann Kunst sein.

swissinfo, Brigitta Javurek

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft